Laut einer Analyse von Elai Rettig gibt es drei Gründe, weshalb die Katastrophenszenarien bezüglich der Ölpreisentwicklung  bislang  nicht eingetreten sind.

David Isaac

Die Internationale Energieagentur warnte in der vergangenen Woche, der Krieg gegen den Iran habe »die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts« ausgelöst, während verschiedene Berichte eine globale Energiekrise voraussagen. Neben diesen Prognosen wurde die US-Regierung dafür kritisiert, die Auswirkungen des Kriegs auf die Ölversorgung unterschätzt zu haben.

Weder die Weltuntergangsszenarien noch die Kritiker des Weißen Hauses haben Recht, meint Elai Rettig, Assistenzprofessor am Institut für Politikwissenschaft der israelischen Bar-Ilan-Universität und leitender Forscher am Begin-Sadat-Zentrum für Strategische Studien (BESA-Center), der sich auf Energiepolitik spezialisiert hat. Die Trump-Regierung leiste gute Arbeit bei der Eindämmung der Ölpreise und sei sich völlig bewusst gewesen, dass der Iran versuchen würde, die Straße von Hormus zu sperren, durch die zwanzig Prozent der weltweiten Ölversorgung transportiert werden.

»Die Schlagzeilen spielen mit der Vorstellung, dass die Trump-Regierung völlig überrascht wurde und nicht wusste, dass die Straße von Hormus gesperrt werden würde. Das ergibt keinen Sinn«, so Rettig. »In jeder Kriegssimulation, an der ich je teilgenommen habe – am INSS [Institut für Nationale Sicherheitsstudien], am BESA Center, in den Vereinigten Staaten –, war die Straße von Hormus einer der zentralen Faktoren, insbesondere weil der Iran selbst immer wieder mit einer Sperre drohte, sollte er angegriffen werden.«

Die Kriegssimulationen hätten einen Ölpreis von zweihundert Dollar pro Barrel prognostiziert, was genau jener Betrag sei, der ein iranischer Militärsprecher am 11. März genannt hatte, als er vor dem Schaden warnte, den der Iran der Weltwirtschaft als Vergeltung für den Angriff der USA und Israels zufügen würde, sagte Rettig. Niemand habe vorhergesehen, dass die Preise drei Wochen nach der Blockade der Meerenge immer noch bei etwa hundert Dollar liegen würden. »Wenn der Krieg wie geplant weitergeht, also noch sechs bis acht Wochen, dann haben die USA mehr erreicht, als sich die Kriegsplaner jemals erträumt hätten. Die Menschen wissen gar nicht zu schätzen, wie gut dieser Krieg verläuft.«

Drei Gründe

Der Erfolg der amerikanischen Regierung beruhe auf drei Gründen:

  1. Zu Kriegsbeginn gab es einen Ölüberschuss.
  2. Weltweit waren die nationalen strategischen Ölreserven aufgefüllt.
  3. Die Meerenge von Hormus ist nicht hermetisch abgeriegelt.

»Zu Beginn des Kriegs war der Ölmarkt sehr gut auf einen zwei- bis dreimonatigen Krieg vorbereitet«, meinte Rettig.

Erstens schätzte die Internationale Energieagentur, eine in Paris ansässige, zwischenstaatliche Energieaufsichtsbehörde, im Januar, dass das weltweite Ölangebot den Verbrauch um rund drei Millionen Barrel pro Tag überstieg. Sanktionen gegen den Iran und Russland ließen große Mengen Öl – bis zu zweihundert Millionen Barrel – auf See stranden, wo sie auf Käufer warteten.

Das US-Finanzministerium hob am 20. März die Sanktionen gegen das »schwimmende Öl« des Irans auf. »Im Wesentlichen werden wir die iranischen Barrel gegen Teheran einsetzen, um den Preis niedrig zu halten, während wir die Operation Epic Fury fortsetzen«, sagte Finanzminister Scott Bessent vergangene Woche. Durch diesen Schritt könnten etwa hundertvierzig Millionen Barrel Öl freigesetzt werden.

Zweitens hatten die Länder monatelang Zeit, strategische Vorräte anzulegen. Nicht nur die Vereinigten Staaten haben ihre strategische Ölreserve aufgefüllt, auch China hat nach dem zwölftägigen Krieg im Juni 2025, als Israel erstmals iranische Nuklear- und Raketenanlagen angegriffen hatte, seine eigenen Reserven massiv ausgebaut. Externe Schätzungen gehen davon aus, dass China Reserven für etwa zweihundert Tage besitzt. Japan unterhält seit dem arabischen Ölembargo der 1970er-Jahre ähnliche Vorräte.

Mitglieder der Internationalen Energieagentur (IEA) und der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) sind verpflichtet, Reserven für mindestens neunzig Tage zu halten. Am 11. März einigten sich die 32 Mitgliedsländer der IEA einstimmig darauf, vierhundert Millionen Barrel aus den Notreserven freizugeben, um die Ölpreise zu dämpfen. Die Vereinigten Staaten steuern hundertsiebzig Millionen Barrel zu dieser Gesamtmenge bei.

Drittens ist die Straße von Hormus nicht vollständig gesperrt. Obwohl die Meerenge normalerweise durchschnittlich zwanzig Millionen Barrel pro Tag umschlägt, gelangt fast die Hälfte davon weiterhin über zwei Pipelines, welche die Meerenge umgehen, auf die Märkte außerhalb der Region. Die Saudi-Arabien durchquerende, 1.200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline nahm am 11. März ihren Betrieb mit voller Kapazität von sieben Millionen Barrel pro Tag auf und befördert nun Öl zu einem Hafen am Roten Meer. In den Vereinigten Arabischen Emiraten bringt die vierhundert Kilometer lange Pipeline Habshan–Fujairah Öl zu einem Punkt am Golf von Oman. Ihre Kapazität beträgt 1,8 Millionen Barrel pro Tag.

Auch der Iran hat den Transport von Öl nicht eingestellt, das er an seine Verbündeten, vor allem an China, verkauft. Die Vereinigten Staaten lassen dieses Öl passieren, da sie den Iran davon abhalten, die Straße von Hormus mit aller Kraft zu blockieren. »Das gibt ihnen etwas zu verlieren«, erklärte Rettig die dahinterstehende Strategie.

Vor Eskalation gehütet

Beide Seiten haben sich vor einer Eskalation gehütet. Während der Iran Ölanlagen in den Golfstaaten angegriffen hat, hat er sich bei der Wahl seiner Ziele zurückgehalten und es vermieden, die Ölförderung direkt ins Visier zu nehmen. »Die Schlagzeilen in den Medien sind nach einem iranischen Angriff oft hysterisch. Dann vergehen ein paar Stunden und wir stellen fest, dass nur ein Öldepot getroffen wurde«, sagte Rettig. »Der Iran wählt seine Ziele sorgfältig aus.« Infolgedessen werden die Nachbarstaaten in der Lage sein, die Produktion schnell hochzufahren, sobald die Feindseligkeiten enden.

Die Vereinigten Staaten haben es ebenfalls unterlassen, die Energieanlagen des Irans zu bombardieren oder die Insel Kharg zu besetzen, über die neunzig Prozent der iranischen Rohölexporte laufen. Als Israel das iranische South-Pars-Feld angriff, reagierte der Iran mit Vergeltungsschlägen gegen Energieanlagen in Katar und Saudi-Arabien. US-Präsident Donald Trump distanzierte sich sofort von dem israelischen Angriff, gab vor, nichts davon gewusst zu haben, und warnte den Iran, dies nicht noch einmal zu versuchen, was zeigt, dass vorerst keine der beiden Seiten im Energiebereich zu weit gehen möchte.

Rettig merkte an, dass die von Israel angegriffene Anlage der heimischen Erdgasproduktion diente. Ziel war es, dem Iran die Stromerzeugung zu erschweren. Die Ölexporte waren davon nicht betroffen. »Der Plan der USA besteht darin, die Ölpreise unter Kontrolle zu halten, während sie die Kapazitäten des Irans weiter schwächen. Diese Strategie funktioniert. Der Iran sei am Verlieren und der Ölpreis bleibe unter Kontrolle. Die Vereinigten Staaten könnten die Meerenge zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl, sobald sie der Ansicht sind, dass die iranischen Fähigkeiten ausreichend geschwächt sind, mit Gewalt wieder öffnen.

Die Tatsache, dass der Großteil des Öls aus dem Golf in asiatische Staaten fließt, wirft die Frage auf, warum die amerikanischen Preise überhaupt von der Sperre der Straße von Hormus beeinflusst werden, was laut Rettig größtenteils eine Frage der Wahrnehmung sei. Die US-Preise an den Tankstellen stiegen vor allem wegen der Risikoprämien – einem Aufschlag auf den Grundpreis des Kraftstoffs, der sich an geopolitische Risiken und andere Unsicherheiten anpasst – schnell an. »Die Ölpreise schwanken aufgrund der Risikoprämie. Deshalb beeinflussen Schlagzeilen oder die Aussagen des Präsidenten den Preis. Trump sagt dies oder jenes, wodurch die Ölpreise steigen und fallen, obwohl physisch nichts passiert ist.«

Ein weiterer Grund, weshalb sich die höheren Weltmarktpreise auf den US-Markt auswirken, ist das internationale Agieren der amerikanischen Ölkonzerne, die nicht darauf beschränkt sind, Erdöl ausschließlich in den Vereinigten Staaten zu verkaufen. Asiatische Käufer, die mit einem geringeren Angebot aus dem Nahen Osten konfrontiert sind, bieten aggressiv auf Barrel von US-Produzenten. »Es mag unpatriotisch klingen«, sagte Rettig, »aber US-Exporteure sind private Unternehmen und haben als solche das Recht, an denjenigen zu verkaufen, der den besten Preis bietet, sei es Indien oder Australien«.

Kein Exportverbot

Während von einem Exportverbot die Rede war, um amerikanische Verbraucher vor Preisschocks zu schützen, zeigte sich Rettig skeptisch, da solch ein Schritt Amerikas Ruf als zuverlässiger globaler Lieferant schädigen könnte. Die Vereinigten Staaten würden das Vertrauen ihrer Kunden verlieren, würden sie Verkäufe gerade dann blockieren, wenn ihr Öl am dringendsten benötigt wird. Die gute Nachricht sei, dass die Vereinigten Staaten über ausreichende Ölvorräte verfügen, große Mengen im Inland produzieren und erhebliche Mengen aus Kanada, Mexiko und seit Kurzem auch aus Venezuela importieren.

In Berichten wird oft behauptet, dass hohe Öl- und Gaspreise die Chancen der Republikaner bei den Zwischenwahlen negativ beeinflussen würden. Rettig meinte, auch dies sei eine Frage der Wahrnehmung und ein Mythos, dass steigende Ölpreise der regierenden Partei ausnahmslos schaden würden. Das sei »statistisch nicht zutreffend«, da historische Daten zeigen, dass Präsidenten bei hohen Kraftstoffkosten sowohl Wahlen gewinnen als auch verlieren können. Als Beispiel wies er darauf hin, dass der ehemalige Präsident Barack Obama trotz erhöhter Benzinpreise eine zweite Amtszeit erringen konnte.

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)