Ein Schüler der Rütli-Hauptschule in Berlin ist am 31. März 2006 auf dem Weg zum Unterricht. (Quelle: dpa/Markus Schreiber)

Stand: 30.03.2026 • 10:23 Uhr

2006 schlug ein Brandbrief der Neuköllner Rütli-Schule hohe Wellen. Darin wurde Gewalt und Chaos in den Klassen beschrieben. Nachdem jahrelang viel Geld investiert und neues Personal eingestellt wurde, galt die Schule später als Vorzeigeprojekt.

  • Nach Gewaltvorfällen gab es an der Rütli-Schule zeitweise Einlasskontrollen durch die Polizei
  • Die Schule wurde mit viel Geld zu einem Campus ausgebaut und entwickelte sich zu einem Vorzeigeprojekt
  • An anderen Schulen bestehen weiterhin Probleme

Das Rütli-Kollegium prangerte im Jahr 2006 in seinem Brandbrief an: Türen würden eingetreten und Knallkörper gezündet. In bestimmte Klassen der Schule in Berlin-Neukölln trauten sich einige nur mit dem Handy, um Hilfe holen zu können.

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) kündigte damals Einlasskontrollen durch die Polizei an. Das sei nicht dauerhaft, aber „zunächst einmal eine Lösung, in der klar wird, dass Waffen an Schulen nichts zu tun haben“. Darüber hinaus erhielt die Rütli-Schule eine neue Schulleitung sowie Schulpsychologen und Sozialarbeiter, um die Schüler zu unterstützen und Gespräche mit Eltern zu führen.

Die Gebäude wurden saniert und zum Campus Rütli erweitert – für mehr als 30 Millionen Euro. Unter anderem entstanden eine neue Sporthalle und eine Mensa für den Ganztagsbetrieb.

Projekte, Firmen und Arbeitsgemeinschaften

Die Rütli-Schule wurde zudem mit der benachbarten Heinrich-Heine-Realschule und einer Grundschule zur Gemeinschaftsschule verbunden. Als Schirmherrin engagierte sich Christina Rau, die Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten.

Die Stimmung verbesserte sich, die sogenannte Rütli-Wear mit aufgedrucktem Schulnamen half dabei, sich mit der Schule zu identifizieren. Rütli-Schülerinnen und -Schüler stellen die T-Shirts her und verkauften sie in einer Schülerfirma. Es wurden Tanz-, Musik- und Theaterprojekte ins Leben gerufen, Arbeitsgemeinschaften gegründet.

Nachdem jahrelang viel Geld investiert und neues Personal eingestellt wurde, galt die Schule als Vorzeigeprojekt.

Auch andere Berliner Schulen mit Problemen haben inzwischen ähnliche Projekte sowie Schülerfirmen. Allerdings gebe es einen Haken, sagt Felicia Kompio von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Kolleginnen und Kollegen „sehen die Bedarfe“. Sie seien auch kompetent, Maßnahmen durchzuführen und Schüler sowie Eltern zu unterstützen – „wenn sie die Kapazitäten haben.“

Jedoch gebe es „große Probleme mit Überlastung an den Schulen“. Pro Jahr schöben die Lehrkräfte einen Berg von zwei Millionen Überstunden vor sich her, erklärt Kompio. Aus ihrer Sicht müsste die inzwischen sehr gute personelle wie räumliche Ausstattung am Campus Rütli Standard werden für alle Berliner Schulen.

Der Bildungsexperte der Grünen, Louis Krüger, findet es wichtig, Schulen in ihrer Entwicklung zu unterstützen – wie am Campus Rütli auch langfristig etwa mit Geld für Fortbildungen.

Maja Lasic, SPD-Bildungsexpertin

Das i-Tüpfelchen war die Umwandlung in die Gemeinschaftsschule.

Alle Abschlüsse möglich

Ein wichtiger Punkt ist aus Sicht der SPD-Bildungsexpertin Maja Lasic: Die Rütli-Schülerinnen und -Schüler hätten inzwischen nicht mehr nur die Perspektive auf einen Hauptschul- sondern auch auf alle anderen Abschlüsse. „Das i-Tüpfelchen war die Umwandlung in die Gemeinschaftsschule“, findet Lasic, was „schon ab der ersten Klasse an durchgehend gemeinsames Lernen bis zum Abitur“ verspreche. Die ersten 23 Schülerinnen und Schüler machten 2014 ihr Abitur auf der Rütli-Schule, inzwischen gibt es insgesamt mehr als 300 Abiturientinnen und Abiturienten. 2024 lag die Erfolgsquote beim Abitur bei 93 Prozent.

Der CDU-Bildungspolitiker Lars Bocian sieht den Campus in Neukölln inzwischen im Kiez gut verankert. Denn auf dem Areal gibt es viele Veranstaltungen. Auch Vereine nutzen das Gelände. Im Umfeld der Schule seien Synergien geknüpft worden, sagt Bocian, „das war der Durchbruch und sehr wichtig.“

Probleme nicht überall gelöst

Auch wenn andere Schulen inzwischen ähnliche Konzepte haben, sieht Sven Zimmerschied von der Berliner Sekundarschulleitervereinigung die Probleme nicht überall gelöst. Nach wie vor gebe es die Tendenz, dass sich an einigen Sekundarschulen die Problemfälle sammeln. Die Rede ist von Schülerinnen und Schüler, die wegen ihres Verhaltens „zwangsweise die Schule wechseln müssen.“ Die kämen dann auf Sekundarschulen oft ohne gymnasiale Oberstufe, die „in der Regel nicht übernachgefragt“ seien, also noch freie Schulplätze haben. Die Tendenz sei ein Problem, für die aufnehmenden Schulen sei das „unheimlich schwierig“.

Der Vorsitzende der Sekundarschulleitervereinigung findet außerdem, die regionale Schulaufsicht müsse handeln, sobald sich Probleme abzeichnen. Im Fall der Friedenauer Bergius-Schule ist das im Jahr 2024 aus seiner Sicht nicht passiert. Auch hier prangerten Lehrkräfte in einem Brandbrief Gewalt an.

Aber erst als die Polizei in Mannschaftsstärke anrücken musste, nachdem ein Siebtklässler von einer ganzen Gruppe schulfremder Jugendlicher gejagt worden war, zog Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die Konsequenz. Sie setzte einen neuen Schulleiter als Krisenmanager ein. Eigentlich zu spät. Denn eigentlich, findet Zimmerschied, sollte ein Brandbrief „gar nicht nötig sein“.

Sendung: rbb|24, 30.03.2026, 6:18 Uhr

Audio: rbb|24, 30.03.2026, Kirsten Buchmann

Rundfunk Berlin-Brandenburg