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In der Atelierwohnung der May-Siedlung lebten einst bedeutende Persönlichkeiten. Doch ihre Geschichte ist heute kaum noch bekannt.
Frankfurt – Nähert man sich in Niederrad der Haardtwaldstraße 2, die an der Ecke Kalmit-/Bruchfeldstraße und dem Haardtwaldtplatz liegt, ahnt man nicht, dass die geradlinigen Häuser der May-Siedlung eine Überraschung bergen. Man muss schon genau hinschauen oder die Perspektive wechseln, um ihn zu sehen: den Wohnturm/die Atelierwohnung, die es in sich hat. Nicht nur die Siedlung mit dem bekannten „Zickzackhausen“ ist wegen ihrer revolutionären städteplanerischen Idee der 1920er Jahre berühmt.
Es ist das erste große Projekt des „Neuen Frankfurt“ von Stadtbaurat Ernst May. Ein Resultat des fröhlichen Experimentierens inmitten strenger architektonischer Gliederung war die Planung und Erstellung einer zweigeschossigen Atelierwohnung mit großer, markanter Fensterfront zum Platz hin. Das Endgebäude hat sechs Stockwerke. Carl-Herrmann Rudloff war der leitende Architekt im Auftrag von May. Bildhauer sollten in den Turm dort einziehen, zusammen mit Mietern der überwiegend unteren Mittelschicht und Arbeitern. Gekommen ist es erst mal ganz anders. Nicht nur der Mittelstand zog ein. Auch Wissenschaftler der nahen Uniklinik fanden daran Gefallen. Berühmte Wissenschaftler, Architekten und Künstler zogen in die Atelierwohnung.
Stilmittel des „Neuen Frankfurt“: Viele Fenster sind direkt an der Gebäudeecke platziert. In den schlichten weißen Wänden teilen die fein gegliederten Fenster die Flächen auf. © FFF_BWL_Hofele03Hundert Jahre mit Persönlichkeiten
Heute wohnen dort Architekt Steffen K. und seine Frau. An diesem sonnigen Vormittag wirkt die Wohnung mit originalem Dielenboden besonders hell: „Es gibt ein paar Besonderheiten in der Wohnung: Die Decken sind etwas höher als in den Wohnungen darunter, die Küche hat drei statt zwei Fenster, es gibt schöne Einbauten.“ Das ist etwas untertrieben. Auf den ersten Blick ist die Wohnung tatsächlich nicht besonders auffällig. Eine typische Siedlungswohnung, etwas größer. Bis sich die Tür vom Wohnzimmer zum Atelier öffnet. Dann öffnet sich eine zweite Ebene, eine andere Welt des Wohnens. Eine sich über zwei Etagen ziehende Eckfensterfront mit kleinem Balkon bringt Extravaganz und viel Licht. Ein Schreibtisch und ein Regal, mehr nicht: „Bei Führungen werde ich gefragt, ob es mein Schreibtisch sei, und meine Frau, wie man beim Putzen an die oberen Fenster kommt“, sagt Steffen K. schmunzelnd. Rechts führt eine Treppe zur zweiten Etage mit einem offenen Schlafraum. Eine Dachterrasse erlaubt einen großartigen Blick über Niederrad, die ganze Siedlung und bis zum Stadion: „Wir wissen immer ganz genau, ob gerade ein Tor fällt oder eine Chance vertan wurde.“
Mittelachse in „Zickzackhausen“: Wohnhäuser mit Flachdach in der Bruchfeldtraße in Niederrad. Die Siedlung entstand von 1926 bis 1927, Planung von Ernst May. © Roland Witschel/picture-alliance/ dpa
Fast hundert Jahre ist dieser besondere Ort nun bewohnt. Die heutigen Bewohner, die 2010 einzogen, interessieren sich sehr für die Geschichte des Hauses und ihrer ehemaligen Bewohner. Einige sind zu Unrecht fast vergessen, findet Steffen K.
Der erste war Philipp Schwartz. Nach Fertigstellung des Wohnblocks 1927, zog Schwartz dort ein. Zuvor hatte er keinen festen Wohnsitz. Erst die Professur für Pathologie verschaffte ihm den Zugang zu diesen Wohnverhältnissen. Die Inneneinrichtung stammte vom bekannten Frankfurter Architekten Ferdinand Kramer, der für May konzeptionell an vielen Siedlungseinrichtungen verantwortlich war. Schwartz und Kramer kannten sich. Schwartz zog dann 1932 in ein Reihenhäuschen um die Ecke, ebenfalls von May konzipiert.
Wohnturm wird zum Schicksalsort
Bei Professor Philipp Schwartz, dem ersten Mieter, stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass ein bekannter Mediziner aus Frankfurt, der als Jude nicht nur selbst vor den Nazis fliehen musste, sondern über eine von ihm gegründete Organisation fast 1800 Menschen zur Flucht in die Türkei verhalf, nicht im Frankfurter Gedächtnis verankert ist? Eine Plakette am Haus erinnert heute an den ungewöhnlichen Mann, es gibt eine Stele an der Uniklinik.
Philipp Schwartz wurde trotz seiner Flucht ein anerkannter Mediziner. Versuche, nach dem Krieg in Frankfurt wieder eine Stellung zu bekommen, scheiterten. Er blieb in den USA.
Atelier ist eigentlich unpraktisch
Auf Schwartz folgte 1932 ins Atelier der Architekt Karl Wilhelm Ochs, der mit Kirchen- und Industriebauten in den 1930er Jahren bekannt wurde. Der dann von den Nazis aus der Architektenkammer ausgeschlossen wurde: „Mich hat betroffen gemacht, dass der Originalbrief mit dieser Nachricht, dessen Kopie ich habe, an diese Adresse verschickt wurde. Sie ist auch meine Adresse. Auch ich bin Architekt.“ Ochs konnte weiterarbeiten, hat dann für Brown Boveri Industriebauten, etwa in Großauheim entworfen. Nach einem Polizisten und einem Grafiker zogen dann tatsächlich ein Bildhauer und seine Künstlergattin, das Ehepaar Bube, ein. Und blieb bis 2010:
Beeindruckende Höhe: Das zweigeschossige Turmzimmer bietet einen Ausblick. Die Proportionen sind für das maßvolle Raumprogramm der Zwanziger ungewöhnlich. © hofele
„Eigentlich ist ein Konzept, das Bildhauer in einer Atelierwohnung über dem vierten Stock vorsieht, nicht ganz stimmig. Es gibt keinen Materialaufzug, nur das normale Treppenhaus“, sagt Steffen K. Die Bubes störte es nicht. Sie blieben fast 50 Jahre und waren kreativ. Heinz Bube entwarf kleinere Plastiken aus Metall, seine Frau Wandteppiche. Was Steffen K. leider nicht mehr zeigen kann, ist die Frankfurter Küche. Die wurde Opfer einer Sanierung: „Die ABG als Eigentümerin hat in der Vergangenheit wenig Rücksicht auf die historisch wertvollen Inneneinrichtungen der May-Siedlungen gelegt, wenn es zu Sanierungen kam. Den Dielenboden konnten wir retten. Die Küchen, aber auch Türblätter und Beschläge (oft von Ferdinand Kramer) sowie Einbauschränke werden meist ausgebaut. Und sind dann verloren.“
Steffen K. und seine Frau wissen, dass sie an einem besonderen Ort wohnen: „Wir schätzen es sehr. Wir wollen nicht mehr ausziehen.“