Sicher ist: Dass einer ihrer zwei Schanigärten – der an der Amalienstraße – laut dem Verwaltungsgericht nur noch bis 22 Uhr betrieben werden darf und an dieser Seite ebenfalls von 22 Uhr an die 44 Plätze auf dem Gehweg auf zehn reduziert werden müssen. Beides wird zu Umsatzeinbußen führen. Inwieweit das existenzbedrohend ist? Das werde sich wohl erst noch zeigen, sagt Panter. Jetzt müssten sie erst einmal mit dem Aufbau beginnen.

Schwer zu vermitteln werde es den Gästen, die dort sitzen, auf jeden Fall sein, dass jene, die durch Zufall im Schanigarten an der Schellingstraße Platz genommen haben, eine Stunde länger sitzen bleiben dürfen oder bis September an Wochenenden und Feiertagen sogar zwei. Und wer entscheidet, welche der 44 Plätze auf dem Gehweg geräumt werden müssen? „Das wird der Horror“, sagt Gamze.

Zumal sie sich nicht vorstellen kann, dass es dabei bleibt: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Anwohner klagt und sie dann auch den Schanigarten an der Schellingstraße früher oder ganz dichtmachen müssten. „Uns graut’s schon davor“, sagt sie; man lebe ja von den Sommermonaten. Ganz unbegründet ist die Sorge jedenfalls nicht: Vor dem Verwaltungsgericht wurde bereits eine ähnliche Nachbarschaftsklage verhandelt. In dem Fall ging es allerdings darum, dass die Klägerseite verhindern wollte, dass der Schanigarten samt Freischankfläche in der Amalienstraße überhaupt noch genutzt werden darf. Diese Klage wurde vom Gericht als unzulässig abgewiesen.

Allein ist das Maex 41 mit dieser Entscheidung als Lokal in der Amalienstraße nicht: Laut dem zuständigen Kreisverwaltungsreferat (KVR) wurde dort „in fünf Fällen der Betrieb von Schanigärten ab 22 Uhr untersagt“. Das gegenüberliegende Wirtshaus Atzinger hatte sich darauf bereits im vergangenen Sommer eingelassen, diesen Schritt jedoch schnell bereut: Die Beschwerden des Anwohners hätten auch nach diesem Entgegenkommen mitsamt Umsatzeinbußen nicht nachgelassen, beklagte Betreiber Lai Due Hung schon im Spätsommer 2025. Im Fall des Giesinger Stehausschanks und des Bites & Delights sind Klagen gegen die Freischankflächennutzungen nach 22 Uhr dem zuständigen Verwaltungsgericht zufolge noch anhängig, Ausgang ungewiss.

Ich freue mich, dass die Winterpause bald ein Ende hat und die Schanigärten wieder öffnen

Dominik Krause

Das KVR teilt auf Nachfrage ganz generell mit: Man werde die Situation „mit den ersten warmen Wochen im Jahr“ beobachten und prüfen, ob die Maßnahmen „ausreichen“. Welche Schritte konkret in Zusammenarbeit mit den Anwohnern und Betreibern sowie der Fachstelle Moderation der Nacht (MoNa) und dem Allparteilichen Konfliktmanagement in München (AKIM) des Sozialreferats erarbeitet wurden, dazu will die Behörde keine näheren Angaben machen. Man habe sich mit allen Beteiligten darauf geeinigt, „die besprochenen Themen vertraulich zu behandeln“.

Das deutet darauf hin, dass die Lage immer noch angespannt ist. Oder sollte man sagen: schon wieder? Die ersten Lärmbeschwerden gab es laut dem KVR schon lange vor dem offiziellen Start der Schanigartensaison. Darauf soll nun mit erhöhter Präsenz vor Ort reagiert werden, wie zu vernehmen ist.

Das Bites & Delights an der Ecke Schelling- und Amalienstraße ist eine Art Kiosk, der To-go-Getränke verkauft, aber auch einen Schanigarten hat.Das Bites & Delights an der Ecke Schelling- und Amalienstraße ist eine Art Kiosk, der To-go-Getränke verkauft, aber auch einen Schanigarten hat. Robert Haas

Genervte Anwohner, Müll, Lärm und daraus resultierende Rechtsstreitigkeiten, wie sie die Stadt hauptsächlich im Univiertel seit dem vergangenen Sommer vermehrt beschäftigen, sind aber nur die eine Seite der Schanigärten. Verteilt über die ganze Stadt gibt es gut 600 davon – wenn auch die meisten in den Vierteln Altstadt-Lehel, Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt und Maxvorstadt angesiedelt sind. Und das KVR, aber auch der langjährige Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) wurden bis zuletzt nicht müde, von einer Münchner „Erfolgsgeschichte“ zu sprechen, bei der regelmäßige Beschwerden die Ausnahme bleiben.

Auch Dominik Krause (Grüne), der die Geschäfte des Oberbürgermeisters gerade kommissarisch führt, vom 1. Mai an aber ganz regulär übernehmen wird, betont: „Ich freue mich, dass die Winterpause bald ein Ende hat und die Schanigärten wieder öffnen.“ Sie seien „ein großer Beitrag zu einer lebendigen Stadt und aus München nicht mehr wegzudenken“. Gleichwohl plädiere er bei diesem Thema „für mehr gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis“. Die Stadt sieht er hier in der Mittlerinnenrolle.

Zumindest mit Blick auf die Pestalozzistraße im Glockenbachviertel scheint die Lage aber ohnehin weitestgehend entspannt. Zwar hatte auch der Betreiber vom München 72, das zwar formal in der Holzstraße liegt, jedoch an die Pestalozzistraße angrenzt, der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Sommer von Ärger mit einem Anwohner erzählt, von diesem einen Anwohner erzählen auch andere Gastronomen.

Glaubt man allerdings Susanne Wiegand, dann ist das dennoch die Ausnahme. Sie betreibt den Botanista Café Club in der Pestalozzistraße und sagt, sie habe bislang kaum „negative Rückmeldung“ erhalten, vielleicht auch, weil man beim Thema Lautstärke „sehr achtsam“ sei. Statt Unmut spüre sie deshalb auch bei den Nachbarn dieser Tage wieder Vorfreude. Sobald der Schanigarten aufgebaut werde – sie hat mit ihrem Team die Tage vor dem verschneiten Wochenende genutzt – kämen sie und sagten: „Endlich geht es wieder los.“

Auch beim Luffy Pancake in der Pestalozzistraße wird am Schanigarten gearbeitet.Auch beim Luffy Pancake in der Pestalozzistraße wird am Schanigarten gearbeitet. Stephan Rumpf

Wiegand glaubt, dass es auch damit zu tun haben könnte, dass unter anderem ihr Schanigarten – oder wie sie sagt ihr „Wohnzimmer im Freien“ – samt Lichterketten und Deko zur Verschönerung der Straße beiträgt, Frühlingsgefühle inklusive. Und besser als eine Baustelle, die auch irgendwann kommen wird, sei er allemal.

Sollte das Wetter mitspielen, ist für den Saisonauftakt am 2. April im Botanista Café Club auch eine kleine Party geplant, mit einem DJ-Set und der neuen saisonalen Abendkarte. Der DJ werde, so Wiegand, allerdings nur bis 19 Uhr auflegen, den Anwohnern zuliebe. Denn wie auch Krause glaubt die Gastronomin an eine Balance: „Es braucht vor allem klare Regeln und gegenseitige Rücksicht.“ Dafür, dass die Menschen im Glockenbachviertel die Parksituation belastet, die sich durch die Schanigarten einmal mehr verschärft, hat Wiegand zum Beispiel großes Verständnis.

Die Maistraße, die nur wenige Gehminuten entfernt liegt, ist im Vergleich zur Pestalozzistraße ruhig, auch hier gibt es aber schon einige Freischankflächen. Eine, die schon länger genehmigt ist, wird zudem bald wiederbelebt: In die Maistraße 10 ist die Franzi Bar eingezogen, der zweite Laden von Maximilian Schwarz und seinem Geschäftspartner Alexander Hahn. Die beiden betreiben schon die Franz Bar in Sendling, gerade renovieren sie den Laden in der Maistraße, damit sie Anfang April eröffnen können. Bis auch der Schanigarten steht, wird es noch ein paar Tage oder Wochen dauern, sicher aber ist: Auch er wird Marke Eigenbau. Ob sie Sorgen hätten, dass es zu Anwohnerbeschwerden kommt? Eigentlich nicht, sagt Schwarz: „Wir haben jedenfalls nicht vor, die Nachbarn zu ärgern.“

Und damit zurück ins Univiertel: Hier soll bald ein ganz neuer Schanigarten entstehen, das Genehmigungsverfahren läuft laut Iassen Markov aber noch. Er betreibt die Imperia Bar in der Adalbertstraße seit 2025. Im ersten Jahr hätten sie noch auf eine Freischankfläche verzichtet, zu ungewiss sei gewesen, wann die Kündigung ins Haus flattert – der Mietvertrag werde immer nur halbjährig verlängert, weil der Abriss ansteht. In diesem Jahr aber hätten er und sein Team sich gedacht: Selbst wenn im September Schluss sein sollte, warum nicht bis dahin noch ein bisschen Spaß haben?

Wenn alles klappt, eröffnet der Imperia-Schanigarten im Mai.  Von da an werde aus der Bar vermutlich ein Café oder, wie es gerade im Trend ist, eine Tagesbar: mit Kaffee, Matcha, Oliven, Drinks und Blumen. Ob Markov glaubt, dass es Ärger mit Anwohnern geben wird? Nein, sagt auch er. „Ich glaube, das wird entspannt.“ Gemütlich eine Zigarette auf dem Gehweg rauchen, das solle bei ihnen immer möglich sein. Aus Erfahrung weiß er, dass das in der Schelling- und Amalienstraße im vergangenen Jahr nicht immer der Fall war. Zu viele Leute, zu wenig Platz.

An der aktuell insbesondere im Univiertel angespannten Situation seien allerdings nicht allein die Gastronomen schuld, darauf weist Gamze Panter vom Maex 41 hin. Wenn jemand an einem ihrer Tische sitze, so Panter, dann würde sie darauf achten, dass dieser jemand nicht zu laut wird, die meisten Bars hätten ja eigens dafür sogenannte Silencer im Einsatz. Auch Müll durch To-go-Becher oder Flaschen werde bei ihnen keiner verursacht. Anders sei das bei den benachbarten Kiosken.

Bis auf Weiteres dürfen die Kioske im Univiertel auch nach 22 Uhr Flaschenbier verkaufen

Gegen fünf von ihnen sowie das Bites & Delight, das als eine Art Kiosk nicht nur eine Konzession für alkoholische To-go-Getränke hat, sondern auch einen Schanigarten betreibt, hatte das KVR im vergangenen Spätsommer ein Verkaufsverbot für Flaschenbier und alkoholische To-go-Getränke von 22 bis 5 Uhr verhängt. Der damalige zweite Bürgermeister und künftige Oberbürgermeister Krause hatte das Verbot – einmal mehr in Vertretung von Reiter – jedoch kurz darauf wieder kassiert, sprich bis auf Weiteres ausgesetzt. Nach Kritik an diesem Vorgehen hatte er damals versichert: „Wir gehen noch mal in die Gespräche, und wenn es nicht klappt, kehren wir zum Verbot zurück.“

Die Betreiber des Amalienkiosks, des Café-Kiosks Schellingstraße des Café-Kiosks Barerstraße hatten ungeachtet dessen Eilverfahren gegen die Entscheidung angestrengt – und teilweise Recht bekommen: Das vom KVR verhängte Verkaufsverbot wurde vorübergehend ausgesetzt, allerdings nur vom 1. November 2025 bis 31. März 2026. Die Notwendigkeit einer Beschränkung sei in diesem Zeitraum „nicht ersichtlich“, urteilte das zuständige Verwaltungsgericht. Eine Entscheidung in der Hauptsache steht aus. Das bedeutet auch: Von diesem Mittwoch an könnte das KVR das Verbot theoretisch wieder durchsetzen. Auf Nachfrage teilt die Behörde jedoch mit, dass man den Saisonstart erst einmal abwarten wolle, dann werde entschieden.

Erst mit dem Frühlingsbeginn wird sich also zeigen, ob die erarbeiteten Maßnahmen des KVR im Univiertel Wirkung zeigen oder Verbote notwendig sind – und ob es auch in den übrigen Vierteln gelingt, die Bedürfnisse von Kioskbetreibern, Gastronomen und Anwohnern in Einklang zu bringen.