Der vor Timmendorfer Strand von einer Sandbank befreite Buckelwal wird derzeit von mehreren Booten aus der Lübecker Bucht heraus eskortiert. Dabei muss der Meeressäuger offenbar davon abgehalten werden, erneut auf einer Sandbank zu stranden.
Am Freitagmorgen meldete sich der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann in einem Instagram-Beitrag zu Wort und berichtete zunächst: „Walrettung geglückt“. In der Nacht habe sich der Buckelwal nach tagelangen Rettungsaktionen mithilfe von Baggern, die tiefe Rinnen in den Meeresboden gruben, offenbar selbst befreit. Zugleich warnte er aber vor zu viel Optimismus. Nun beginne für den Meeressäuger „die heiße Phase“ und es gehe um die Frage, „ob er irgendwo wieder strandet“.
Am Nachmittag veröffentlichte Lehmann dann ebenfalls via Instagram ein Video, in dem er auf einem der Begleitboote zu sehen war. Mit Klopfen an der Bootswand und lauten Rufen hielt er den Wal demnach davon ab, erneut auf einer flachen Sandbank zu stranden. Dazu schrieb er: „In diesem Moment halten wir den Wal in zwei Metern Wassertiefe vom erneuten Stranden ab.“ Das geschehe mit einer „sanften Wegabschneidung“. Der Biologe ergänzte: „Ganz knappe Nummer! Haarscharf!“
Kurz vorher berichtete er noch, der Großwal mache „Spirenzchen“ und bewege sich im „Zick Zack hin und her“. Demnach müsse man „den Wal langsam nach draußen flankieren, man kann ihn nicht pushen“, betonte der Biologe und ergänzte: „Man kann nur immer wieder davor fahren und eine Barriere bilden, damit er nicht wieder zur Küste geht.“
Auch ein Boot der Wasserschutzpolizei eskortiert den Wal.
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Der aktuelle Plan sei demnach, das völlig erschöpfte Tier in Richtung Fehmarn zu geleiten und an der Küste bei Neustadt vorbeizumanövrieren. Das Ziel sei Dänemark. Dafür stehe man auch schon in Kontakt mit den dortigen Polizeibehörden und Einsatzkräften. Auf Fotos der Deutschen Presse-Agentur (dpa) war zu sehen, wie das Tier von Schlauchbooten und einem Boot der Wasserschutzpolizei (“Hummer“) sowie zeitweise von einem Schiff der Küstenwache (“Fehmarn“) begleitet wurde.
Die beiden Organisationen Sea Shepherd und Greenpeace sind nach eigenen Angaben ebenfalls mit Schlauchbooten in der Lübecker Bucht unterwegs, um eine Art Blockade zu bilden, damit der Wal nicht wieder ins Flachwasser kommt. Das Tier sei zeitweise wieder auf dem Weg ins flachere Wasser gewesen, bestätigte ein Sprecher von Sea Shepherd der Deutschen Presse-Agentur.
Man versuche aktuell, den Wal irgendwie in tieferes Wasser der Ostsee zu geleiten. Eine Meeresexpertin von Greenpeace, Daniela von Schaper, berichtete der dpa derweil, dass man verhindert habe, dass der Wal in Stellnetze gerate.
Der Buckelwal kommt wohl der Schifffahrtsstraße
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Wie die „Bild“-Zeitung berichtete, soll der Wal samt seiner Eskorte aktuell etwa 13 Kilometer von seinem Ausgangspunkt Niendorf entfernt in der Bucht unterwegs sein. Dabei habe das Tier unter anderem ein Gebiet passiert, in dem Fischer Stellnetze aufgestellt hatten. Außerdem komme der Meeressäuger immer wieder einer Schifffahrtsstraße nahe. In einem Foto der dpa war zu sehen, wie die Eskorte an einem großen Schiff des Linien-Fährdienstes „Finnline“ vorbeikam.
Buckelwal befreite sich in der Nacht selbst
Der Buckelwal war am Montagmorgen auf der Sandbank entdeckt worden. Sein Rücken ragte aus dem Wasser und die brummenden Töne, die der Wal von sich gab, waren vor Ort noch Hunderte Meter entfernt zu hören. Mithilfe einer gegrabenen Rinne befreite er sich in der Nacht zum Freitag.
Am frühen Freitagmorgen berichtete Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) zunächst, dass man das Tier mit Booten aus der Lübecker Bucht hinausbegleiten wolle. Eine Kollegin von ihr sei aktuell in einem Schlauchboot direkt neben dem 12 bis 15 Meter langen Meeressäuger.
Die Baggerschaufel arbeitete nur wenige Zentimeter vor dem Kopf des Wals. Meeresbiologe Marc Lehmann versuchte, das Tier zu beruhigen.
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Zudem werde das Tier ungefähr 300 Meter vor der Küste von einem Schiff der Küstenwache und mehreren Booten begleitet, erklärte Groß. An dem Wal selbst sei kein Sender angebracht worden, da die Haut zu sehr erkrankt sei.
Rettungskräfte arbeiteten am Donnerstag bis in die Dunkelheit
Zuvor hatten Fotografen und Journalisten am Freitagmorgen das Wasser und den Horizont nach dem Meeressäuger abgesucht und das Tier zunächst nicht mehr entdecken können, sagte ein dpa-Reporter vor Ort.
Bis in die Dunkelheit und bei Scheinwerferlicht hatten Einsatzkräfte noch am Donnerstag an der Rettung des Buckelwals gearbeitet. Doch dann musste der Einsatz beendet werden. Dabei hatte es schon am Abend Momente der Hoffnung gegeben: Das Tier konnte immerhin ein Stück seine Position verändern, wie ein dpa-Reporter berichtete.
Ministerpräsident sicherte Hilfe zu
„Ich bin einfach nur froh“, sagte der Bürgermeister von Timmendorfer Strand, Sven Partheil-Böhnke, am frühen Freitagmorgen, nachdem zunächst vermeldet worden war, dass der Wal sich selbst befreit hat. Auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) drückte laut WDR seine Freude aus und dankte den Helfern vor Ort.
Ministerpräsident Daniel Günther machte sich am Timmendorfer Strand ein Bild von der Lage.
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Am Donnerstag hatte Günther die Hilfe des Landes zugesagt, als er sich vor Ort selbst ein Bild der Lage machte. Sollte der Meeressäuger frei kommen – wie es inzwischen der Fall ist –, wolle Kiel etwa zwei Boote zur Verfügung stellen, um das Tier durch die Ostsee zu geleiten, berichtete ein dpa-Reporter vor Ort. Damit soll verhindert werden, dass er wieder strandet.
Gegenüber dem „WDR“ erneuerte Günther das Versprechen: „Mal gucken, ob wir ihn dabei begleiten und ihm raushelfen müssen, angeboten haben wir es, aber jetzt ist er erst mal nicht mehr am Strand zu sehen.“ Es komme darauf an, dass der Meeressäuger „den richtigen Weg“ findet.
Großwal kämpfte sich durch gegrabene Rinne
Für Timmendorf am Strand an der Ostsee hat die beispiellose mehrtägige Rettungsaktion mit Baggern und Tauchern damit ein gutes Ende genommen. Tagelang wurde versucht, das Tier zu befreien. So war etwa bereits am Dienstag ein Rettungsversuch mit einem kleinen Saugbagger gescheitert. Am Donnerstag wurde mit einem Schwimmbagger eine Rinne ausgehoben.
Zwischenzeitlich waren bis zu fünf Bagger im Einsatz, um den Großwal zu befreien.
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Meter um Meter hatte sich der Wal am Abend durch diese Rinne gekämpft. Auch ein größerer Bagger konnte schließlich von Land aus eingreifen, nachdem ein Damm aufgeschüttet worden war, um das schwere Gerät in Reichweite zu bringen.
Das Tier zeigte sich aktiver als in den Tagen zuvor. Die Helfer versuchten es am Abend auch mit Lärm zu animieren – durch Hupen, Trommeln oder Rufen. Auch das Tier selbst gab immer wieder lautes Brummen von sich. Am Ende hätten am Abend nur noch wenige Meter bis ins tiefere Wasser gefehlt, sagte der Bürgermeister von Timmendorfer Strand, Sven Partheil-Böhnke, als die Aktion wegen der Dunkelheit abgebrochen wurde – in der Nacht befreite sich das Tier dann selbst.
Das ZDF hatte die Arbeiten und die Rettungsaktion im Livestream übertragen. In den Aufnahmen war zeitweise zu sehen, wie die Baggerschaufel dem Kopf des Tiers sehr nahe kam. Die meiste Zeit war Biologe Lehmann in einem Tauchanzug im Wasser, um den Großwahl zu beruhigen und dem Baggerteam Anweisungen zu geben.
Etwa jede Minute war zu sehen, wie der Wal atmete und eine kleine Fontäne von seinem Kopf in die Höhe spritzte. Gelegentlich ließen sich Seevögel nieder, die dem Wal etwas vom Rücken pickten.
Immer wieder landeten Möwen auf dem Rücken des Buckelwals.
© Imago/Felix Koenig
Großwale nicht heimisch in der Ostsee
Warum der Wal vor Niendorf aufgetaucht war, ist bislang unklar. Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) hatte gesagt, vielleicht sei das Tier krank oder verletzt, vielleicht auch nur erschöpft gewesen. Es könne aber auch sein, dass der Wal einfach durch einen unglücklichen Zufall in diesem Flachwasserbereich gelandet sei.
Nach Angaben der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd handelt es sich bei dem Tier wahrscheinlich um den Wal, der bereits zuvor wiederholt auch vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gesichtet worden war und Anfang März durch sein Auftauchen im Hafen von Wismar Aufsehen erregt hatte.
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Großwale wie Buckelwale sind in der Ostsee nicht heimisch. Sie könnten demnach auf der Suche nach Nahrung Fischschwärmen folgen und in der Ostsee landen. Auch Unterwasserlärm könnte laut Experten eine Rolle spielen. (mit dpa, lem)