
AUDIO: Mit Schwesternschaft Deutschland verändern: Tülin und Düzen Tekkal im Gespräch (26 Min)
Stand: 29.03.2026 06:00 Uhr
Fünf Schwestern aus Hannover setzen sich in Krisengebieten weltweit für Frauen- und Menschenrechte ein. Düzen und Tülin Tekkal erzählen von ihrer Arbeit und ihrem Buch „Wut und Wärme. Wie wir mit Schwesternschaft Deutschland verändern“. Ein Interview.
Düzen, Tezcan, Tuğba, Tülin und Tuna Tekkal sind jeden Tag im Einsatz für die Menschlichkeit. Das Herzstück ihrer Arbeit ist die Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help e.V.. Daneben kümmern sie sich um weitere Organisationen und Projekte wie zum Beispiel „German Dream“, eine Bildungsbewegung oder auch das Fußball-Empowerment-Projekt für Mädchen „Scoring Girls“.
Neues Buch: „Wie wir mit Schwesternschaft Deutschland verändern“
Für ihre Arbeit haben sie bereits viele Preise und Anerkennung bekommen. Nun haben die fünf Schwestern ein Buch geschrieben, in dem sie von ihrem Erfolgsrezept und ihren moralischen Grundwerten erzählen: „Wut und Wärme. Wie wir mit Schwesternschaft Deutschland verändern“. NDR Kultur Redakteurin Alexandra Friedrich hat mit Düzen und Tülin Tekkal in der Sendung „Das Gespräch“ über ihre Arbeit gesprochen.
Zu fünft ein Buch schreiben: Das ist eine Herausforderung. Sie haben jahrelang zu dreizehnt in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Hannover-Linden gewohnt. Ich vermute, für Sie war diese Zusammenarbeit ein Klacks, oder?
Düzen Tekkal: Das ist tatsächlich ein gutes Trainingslager gewesen, aber ich habe das Buchprojekt wirklich unterschätzt. Es war ein wahnsinnig anstrengender Prozess, das gebe ich offen zu. Vor allem, als wir das erste Mal die Passagen der anderen gelesen haben und es dann hieß, das können wir doch nicht bringen. Das zeigt, wie streng wir einerseits sind, dass wir aber auch ein Organismus sind, dass wir das Beste füreinander wollen.
Es zeigt aber auch, dass wir in dem Buch ganz schön ausgepackt haben. Es ist sehr wichtig, dass dieses Buch nicht gefällig ist. Weder uns selbst gegenüber, noch unserer Umwelt. Es geht weniger um Erfolg, sondern um den Widerstand, um das Weitermachen, trotz der Angriffe.
Das ist keine Erfolgsgeschichte oder Heldinnengeschichte, die uns voneinander entfernen soll. Man lernt uns in diesem Buch als Schwestern, als Menschen, als Frauen, als Töchter kennen. Wir sind keine perfekte Familie und auch keine perfekte Schwesternschaft.
Ich finde es erstaunlich, dass fünf Schwestern sich der Menschenrechtsarbeit verschrieben haben. Wie sind Sie politisiert worden?

Ihr Einsatz für Frauen und Menschenrechte gefällt nicht allen: Die Tekkal-Schwestern müssen sich regelmäßig gegen Anfeindungen wehren.
Düzen Tekkal: Wenn du als Tochter von kurdisch-jesidischen Geflüchteten und als Frau zur Welt kommst, ist dein Aktivismus alternativlos. Die Politik wurde uns in die Wiege gelegt. Mein Vater hat mit dieser Menschenrechtsarbeit vor über 60 Jahren begonnen, als er nach Deutschland gekommen ist. Niemand wusste, wer oder was Jesiden sind. Aber wir sind bedroht worden, seitdem es uns gibt.
Der Völkermord an unserer Religionsgemeinschaft 2014 und war für mich ein life changing moment. Ich bin als Journalistin in den Irak gefahren und zur Chronistin des Völkermords an meiner Religionsgemeinschaft geworden und als Menschenrechtsaktivistin zurückgekehrt. Es war schnell klar, dass wir etwas tun müssen.
Mittendrin zu sein und Menschen zu begegnen – wie den kleinen Mädchen, die innerhalb weniger Minuten zu Vollwaisen geworden sind, weil ihre Väter erschossen worden, ihre Geschwister entführt, versklavt, verkauft worden sind, die Großmütter getötet worden sind. Weil sie nicht nützlich waren: Das hat sich bei uns in die DNA eingebrannt.
Sie schreiben auch im Buch , dass Sie immer wieder bedroht werden. Nicht nur, wenn Sie zum Beispiel in Krisengebiete reisen, sondern dass das eine Alltäglichkeit hat. Was erleben Sie?
Düzen Tekkal: Dieses Damoklesschwert schwebt immer über uns. In dem Moment, in dem wir uns als Frauen dazu entschließen, in den Weltbezug zu gehen, wie es Hannah Arendt einst genannt hat, leben wir gefährlich. Und zwar nicht nur in Afghanistan, im Irak und in Syrien, sondern auch hierzulande in Deutschland. Die Themen, die wir bedienen, sind keine einfachen Themen.
Das sind Themen, bei denen andere gerne weg gucken oder den Kopf in den Sand stecken. Es gibt auch Leute da draußen, die uns erzählen wollen, das sind keine Themen, um die sich Frauen zu kümmern haben – schon gar nicht mit Migrationshintergrund. Da kommt dann die Wut und die Rebellion.

Nach der NS-Zeit löste ihr Begriff kontroverse Debatten aus. Am 4. Dezember 1975 starb die jüdische Politologin aus Hannover in New York.
Wie können wir dann schweigen? Die Entstehung von Feindbildern führt am Ende genau zu diesen Kriegen. Wir setzen uns mit Themen auseinander wie Rassismus, Antisemitismus, religiöser Extremismus. Das gefällt den Leuten nicht, die davon betroffen sind, weil wir sozusagen die Täter damit konfrontieren, online und offline. Deswegen werden wir wiederum von den Tätern konfrontiert. Was das Thema digitale Gewalt, digitale Lynchjustiz, Dämonisierung, Feindmarkierung, Sektierertum betrifft – das ist ja kein Einzelfall, der nur uns betrifft. Ich glaube, wir müssen eine Sensibilität dafür herstellen. Was bedeutet das als Frau, als Menschenrechtsaktivistin, sich dazu zu entschließen, eine Meinung zu haben?
Video:
Düzen, Tezcan, Tugba, Tülin und Tuna Tekkal (26 Min)
Wenn wir auf Ihre Website von HÁWAR.help e.V. gucken, ist das große Thema gerade Rojava in Syrien. Außerdem gab es Projekte in Afghanisten, im Irak, Iran. Sie sind in sehr vielen Krisengebieten tätig. Wie entscheiden Sie, an welcher Stelle Sie solidarisch sind und welchen Kampf Sie zu Ihrem eigenen machen ?
Düzen Tekkal: Der Tag hat nur 24 Stunden und wer behauptet, dass er sich um alles gleichermaßen kümmern kann, dem kann ich nicht glauben. Wir stehen zu unseren Schwerpunkten. Für uns sind das natürlich Kernfragen, wo die kurdische Identität und das Leben von Minderheiten in einer Post-Assad-Ära unter Beschuss stehen. Der Schwerpunkt ist der Schutz und die Religionsfreiheit von Minderheiten und Opfer von religiös-extremistischen Tätern und Angriffen.
Wir gehen immer da rein, wo unser Herz uns hinzieht. Wir müssen selber berührbar sein, um zu berühren und das sind Begegnungen mit Menschen. Für mich ist es das Thema Frauenrechte. Wenn ich an die afghanischen Frauen in meinem Umfeld denke, kann ich gar nicht anders, als mich zu solidarisieren. Wir haben die Frauen kläglich im Stich gelassen.
Wer redet überhaupt noch über die Frauen in Afghanistan? Ähnlich verhält es sich mit Frauenrechten in Syrien, jetzt auch unter dem Interimspräsidenten, wo wir sagen, der muss zur Rechenschaft gezogen werden. Aber das ist die eiskalte Welt, in der wir leben. Dass Machtinteressen dem vorgezogen werden und dass sich die Weltgemeinschaft inklusive der USA dafür entschieden haben, der ist es jetzt und ob da Massaker stattfinden oder nicht, interessiert uns nicht. Wir interessieren uns aber. Wir interessieren uns für die Geschichte, die nicht erzählt wird.
Das komplette Gespräch, geführt von Alexandra Friedrich, ist auf dieser Seite nachzuhören. Das Buch „Wut und Wärme. Wie wir mit Schwesternschaft Deutschland verändern“ ist im Brandstätter Verlag erschienen und kostet 25 Euro.

Sie sind fünf Schwestern aus Hannover berichten bei NDR Kultur „Das Gespräch“ über ihre Arbeit für Menschenrechte in Krisengebieten.

Solidarität mit Collien Fernandes
Im Fall Collien Fernandes: Nina Chuba, Carolin Kebekus, Cathy Hummels – 250 prominente Frauen richten Appell an Bundesregierung. Ihre Forderungen:

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft zeichnet die Hannoveranerin damit für ihre Toleranz und ihre Solidarität mit Israel aus.