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Weigand Naumann vom Nabu Ortenberg ist einer der Organisatoren der Benefizveranstaltung „Umweltbildung in der Ukraine“, die Naturschutz vor Ort mit Unterstützung für Kinder im Kriegsgebiet verbindet. © Anja Carina Stevens
Eine Benefizveranstaltung in Selters sammelt Spenden für Umweltbildung in der Ukraine. Naturerlebnisse sollen belasteten Kindern Normalität zurückgeben.
Selters – Am morgigen Samstag wird das Haus an den Salzwiesen des Nabu Ortenberg in Selters zum Ort einer Benefizveranstaltung, die Naturschutz, Musik und humanitäres Engagement miteinander verbindet. Im Mittelpunkt steht das Projekt „Umweltbildung in der Ukraine“, mit dem der Nabu und die Nabu International Naturschutzstiftung gemeinsam mit lokalen Partnern seit Jahren Kinder in der Ukraine unterstützen.
Ein Abend voller Eindrücke und Begegnungen
Die Benefizveranstaltung findet am morgigen Samstag, 28. März, im Nabu-Haus in Selters statt. Ab 17 Uhr erwartet die Besucher ein Abend voller Eindrücke und Begegnungen. Auf dem Programm stehen musikalische Beiträge sowie Impulsvorträge über „Die Musik der Vögel“ (Bernd Petri) und „Aktuelles zur Renaturierung von Nidder“ (Gottfried Lehr). Ein besonderer Höhepunkt ist die Live-Schaltung zum Nabu-Projektleiter in der Ukraine (Ivan Tymofeiev). Er gibt Einblicke in seine Arbeit und die Projekte mit den traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Durch das Programm führt Annette König.
Entstanden ist die Veranstaltung auf Initiative von Annette König vom Nabu Vogelsberg. Der Nabu Ortenberg sagte schnell Unterstützung zu, stellte die Räume zur Verfügung und half bei Organisation und Werbung. Für Weigand Naumann, stellvertretender Vorsitzender, ist das Anliegen weit mehr als ein einzelner Termin im Vereinskalender. „Naturschutz darf nicht am eigenen Gartenzaun enden“, macht der Diplom-Biologe im Gespräch mit dieser Zeitung deutlich. Wer heute etwas erreichen wolle, müsse über den Tellerrand hinausschauen – fachlich, gesellschaftlich und auch geografisch.
Naturschutz darf nicht am eigenen Gartenzaun enden.
Genau das geschieht mit dem Umweltbildungsprojekt. Live aus der Ukraine zugeschaltet schildert der Initiator und Projektleiter, Ivan Tymofeiev, eindringlich, wie stark der Krieg Kinder belastet. „Viele Familien sind aus Frontregionen in den Westen des Landes geflohen, oft unter dramatischen Umständen.“ Kinder hätten ihr Zuhause, ihren Schulalltag, Freunde und ein Gefühl von Sicherheit verloren. In Städten, die ursprünglich deutlich kleiner waren, müssten plötzlich zehntausende zusätzliche Menschen versorgt werden. Schulen, Kindergärten und die gesamte Infrastruktur stießen an ihre Grenzen.
Besonders sichtbar werde die seelische Belastung der Kinder bei Luftalarm, berichtet Tymofeiev. Während manche Schüler ruhig in den Schutzraum gingen, reagierten andere panisch – vor allem jene, die Angriffe unmittelbar erlebt hatten. Viele seien traumatisiert, litten unter Unruhe, Schlafstörungen oder hätten Familienmitglieder verloren. Gerade deshalb sei es wichtig, ihnen Räume zu schaffen, in denen sie für einige Stunden wieder einfach Kinder sein könnten. Hier setzt die Umweltbildung an. Bei Ausflügen in den Wald, bei Vogelbeobachtungen, handwerklichen Aktionen oder kreativen Workshops erleben die Kinder Natur als sicheren Ort und als Stück Normalität. „Wenn Kinder trotz Krieg Natur erleben und spüren können, gewinnen sie ein Stück Kindheit zurück“, beschreibt Tymofeiev die Wirkung solcher Angebote. Die Natur helfe, Abstand vom Kriegsgeschehen zu gewinnen – wenigstens für einen Moment.
Dass ausgerechnet ein Naturschutzprojekt diese Aufgabe übernimmt, ist für ihn kein Widerspruch. Der Nabu ist seit vielen Jahren in der Ukraine aktiv, unter anderem mit Arten- und Moorschutzprojekten. Als nach dem russischen Großangriff vieles ins Wanken geriet, entschieden sich die Beteiligten, die vorhandenen Netzwerke und Erfahrungen auch für die Arbeit mit geflüchteten und belasteten Kindern zu nutzen. Umweltbildung wurde so zu einer Form konkreter Hilfe.
Die morgige Benefizveranstaltung im Haus an den Salzwiesen greift diesen Gedanken bewusst auf. Das Programm verbindet Informationen, persönliche Einblicke und Musik. Erwartet werden der hessische Nabu-Landesvorstand Bernd Petri, der Gewässerökologe Gottfried Lehr und Ivan Tymofeiev per Liveschaltung. Diese Mischung sei bewusst gewählt worden, sagt Naumann. Man wolle Menschen ansprechen, berühren und mitnehmen. Naturschutz funktioniere schließlich nur mit Menschen.
Für ihn selbst ist das Engagement auch eine sehr persönliche Sache. Er spricht davon, dass ihn nicht nur Tiere und Pflanzen bewegten, sondern ebenso das Schicksal von Menschen. Leben sei etwas Einzigartiges und werde oft zu wenig wertgeschätzt. „Gerade deshalb will ich dazu beitragen, die Welt im Kleinen zu retten.“ Dass Natur für die seelische Gesundheit eine wichtige Rolle spielt, sei längst auch wissenschaftlich belegt.
Die Einnahmen des Abends sollen vollständig in das Projekt „Umweltbildung in der Ukraine“ fließen. Naumann und Tymofeiev hoffen, dass die Besucher mehr mit nach Hause nehmen als nur einen informativen Abend: ein Gefühl von Verbundenheit und das Bewusstsein, dass ihre Unterstützung etwas bewirken kann. Es gehe darum, die Situation der Kinder sichtbar zu machen und die Arbeit vor Ort wertzuschätzen – und darum, zu zeigen, wie wichtig Naturerfahrungen gerade jetzt für die jungen Menschen sind.
In diesen Momenten kehrt ein Stück Kindheit zurück.