Pünktlich zur Eröffnung der Sonderausstellung „Die Schamanin“ hat das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle am Mittwoch neue Forschungsergebnisse über das mittelsteinzeitliche Grab in Bad Dürrenberg veröffentlicht. Demnach wurden darin vor rund 9.000 Jahren neben den bisher bekannten Überresten einer erwachsenen Frau – der „Schamanin“ – und eines männlichen Säuglings die Wirbel zweier weiterer Jungen gefunden. Das Erstaunliche: Es handelt sich um seine Brüder.
Drei Brüder in einem Grab
Der Fund gibt Harald Meller, Sachsen-Anhalts Landesarchäologen und Leiter des Museums für Vorgeschichte, Rätsel auf. Meller sagte MDR KULTUR: „Diese drei Brüder sind nicht nur miteinander verwandt, sondern zwei davon sind Zwillinge. Jetzt fragt man sich natürlich, warum gibt man ein Kind komplett, möglicherweise mumifiziert, ins Grab und die anderen vielleicht nur als Wirbel?“
Zudem starben zumindest die Zwillinge laut den Forschenden zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Mit der bestatteten Frau seien die drei Jungen allerdings nur entfernt verwandt gewesen.
Ausstellung widmet sich Schamanismus und steinzeitlicher Spiritualität
„Da sehen wir diese rätselhafte, animistische Welt der Schamanin, in der man glaubt, dass alles bewegt ist und dass alles belebt ist“, erklärt Meller. Es sei eine Welt gewesen, „die ganz anders ist als unsere, in der mit Körpern ganz anders umgegangen wurde.“ Diesen Glaubensvorstellungen – dem Animismus – widmet sich die neue Ausstellung im Landesmuseum.
Das Zentrum der neuen Schau bildet eine Installation, die aus einer schamanistischen Trommel und Kleidern besteht. Eines der schamanistischen Gewänder wurde bereits vor über 200 Jahren aus Russland nach Göttingen gebracht und gilt als eines der ältesten erhaltenen Exemplare dieser Art. Das Museum für Vorgeschichte hat für die Ausstellung Leihgaben aus 14 Ländern erhalten. Dazu zählen neben dem jahrundertealten Rentier-Gewand des Volkes der Ewenken auch Kunstobjekte aus Polen, Serbien oder den Niederlanden.
Schamanen und Schamaninnen galten als Vermittler zwischen Menschen und Geistern, die auch Tiere, Pflanzen und unbelebte Gegenstände „beseelen“. Die Kuratorin der Ausstellung, Josefine Biedinger, erklärte: „Der Schamane ist ein Spezialist innerhalb dieser belebten Umwelt, der mit diesen Geistern interagieren kann, der sie heranziehen kann zur Hilfe der Gruppe.“
Biberknochen und Schildkrötenpanzer als Grabbeigaben
Das Skelett der Frau von Bad Dürrenberg, die wahrscheinlich zu jenen spirituellen Spezialistinnen und Spezialisten gehörte, ist in der Schau auf einem Tisch ausgebreitet. Sie war den Untersuchungen zufolge zwischen 30 und 40 Jahren alt und hatte dunkle Haut und dunkles Haar.
Wie Josefine Biedinger erläutert, sprechen die Grabbeigaben für ihre Stellung als spirituelle Anführerin. Schildkrötenpanzer habe man in der Grabgrube entdeckt, aber auch einzelne Knochen von verschiedenen Tierarten, etwa von Igel und Biber. „Wir nennen das das Pars-pro-toto-Prinzip. Man kann eben nicht sagen, dass es einen Werkzeugcharakter hat, sondern das muss etwas Spirituelles gewesen sein.“
Das Grab wurde 1934 zufällig bei Bauarbeiten im Kurpark von Bad Dürrenberg entdeckt und unter Zeitdruck gesichert. Erst 2019 fanden an der Stelle Nachgrabungen mit modernen Methoden statt.
Leben und Überleben vor 9.000 Jahren
Die Ausstellung handelt aber nicht nur von spirituellen Ritualen. Alltagsgegenstände wie Körbe aus Höhlensystemen in Andalusien im heutigen Spanien erzählen auch vom weltlichen Leben und Überleben in der Steinzeit. Die Kuratorin Josefine Biedinger schildert, wie einige Exponate den Wandel in dieser Phase der menschlichen Vorgeschichte verdeutlichen. Ein Beispiel: „Die Paddel. Die kommen erst mit der Mittelsteinzeit auf. Es wird wieder wärmer, es wird feuchter. Jetzt werden eben die Wasserwege wichtiger. Zum einen zur Fortbewegung, zum anderen als Nahrungsquelle. Deswegen finden wir viele Fischhaken, Angelspeere und Überreste von Netzen.“