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Robuste Industrie in Europa und sinkende Inflationserwartungen
Deutsche Industriemanager stecken den Nahostkrieg besser weg als den Beginn der Totalinvasion Russlands vor vier Jahren.
Publiziert heute um 05:00 Uhr
Illustration: Marco Tancredi
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Diese Woche sind die ersten Umfrageergebnisse unter Managern europäischer Unternehmen seit Beginn des Nahostkriegs erschienen: Bei den Dienstleistern trübt sich das Geschäftsklima verständlicherweise ein, insbesondere die Reise- und Transportbranche ist von erhöhten Kraftstoffpreisen stark betroffen. Bemerkenswert ist, dass die Industrie im Euroraum noch mit Schwung in den ersten Kriegsmonat gestartet ist. Zum Teil machen sich jedoch bereits längere Lieferfristen bemerkbar, was die Geschäftsklimaindizes zwar stützt, aber eher ein Krisensignal darstellt. Zudem stiegen in Deutschland die Industrieaufträge, weil viele Unternehmen aus Sorge vor Störungen in den Lieferketten ihre Lager auffüllen.
Ein besseres Bild der Dynamik liefern die Einkaufsmanagerindizes zur Industrieproduktion. Im gesamten Euroraum verharrt das solide Expansionstempo zwar nahezu auf dem Wert vom Februar. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass die Fertigung in Frankreich gemäss Umfragen gesunken ist. In Deutschland legt die Produktion dagegen mit dem stärksten Tempo seit 49 Monaten zu. Zudem zeigen die Umfragen des Ifo-Instituts, dass der Vertrauensverlust in der deutschen Industrie weit weniger gravierend war als bei früheren Schocks seit 2022. So sank der Index der Geschäftserwartungen im März nur um 2,2 Punkte. Vor einem Jahr, nach dem Zollhammer von Donald Trump, lag das Minus im April bei 3,1 Punkten. Davon erholten sich die Erwartungen rasch wieder. Nach Beginn der Vollinvasion Russlands 2022 brach der Geschäftsausblick in der deutschen Industrie dagegen noch um 19,6 Zähler in einem Monat ein.
Dies zeigt, dass dank der guten Auftragseingänge in der Zivilwirtschaft der vergangenen Monate ein Aufschwung in Deutschland noch nicht vorschnell abgeschrieben werden sollte. Insgesamt verbessert sich die Einschätzung der Geschäftslage auf Jahressicht weiterhin. Kurzfristig, auf Sicht von drei Monaten, gilt dies sowohl für Industrie als auch für Dienstleister. Negativ für die Unternehmen in ganz Europa ist jedoch, dass sich vorerst abzeichnet, dass sie, anders als in der Energiekrise 2021/22, die höheren Energiekosten nicht so leicht an die Endkundschaft weitergeben können. Das würde bedeuten, dass der Druck auf die Gewinnmargen steigt, was allerdings auch einen positiven Nebeneffekt hätte: Die erwartete Nachfrageeintrübung wegen des Preisschubs bei Energie bei den Privathaushalten dürfte milder verlaufen als noch vor vier Jahren.
So werden nicht nur die leicht sinkenden Ölpreise die Inflationserwartungen im Euroraum diese Woche gedämpft haben. Die Markterwartungen für die Jahresrate der Konsumentenpreise im Monat Dezember sanken zuletzt vom Rekordwert von 3,7% am vergangenen Donnerstag auf 3,1% am Mittwoch. Entsprechend sanken auch die Leitzinserwartungen. Für Dezember preisen Anleger an den Terminmärkten nur noch zwei volle Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank von 2 auf 2,5% ein. Für die Schweizerische Nationalbank wird nur noch eine Zinserhöhung von 0 auf 0,25% bis Dezember vorweggenommen. Zuvor war dies bereits im September erwartet worden und ein zweiter Schritt mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits im März des nächsten Jahres. Aktuell wäre damit nach einer Zinserhöhung 2026 Schluss.
Die Renditen auf Schweizer und deutschen Bundesanleihen liegen derzeit je nach Laufzeit zwischen 0,06 und 0,08 Prozentpunkten unter dem Niveau vor einer Woche. Noch stärker sanken die Swapsätze, die massgeblich für die Hypozinsen sind. Zehnjährige Papiere aus Deutschland rentierten am Mittwoch mit 2,95% und damit wieder unter 3%, eine Marke, die die Rendite am Freitag überschritten hatte. Schweizer Pendants warfen 0,32% ab, nach einem Spitzenwert von 0,39% am 9. März. Die leisen Hoffnungen am Anleihenmarkt müssten nun nur noch durch ein Ende des Kriegs in Nahost bestätigt werden. Von der Währungsseite gibt es ebenfalls positive Signale: Der Franken liegt zum Dollar nur noch 0,2% über dem Niveau vom Jahresanfang; zum Euro sind es derzeit 1,7%, nachdem das Jahresplus am Freitag noch 2,1% ausgemacht hatte.
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Einloggen André Kühnlenz ist Redaktor im Märkteteam, er schreibt über Anleihenmärkte, Notenbanken und andere Makrofinanzthemen. Mehr Infos @KeineWunder
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