
Politik trifft Theater: Das Rats-Theater in Gladbeck präsentiert ein bemerkenswertes Stück über bürgerliche Belange und politische Schauspielerei. Symbolbild: KI
Versuch einer Rezension
Von unserem Gastautor Norbert Thiesing
Gladbeck – 27.03.2026 – Rats-Theater – Oja, da ist es Gladbecker Politikern im Rats-Theater der Stadt Gladbeck am Donnerstagnachmittag (26.03.2026) gelungen, ein allseits vergnügliches Trauerspiel aufzuführen mit dem Titel:
Die Politik zeigt den Bürgern, dass Politik sich nicht um sich selber dreht.
Oder, wie Politik sich ganz altruistisch um die Belange der Bürger kümmert.
Abgesehen von den mehr oder weniger guten Leistungen der Politiktheater-Darsteller des gestrigen Nachmittags, stachen zwei Personen in ihren Rollen hervor. Z.B. in der Rolle des 1. Bürgermeisters Peter Rademacher. Und in der Rolle des ABI-Vorsitzenden Suleyman Kosar. Beide Protagonisten stemmten sich in ihren Monologen gegen die drohende Wendung des Trauerspiels zur Farce.
Sie hatten die undankbaren Rollen, ihre Mitdarsteller daran zu erinnern, dass das Theaterstück bei den Zuschauern im Theatersaal und an den Bildschirmen einen schlechten Eindruck machen könnte. Die Theaterfreunde würden Taten für Gladbeck erwarten und keine verbale Politprügelei. Dieser Appell drang nicht vollständig durch und so kam es zum ersten Höhepunkt der Aufführung.
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Rats-Theater mit Volcan Akcay als zorniger Ratsherr
Volcan Akcay in der Rolle des zornigen Ratsherrn betrat mit donnerbrausendem Auftritt die Bühne. Und er teilte aus: gegen Rot, gegen Schwarz, gegen Gelb, vom Furor getrieben. Die emotionale Entladung des zornigen Ratsherrn bewegte die Spielleiterin Bettina Weist dann doch zu einem Eingreifen. Sie ermahnte Herrn Akcay, sich zu mäßigen und erinnerte an die ablaufende Monologzeit. Den Rest der Zeit benötigte der zornige Ratsherr auch nicht völlig, da er sehr schnell deklamiert hatte, aber deswegen auch schwer zu verstehen war.
Den Kontrapunkt zu Akcay setzte im Rats-Theater dann Dustin Tix in der Rolle des smarten und überlegenen Fraktionsvorsitzenden, der völlig ruhig und gewählt seine Worte setzte. Doch davon blieben beim Rezensenten keine in Erinnerung. Allein der Auftritt war schon souverän.
Einzelkämpferin mit gelbem Gürtel
Christiane Dohmann in der Rolle der Einzelkämpferin mit gelbem Gürtel trat engagiert monologisierend auf und versuchte, sich des Akcayschen Angriffs zu erwehren. Dabei flammte dann auch noch Zickenalarm auf zwischen Andrea Niewerth in der Rolle als wechselwarme Historikerin und der gelbgürteligen Einzelkämpferin.
Dr. Niewerth agierte aus dem OFF. D.h. sie stand nicht in der Bütt, spielte aber von ihrem Sitzplatz im Plenum aus. Es war wohl ein Zwischenruf Niewerths, der Frau Dohmann zu scharfer Entgegnung provozierte. Worum es dabei ging, ist dem Rezensenten leider entgangen. Aber die Stimmung zwischen den beiden Actricen war gespannt.
Ole Steiner bemühte Max Frisch im Rats-Theater
Kurz vor Ende des 1. Aktes gingen dann nur noch Nebenrollen in die Bütt. Dabei soll Ole Steiner in der Rolle des literaturbegeisterten Youngsters aber nicht unerwähnt bleiben. Der junge Darsteller liest in der Schule gerade Max Frischs Drama „Biedermann und die Brandstifter“. Der Untertitel dieses Dramas lautet: Ein Lehrstück ohne Lehre.
Daran anknüpfend fragt sich der Rezensent, ob aus dem hier in Ansätzen beschriebenen Rats-Theaterstück eine Lehre zu ziehen sein könnte. Eine direkte Lehre erkennt der Rezensent nicht, aber das Theaterstück zeigt, dass in der immer wieder behaupteten Beschäftigung der Politik mit sich selbst ein großes Korn Wahrheit steckt.
Der zweite Akt ging dann sehr schnell über die Bretter. Die einzelnen TOP-Szenen wurden abgehandelt. Man hatte den Eindruck, die Darsteller hatten ihr Pulver verschossen.
Beim dritten Akt mussten die Zuschauer das Rats-Theater verlassen
Der dritte Akt war dann wiederum nicht öffentlich und sehr geheimnisvoll, denn die anwesenden Zuschauer wurden gebeten, das Rats-Theater zu verlassen.
Der Live-Stream wurde abgestellt. Der Vorhang öffnete sich nicht mehr, im dritten Akt blieben die Darsteller unter sich. Eigentlich ein Widerspruch. Theater wird doch gespielt für die Zuschauer. Aber hier waren die Politikdarsteller doch mehr Politiker als Darsteller, die dann doch gerne mal hinter geschlossenem Vorhang und unter sich agieren. Da muss der gemeine Bürgerzuschauer doch besser draußen bleiben.
So kann man mit Berthold Brecht schließen: “Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen / den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
Die Gladbecker dürfen gespannt sein, welche Stücke im Rats-Theater demnächst aufgeführt werden. Was wird gegeben werden: eine Tragödie, ein Lustspiel? Wer weiß. Was die Gladbecker aber mit Sicherheit nicht sehen wollen, sind Schmierenkomödien mit Selbstdarstellern, die versuchen, Mitspielende an die Wand zu spielen.