
Bis zu 300 Menschen kamen im Laufe der Mahnwache vorbei. Bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt blieben aber nur einzelne über Nacht.
Foto: Bündnis gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen
Der Boden ist noch nass auf dem Platz gegenüber dem Roten Rathaus, kurz hatte es stark geregnet. Jetzt strahlt die Sonne auf die Bühne, auf der Faysal einen Redebeitrag hält. Es ist die jährliche Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen, die von Donnerstagmittag bis Freitagmorgen vor dem Berliner Regierungssitz stattgefunden hat.
»In Berlin gibt es mindestens zwei Plätze, auf denen Familien mit Kindern draußen schlafen«, beschreibt Faysal das Ausmaß von Obdachlosigkeit in der Hauptstadt. Er ist 16 Jahre alt und schon seit einigen Jahren bei der Initiative Radtour für obdachlose Menschen dabei. Junge Menschen auf der Straße zu sehen, schockiere ihn besonders.
Faysal selbst war mit seiner Familie vor ein paar Jahren kurz obdachlos gewesen. Die afghanischen Geflüchteten mussten von Hotelzimmer zu Hotelzimmer umziehen, weil es in den Unterkünften des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten keinen Platz für sie gab. Einmal musste Faysal mit seinen Eltern und Geschwistern über Nacht draußen auf der Straße schlafen. Jetzt ist der 16-Jährige aktiv, um andere Menschen in einer solchen Situation zu unterstützen.
Etwa 50 Personen mit und ohne Wohnung hören Faysal auf der Mahnwache zu oder informieren sich an einem der Infotische über die Situation obdachloser Menschen und über Unterstützungsangebote. Die Union für Obdachlosenrechte zum Beispiel hat eine Beschwerdestelle aufgebaut; dort können Menschen etwa Berichte über Gewalt oder Diskriminierung einreichen, die sie in Unterkünften oder auf der Straße erfahren haben. Diese sollen schließlich dem Berliner Polizeibeauftragten, der Landesantidiskriminierungsstelle und den Berliner Registern übergeben werden.
»Ich möchte von der Straße runter, aber in Berlin gibt es ja nichts.«
Nicki
Zur Mahnwache ist auch Nicki gekommen. Sie findet die Aktion für Obdachlose vor dem Roten Rathaus gut. »Ich bin selbst obdachlos und freue mich, dass es so was wie hier gibt«, sagt sie zu »nd«. Seit drei Jahren lebt Nicki auf der Straße und möchte dringend etwas an ihrer Situation ändern. »Ich kann das bald nicht mehr«, sagt sie. Den Winter über hat sie nachts in einer Kältehilfe-Notübernachtung verbracht, doch diese schließe jetzt. Dann müsse sie in Treppenhäusern schlafen.
»Ich möchte von der Straße runter, aber in Berlin gibt es ja nichts«, sagt Nicki. Ihr sei aufgefallen, dass Obdachlosigkeit in Berlin stark zugenommen habe. »Das tut mir in der Seele weh.« Nicki hat das Gefühl, dass es niemanden gebe, der Menschen wie ihr in solchen Notsituationen helfe: »Hier ist man aufgeschmissen.« Mitarbeiter*innen von Gangway, einem Verein für Straßen-Sozialarbeit, sind auch auf der Mahnwache präsent. Sie kommen mit Nicki ins Gespräch und vereinbaren einen Termin, um ihre Situation zu besprechen und vielleicht doch einen Weg zu finden, um aus der Obdachlosigkeit herauszukommen.
Berlin hat sich, einem EU-Beschluss folgend, zum Ziel gemacht, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden. Darüber können die Anwesenden der Mahnwache nur zynisch lachen. Es passiere nämlich nichts, um dieses Ziel tatsächlich zu erreichen, sagt ein Redner auf der Bühne. Stattdessen werde die Wohnungsnot in Berlin größer. »Die Häuser denen, die sie brauchen«, rufen die Teilnehmer*innen der Mahnwache in Richtung Rotes Rathaus.
Mitarbeiter*innen des Unterschlupfs, eines Tagestreffs für obdachlose Frauen, sind auch zur Mahnwache gekommen. »Wir begleiten Frauen in der Obdachlosigkeit«, sagt Michaela zu »nd«. In der Arbeit beim Unterschlupf sei in diesem Winter besonders aufgefallen, dass ob der sehr niedrigen Temperaturen auch Frauen nachts in Unterkünften blieben, die dies in den vorherigen Jahren lieber vermieden hatten, weil sie nicht mit so vielen Menschen auf engem Raum sein wollen. »Der Winter war hart«, sagt Michaela. Im Unterschlupf habe man gemerkt, dass die Räume in diesem Winter voller waren als in den Jahren zuvor.
Auch Gewalt gegen obdachlose Menschen habe zugenommen. »Frauen mit gebrochener Nase kamen zu uns.« Das sei auch ein Grund, warum viele nicht mehr draußen schlafen wollen. Der Unterschlupf selbst sucht weiterhin nach neuen Räumen, berichtet Michaela. Aus den jetzigen in der Wrangelstraße in Kreuzberg müsse man raus, weil das Haus abgerissen werden soll. Wann das passiere, sei noch nicht klar.
Im Verlauf des Donnerstags kamen bis zu 300 Menschen zur Mahnwache vor dem Roten Rathaus, sagt Nicole Lindner vom Bündnis gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen am nächsten Morgen zu »nd«. Vor allem während der Konzerte am Abend sei es voll gewesen auf dem Kundgebungsplatz. »Ich glaube, dass sich Menschen ohne Zuhause gesehen und gehört gefühlt haben.« Einige hätten die Möglichkeit des »Offenen Mikrofons« genutzt, um ihre Situation zu schildern.
Politiker*innen vom Berliner Senat seien leider nicht zur Kundgebung dazugekommen, um sich mit den Problemen obdachloser Menschen auseinanderzusetzen, bedauert Lindner. Aber Katina Schubert von der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus und Heike Heubach von der SPD-Bundestagsfraktion hätten die Mahnwache besucht.
Über Nacht, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, seien schließlich acht Menschen geblieben. »Es war eine harte Nacht«, so Lindner. Trotzdem freut sie sich darüber, dass sich viele Vereine und Initiativen an der Mahnwache beteiligt haben, und hofft, dass nächstes Jahr noch mehr Unterstützer*innen mitmachen.