+Trennung, neue Liebe, der Tod des Vaters, eine einjährige Weltreise – bei Johannes Oerding gab es in den vergangenen zwei Jahren einige Umbrüche. Auf seinem neuen Album „Hotel“ singt der 44-jährige Wahlhamburger vom Niederrhein offen wie selten über das, was in seinem Leben so los war. Mit MOPOP sprach Oerding über Trauer, eine Auszeit – und sein Konzert im Volksparkstadion.
MOPOP: Sie tragen gerade ein Tom-Petty-Shirt. Ist das noch Zufall oder schon ein inhaltlicher Vorschlag für unser Gespräch über Ihr überwiegend akustisches und an Folk orientiertes Album, das an Simon & Garfunkel, Cat Stevens und eben an Tom Petty erinnert?
Johannes Oerding: (lacht) Man merkt, Sie sind vom Fach. Das Shirt habe ich mir in den USA gekauft. Während meiner Auszeit bin ich 2024 drei Monate lang durch das Land gereist und dabei musikalisch in so einen richtigen Kaninchenbau abgestürzt: Als ich einmal angefangen hatte, mich mit dem Sound aus Nashville, mit Country, Folk und Americana zu beschäftigen, konnte ich gar nicht mehr damit aufhören. Ich liebe handgemachte Musik wirklich sehr, und im Grunde genommen kristallisierte sich schon während des USA-Aufenthalts die Richtung für das Album raus.
War es Teil Ihres Plans, unterwegs Lieder zu schreiben?
Überhaupt nicht, ich hatte noch nicht mal eine Gitarre dabei. Ich musste mir die Auszeit nehmen, weil ich das Gefühl hatte, bei mir wird alles zu konstruiert, zu formatiert, zu gemütlich. Ich stand 2023 auf der Bühne und dachte nicht an den Song, nicht ans Publikum, sondern an die Einkaufsliste für den Supermarkt. Und dann kamen in dieser Zeit noch Schicksalsschläge hinzu, und ich entschied: Ich mache diese Reise. Ich wollte komplett abschalten und leer werden. Ohne Instrument, ohne Intention, irgendwas zu schreiben. Das ging zweieinhalb Monate gut (lacht).
Und dann?
War ich in Chicago und musste mir einfach eine Gitarre besorgen. Tatsächlich fand ich es sogar beruhigend, dass das Musikmachen und Songschreiben so sehr zu meinem Leben dazugehören, dass ich es nicht lange ohne aushalte. Und so fing ich, ganz natürlich und ohne Druck, wieder an zu schreiben.
Im Lied „Mehr Glück als Verstand“ singen Sie: „Man hat mir nie gesagt, was es heißt, einmal erwachsen zu sein.“ War das Weltreise- und Trauerverarbeitungsjahr 2024 das Jahr, in dem Sie erwachsen geworden sind?
Ja, in vielerlei Hinsicht. Natürlich hatte ich mich vorher schon von Menschen verabschieden müssen, aber der Tod meines Vaters vor etwas mehr als zwei Jahren hat einen größeren Einschlag verursacht, als ich gedacht hätte. Dazu kam noch die Trennung von Ina (Müller; d. Red.) nach 13 eigentlich schönen Jahren und dann auch eine neue Liebe. Auch Überarbeitung war ein Thema oder überhaupt zu erkennen, dass man überarbeitet ist. Teil des Erwachsenwerdens war auch das Erkennen, dringend eine Pause zu benötigen.
Viele Künstlerinnen und Künstler haben große Angst davor, in Vergessenheit zu geraten, wenn sie sich für eine Weile zurückziehen. Wie war das bei Ihnen?
Bei allem Ehrgeiz weiß ich: So wichtig bin ich nicht. Man kann ruhig mal zwei, drei Jahre abhauen, und es interessiert keinen. Die Fans, die mich mögen, werden auch später wieder da sein und sich freuen. Alle anderen bekommen gar nicht mit, dass ich weg bin.
Der erste Song auf „Hotel“ heißt „Hier gehör ich hin“. Wissen Sie das jetzt?
„Hier gehör ich hin“ war auch der erste Song, den ich nach der Pause geschrieben habe. In den Strophen verarbeite ich die Schläge, die positiven wie die negativen. Die Summe der Schicksalsschläge hat mir klargemacht, dass die eine Konstante in meinem Leben tatsächlich das Musikmachen für mich und für andere Menschen ist. Ich bin glücklich, dass ich diese Ausdrucksform habe.
„Märchen aus Hollywood“, das Duett mit Sarah Connor, ist ein ungewöhnlich zartes, fast schüchternes Liebeslied über das Sich-Näherkommen von zwei Personen.
Ich finde den englischen Begriff „to fall in love“ viel schöner als das deutsche „Wir verlieben uns“. Ich habe bei dem Song an die britische Liebeskomödie „Notting Hill“ gedacht, wo die zwei ja auch nicht übereinander herfallen, sondern sich fast unbemerkt von der Liebe lenken lassen. Ich kenne es selbst, dass aus etwas ganz Kleinem etwas sehr Großes entstehen kann, ohne dass man ständig im Handbuch der Romantik blättert. Es passiert einfach subtil. Ich sage in dem Lied: „Hast du noch ganz kurz Zeit? Ich will das hier ein Leben lang.“ Das ist meine Art zu sagen, ich glaube an die große Liebe, aber ich sehe das ein bisschen mit Augenzwinkern.
„Jahreszeiten“ ist ebenfalls sehr persönlich und wirkt biografisch. Etwa die Zeile: „Ich habe die Nachricht bekommen, es ist vielleicht noch ein Jahr, und dann wird Abschied genommen.“
Mein Vater war Arzt. Er wusste, was seine Diagnose bedeutet. Ich bin gespannt, wie es bei dem Song auf der Bühne sein wird. Ich hatte bei „Eins-zu-eins-Gespräch“ vom vorherigen Album, wo es auch um das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater geht, so meine Probleme, die Contenance zu behalten. Aber auch das gehört auf der Bühne mit dazu. Mich stört es nicht, da oben hin und wieder ein Tränchen zu verdrücken.
Apropos Bühne: Am 20. Juni spielen Sie Ihr erstes Stadionkonzert im Hamburger Volksparkstadion. Was bedeutet Ihnen das?
Seit ich sechs Jahre alt war, habe ich davon geträumt, in diesem Stadion aufzutreten. Und jetzt ist es so weit. Ich wache schon jetzt manchmal nachts auf und denke mir: „Das wird richtig gut.“
Konzerte: 20.6., 18 Uhr, Volksparkstadion, Karten für 57,50-87,50 Euro; 12.9., 20 Uhr, zusammen mit der NDR Bigband, Barclays-Arena, Karten für 69,90-119,90 Euro
Album: „Hotel“ (Columbia; gerade erschienen)