
AUDIO: Nachrichten 08:00 Uhr – 30.03.2026 (6 Min)
Stand: 30.03.2026 08:18 Uhr
Der Buckelwal, der seit Wochen in der Ostsee umherirrt, liegt heute früh weiter auf einer Sandbank vor Wismar. Experten schätzen seinen Zustand als deutlich geschwächt und die Überlebenschancen als gering ein.
Der Buckelwal, der vergangene Woche tagelang auf einer Sandbank vor Niendorf (Kreis Ostholstein) lag, hängt weiter im flachem Wasser vor Wismar in Mecklenburg-Vorpommern fest. In der Nacht hat sich das Tier nicht von der Stelle bewegt. Der Meeressäuger liegt fast regungslos im etwa zwei Meter tiefen Wasser. Seine Rufe sind am Morgen gar nicht zu hören, berichten NDR Reporter vor Ort. Mit einem Schlauchboot wollen Wasserschutzpolizei und Greenpeace zum Wal rausfahren, um seinen Gesundheitszustand einschätzen. Das soll vorerst die letzte Fahrt zu dem Buckelwal sein, denn er soll in Ruhe gelassen werden, damit er letzte Kraftreserven mobilisieren kann.
Experten schätzten schon gestern seinen Zustand als deutlich geschwächt und die Überlebenschancen als gering ein. Gestern landeten immer wieder Möwen auf seinem Rücken und pickten in seine Haut. Ein Rettungseinsatz sei nicht geplant, erklärte der Direktor des Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, Burkhard Baschek.
Wal reagiert kaum noch auf Schlauchboote

Umweltschützer und Einsatzkräfte waren am Sonntag erneut mit Schlauchbooten bei dem Tier.
Bei einer Pressekonferenz am Sonntagnachmittag sagten Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) sowie mehrere Meeresforscher und Experten, man wolle den Wal jetzt in Ruhe lassen – in der Hoffnung, dass er Kraft tankt, sich selbst befreit und den Weg aus der Ostsee heraus finde. Das Tier sei deutlich weniger aktiv und habe auch auf das Anfahren mit dem Schlauchboot kaum reagiert, sagte Stefanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW).

Das Tier liegt fast regungslos in der Ostsee vor Wismar. Am Montagmorgen sind keine Rufe zu hören. Alle Entwicklungen hier im Liveticker
Meeresforscher: Wal unternimmt keinen eigenen Versuch
Grundsätzlich sei das Wasser an der Stelle, wo der Wal liege, so tief, dass er sich selber freischwimmen könnte, sagte der Direktor des Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, Burkhard Baschek am Sonntag. „Er unternimmt aber keinen Versuch.“
Einschläfern „schließen wir aus“
Unterdessen wurde auch diskutiert, ob der erkrankte Wal eingeschläfert und so von seinem Leiden befreit werden könnte. Stefanie Groß sagte dazu allerdings: „Es gibt keine verlässliche Methode, die das Tier schnell und schmerzlos erlöst.“
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Backhaus sagte: „Das schließen wir aus.“ Ihm zufolge beschäftigen sich die Behörden bereits mit der Frage, ob und wie der Wal geborgen werden könnte, falls er verende. Die Worst-Case-Betrachtungen hätten längst stattgefunden, so Backhaus, ohne Details nennen zu wollen. „Wir hoffen immer noch, dass wir in die Situation nicht kommen.“
MV-Umweltminister Backhaus äußert sich zu Vorwürfen von Robert Marc Lehmann

Till Backhaus (SPD) Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, während einer Pressekonferenz zum Wal in der Ostsee neben Thilo Maack von Greenpeace und Burkard Baschek, dem Direktor des Deutschen Meeresmuseum in Stralsund (v.l.n.r).
Bei der Pressekonferenz äußerte sich Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Backhaus auch zu Vorwürfen, man habe Helfer von der Rettungsaktion ausgeschlossen. Konkret geht es um den Meeresbiologen und YouTuber Robert Marc Lehmann. Dieser hatte zunächst bei den Hilfsaktionen in Niendorf in der Lübecker Bucht geholfen, dann aber Verantwortlichen vorgeworfen, ihn von weiteren Aktionen ausgeschlossen zu haben.
Man suche die Kooperation, so der Minister. In den sozialen Medien bekam Lehmann derweil viel Zuspruch. Viele Nutzerinnen und Nutzer stellten sich hinter den Biologen und wünschten sich seine erneute Beteiligung.
Wie geht es dem Wal?
Nach wie vor hängt im Maulwinkel des Buckelwals eine Leine. Nachdem Teile des Netze schon vor Wochen in Wismar entfernt wurden, konnte in Niendorf die Leine im Maul etwas gekürzt werden. Allerdings hatte sich das verbleibende Stück, beim Versuch es zu entfernen, nicht bewegt, so Stephanie Groß vom ITAW. Ein Problem dabei sei, dass der Wal das Maul nicht weit genug geöffnet hatte.
Video:
Thilo Maack, Meeresbiologe Greenpeace, zur Suche nach Buckelwal in der Ostsee (7 Min)
Große Anteilnahme am Schicksal des Wals

Schaulustige verfolgen die Rettungsversuche für den Buckelwal in der Ostsee.
Das Schicksal des Wals bewegt viele Menschen in ganz Deutschland – und vor allem die, die nah dran sind, wie etwa die Niendorfer und Urlauber an der Ostseeküste. Auch Medien aus Deutschland und aller Welt waren an der Ostsee unterwegs, zum Beispiel Fernsehteams aus Frankreich und Italien. Auch die „New York Times“ berichtete.
Mecklenburg Vorpommerns Umweltminister Backhaus erklärte, die Wasserschutzpolizei werde verhindern, dass sich Unbefugte dem Tier näherten. „Ich bitte erneut darum, solche Versuche zu unterlassen und den Wal mit mindestens 500 Metern Abstand zu passieren.“
Was geschah bisher?
Der Buckelwal war am Montag vor einer Woche (23. März) zunächst auf einer Sandbank vor Niendorf (Kreis Ostholstein) in Schleswig-Holstein entdeckt worden. Auch mithilfe eines Meeresbiologen und vieler Bagger konnte sich das Tier in der Nacht zu Freitag freischwimmen. Es gelang aber nicht, den Wal mit Booten in Richtung Nordsee zu geleiten.
Am Sonnabendnachmittag strandete er in der Wismarbucht (Landkreis Nordwestmecklenburg) in Mecklenburg-Vorpommern südlich der unbewohnten Vogelschutzinsel mit dem Namen Walfisch. Er kam zwar frei, lag dann aber bei Redentin im flachen Wasser der Ostsee.
Fragen rund um den Buckelwal
Buckelwale leben im Sommer meist im Nordatlantik bei Norwegen und Grönland, im Nordpazifik bei Alaska und im Südpolarmeer. Im Winter schwimmen sie gerne in tropische und subtropische Gewässer in der Karibik und der mexikanischen Pazifikküste. Hier paaren sie sich und bringen ihre Jungen zur Welt. Sie ernähren sich von Krill und kleinen Fischen. Pro Tag können sie eine Tonne Nahrung aufnehmen. Laut Experten können Buckelwale bis zu 30 Tonnen schwer werden. Bis zu 90 Jahren können sie alt werden.
Nach Angaben des Meeresbiologen Boris Culik, er führt ein eigenes Forschungsunternehmen in Heikendorf bei Kiel, verirren sich Buckelwale öfter, wenn sie Heringsschwärmen folgen, in die Ostsee. Auch Unterwasserlärm von Schiffen könne die Orientierung der Tiere beeinträchtigen, so dass sie sich „verschwimmen“, sagt Almut Neumeister vom Deutschen Meeresmuseum.
Laut Meeresbiologe Culik können viele Walstrandungen auch mit Sonnenstürmen zusammenhängen. Denn die stören den inneren Magnetkompass der Wale. „Das heißt, das Erdmagnetfeld ist als Koordinatensystem nicht so stabil wie zu Zeiten, in denen die Sonne eben ruhiger ist“, so Culik.
In der Ostsee gibt es nicht so viel Nahrung wie in der Nordsee. Die Fischkonzentration ist laut Meeresbiologe Culik deutlich geringer. Und: „Es gibt keine Artgenossen. Der Salzgehalt stimmt auch nicht.“ Das belastet laut Greenpeace, Haut und Stoffwechsel der Säuger. Parasiten und Entzündungen können sich dann leicht auf der Haut der Buckelwale ausbreiten.
Buckelwale jedenfalls nicht. In der Ostsee sind nur Schweinswale heimisch, erklärt Almut Neumeister vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. Sie sind mit etwa zwei Metern Länge kleiner als Artgenossen wie Buckelwale oder Pottwale. Geschätzt leben rund 200 Schweinswale in der zentralen Ostsee, in der Beltregion sind es einige Tausend.
Fachleute gehen davon aus, dass es sich um den Buckelwal handelt, der zuerst Anfang März vor Wismar und später in der Flensburger Förde und Lübecker Bucht gesichtet wurde. Messungen ergaben, dass der Wal recht groß ist: Er sei zwischen 12 und 15 Metern lang und wiege geschätzt rund 15 Tonnen, sagte Joseph Schnitzler vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW).
Es sei unklar, ob sich der Buckelwal erst in der Ostsee oder schon vorher in dem Netz verfangen habe, sagt Peter Dietze NDR Schleswig-Holstein. Er ist Fischer aus Niendorf und Vorstandsmitglied im Landesfischereiverband. An dem Morgen, als der Wal vor Niendorf strandete, sei er mit seinem Kutter draußen gewesen. „Ich war so in 50 Meter Entfernung und habe gesehen, dass ein richtig dickes Seil um ihn herum war. Das sah aus wie eine Festmacherleine oder so. Das hat mit Stellnetzen nichts zu tun. Entweder das ist eine Leine vom Schleppnetz oder es könnte auch eine Ankerleine von einem Sportboot sein.“
Laut der Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) werden Schleppnetze, Stellnetze und Reusen in der Ostsee zum Fischfang eingesetzt. Seit den 1960er-Jahren bestehen diese nicht mehr aus abbaubaren Stoffen, sondern aus Plastik. Wenn Fischer Netze verlieren, brauchen diese laut WWF 400 bis 600 Jahre, bevor sie verrottet sind. „An Wracks oder als aufgestellte Stellnetze fischen sie als Geisternetze noch lange (…) sinnlos weiter“, so der WWF. In Europa ist die Entsorgung von Fischereigerät auf See verboten. Fischer müssen diese also eigentlich wieder einsammeln – und, wenn sie eines verloren haben, den genauen Verlustort melden. Fischer aus Schleswig-Holstein würden es deswegen eher vermeiden, dass sie Netze verlieren, sagt Peter Dietze vom Landesfischereiverband. Auch weil sie teuer seien. „Das sind einige Tausend Euro pro Strecke, die dann im Wasser bleiben würde. Das kann sich keiner mehr leisten“, sagt er. Er betont, dass auch dänische Fischer in Schleswig-Holsteinischen Gewässern unterwegs seien.
Laut Timmendorfs Bürgermeister Partheil-Böhnke lag der Buckelwal, als der noch vor Niendorf lag, in einem Landesgewässer. Wer die Kosten letztendlich trage, sei unklar. Zunächst habe seine Gemeinde jetzt aber entschieden, die Einsätze rund um den Buckelwal zu bezahlen. Wie hoch die Kosten am Ende sind, kann er noch nicht beziffern. „Ich würde das ungern finanziell ausdrücken. Es geht jetzt darum, das Tier zu retten. Da sind die finanziellen Auswirkungen eher von untergeordneter Bedeutung“, sagte er NDR Schleswig-Holstein. „Aber natürlich ist das ein Posten, der unseren Haushalt belastet.“


In der Nacht hatte sich der Wal von der Sandbank befreit. Aktuell schwimmt er in der Lübecker Bucht im tieferen Wasser.

40 Kilometer Luftlinie von Niendorf liegt das Tier erneut fest. Zuvor hatte es sich in Niendorf mit Hilfe freischwimmen können.

Zuletzt wurde der Wal vor Mecklenburg-Vorpommern gesehen. Die Entwicklungen im Laufe des Freitags zum Nachlesen.

Bilderstrecke
Montagnacht ist in der Lübecker Bucht ein Buckelwal auf einer Sandbank gestrandet. Bis Donnerstagabend dauerte der Rettungsversuch. Nun ist er weg.