Wenn Frauen erzählen, entstehen Bilder. Wenn Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle einen Raum bekommen, werden sie sichtbar – und zwar auf der Leinwand: In der Kreuzkirche Nordhorn ist ab Sonntag, 12. April, eine Ausstellung der Künstlerin Öznur Cansever aus Hannover zu sehen, die sich ganz den Geschichten von Frauen widmet. In eindringlichen Porträts zeigt sie Stärke, Verletzlichkeit und Würde – und berichtet damit von Lebenswegen, die viele Menschen berühren.

Öznur Cansever wird 1978 in Hannover-Mitte als Tochter einer türkischen Gastarbeiterfamilie geboren, die Eltern waren Ende der 1960er-Jahre nach Deutschland gekommen. Als jüngstes Kind mit zwei älteren Brüdern wächst sie zwischen zwei Kulturen auf. Viele Erfahrungen aus dieser Zeit prägen ihre Kunst bis heute: Sie erlebt Alltagsrassismus und begrenzte Bildungschancen – aber auch die Rolle als Vermittlerin zwischen den Welten. „Ich war oft Dolmetscherin für meine Eltern und spürte früh, was es heißt, zwischen Kulturen hin und her zu schwingen“, erzählt sie.

Zunächst schlägt sie einen anderen Weg ein und macht eine Ausbildung zur Erzieherin. „Ich habe gedacht: Ich muss Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund retten“, sagt sie rückblickend. Doch die Kunst begleitet sie von Anfang an. Schon das Kinderzimmer wurde zum Atelier, Porträts und Comics entstanden, erste Aufträge kamen aus dem Freundeskreis. „Kunst war für mich immer wie Essen und Trinken“, beschreibt sie diese Zeit.

Die Chefin der Einrichtung, wo Öznur Cansever als Erzieherin gearbeitet hat, bringt sie schließlich auf den Gedanken, Kunst wirklich zu studieren. „Sie sagte: Du musst das machen – nicht um malen zu lernen, sondern um die Kunst zu verstehen.“

Dass sie fast ausschließlich Frauen malt, ist Cansever zunächst gar nicht bewusst aufgefallen. Erst ein Kommentar von außen bringt sie zum Nachdenken: „Dann merkte ich: Das hat viel mit meiner Mutter zu tun.“ Diese war schon mit 16 Jahren nach Deutschland gekommen, arbeitete für wenig Geld und lebte in Armut, erfuhr Diskriminierungen als Migrantin und Benachteiligungen, die sie als Frau ohnehin trafen – und verlor doch nie den Blick nach vorn. Diese Lebensgeschichte berührt die Tochter bis heute tief: „Da sehe ich, wie viel Frauen aushalten – und wie viel sie tragen.“


In ihren Werken fängt die Hannoveraner Künstlerin Öznur Cansever die Stärke, Verletzlichkeit und Würde der porträtierten Frauen ein. Bei der Ausstellungseröffnung am 12. April steht sie den Besucherinnen und Besuchern für Fragen und Gespräche zur Verfügung. Foto: privat

In ihren Werken fängt die Hannoveraner Künstlerin Öznur Cansever die Stärke, Verletzlichkeit und Würde der porträtierten Frauen ein. Bei der Ausstellungseröffnung am 12. April steht sie den Besucherinnen und Besuchern für Fragen und Gespräche zur Verfügung. Foto: privat


Aus dieser persönlichen Erfahrung hat sich ein künstlerisches Konzept entwickelt. Öznur Cansever lädt Frauen in ihr Atelier ein – zu langen Gesprächen, die oft Stunden oder sogar Tage dauern. Das Atelier wird zu einem Schutzraum. „Die Frauen stehen im Mittelpunkt, mit Lachen und mit Tränen“, sagt sie.

Während der Gespräche entstehen viele Fotografien – nicht gestellt, sondern mitten im Erzählen. Aus oft 2000 oder 3000 Bildern wählt die Künstlerin schließlich das eine aus, in dem Emotion, Körperhaltung und Spannung zusammenfinden. Daraus entsteht das Gemälde – in Öl auf Leinwand, ihrer bevorzugten Technik. Mehr als 40 solcher Porträts sind im Laufe der Jahre entstanden. „Sie sind wie eine WG in meinem Atelier“, meint Cansever. „Ich sage den Frauen auch nie: ,Das ist mein Bild‘, sondern immer: ,Das ist unser Bild.‘“

Anfangs porträtiert sie vor allem Frauen mit Migrationsgeschichte. Doch bald merkt sie: Viele Themen verbinden Frauen unabhängig von Herkunft oder Religion – Verantwortung für Familie, gesellschaftliche Erwartungen oder der Umgang mit dem eigenen Körper. „Die Nationalität ist dabei gar nicht entscheidend“, sagt sie.

Heute zeigt Öznur Cansever ihre Arbeiten regelmäßig in Ausstellungen, unter anderem war sie beim 39. Kirchentag in Hannover vertreten. Nun geht es für sie nach Nordhorn – eine Stadt, die ihr wegen einer persönlichen Verbindung schon vertraut ist: „Meine erste große Liebe kam aus Nordhorn“, erzählt sie schmunzelnd.

In der Kreuzkirche werden 17 ihrer eindrucksvollen Frauenporträts zu sehen sein. Die Künstlerin hofft, dass sich Besucherinnen und Besucher darin wiederfinden können: „Jeder kann einen Teil der eigenen Geschichte in diesen Bildern entdecken.“

Die Ausstellung wird am Sonntag, 12. April, um 10 Uhr mit einem Kunst-Gottesdienst und anschließender Vernissage eröffnet. Dabei besteht Gelegenheit zum Gespräch mit der Künstlerin. Anschließend ist die Ausstellung bis zum 10. Mai während der Öffnungszeiten der offenen Kirche sowie nach den sonntäglichen Gottesdiensten zu besichtigen.