Sydney/San Francisco – Fossile Brennstoffe, Tabak, hochverarbeitete Lebensmittel, Chemikalien und Alkohol gehören einer Autorengruppe zufolge zu wesentlichen Treibern des weltweiten Anstiegs von chronischen Krankheiten. Sie fordert mehr Forschung und Maßnahmen in Anbetracht der Taktiken der multinationalen Unternehmen, die diese Produkte herstellen und vermarkten (NEJM 2026; DOI: 10.1056/NEJMms2507028).
Die Unternehmen und ihre Verbündeten hätten Wissenschaft und politische Entscheidungen unterminiert, wobei Profite wichtiger seien als Gesundheit, schreiben Mitglieder eines Konsortiums des Center to End Corporate Harm der University of California, San Francisco, in ihrem Artikel, der vor wenigen Tagen im New England Journal of Medicine erschienen ist.
Medizinische Fachkräfte, Forschende, politische Entscheidungsträger und andere Gruppen müssten in der Lage sein, diese Aktivitäten zu antizipieren, zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken, um der zunehmenden Belastung durch chronische Krankheiten und gesundheitliche Ungleichheiten zu begegnen, schreibt die Gruppe.
Die genannten Branchen nutzen die gleichen Taktiken wie „Big Tabacco“, um Unsicherheiten rund um die Schädlichkeit ihrer Produkte zu verbreiten, deren Regulierung hinauszuzögern und weiterhin von Verkäufen zu profitieren, sagte Hauptautor Nicholas Chartres, wissenschaftlicher Leiter des 2025 gegründeten Zentrums, der auch an der Universität Sydney forscht. Verbraucherinnen und Verbraucher zahlten den Preis auch mit ihrer Gesundheit.
Als die drei Schlüsselmechanismen benennt das Team die Einflussnahme auf Wissenschaft, Politik sowie den öffentlichen Diskurs. Dies wird mit verschiedenen bekannt gewordenen Beispielen illustriert.
Maßnahmen gegen Versuche der Einflussaufnahme
Das Konsortium schlägt Wege vor, mit denen diesen Taktiken Einhalt geboten werden könnte. Ein zentraler Ansatz sei mehr Transparenz über Forschungsförderung durch Unternehmen, etwa durch verpflichtende Datenbanken, damit etwaige Interessenkonflikte von Forschenden oder Einrichtungen nachvollziehbar werden.
Zudem schlägt es vor, von den Firmen Open-Science-Standards zu verlangen, um etwa der Unterschlagung etwaiger unvorteilhafter Ergebnisse vorzubeugen. Regierungen könnten auch finanzielle Verbindungen zwischen Industrie und Forschenden verbieten, wobei es dann verstärkt öffentliche Mittel bräuchte. Die Gruppe betont zudem, dass es in wissenschaftlichen Peer-Review- und Beratungsgremien keine Interessenkonflikte geben dürfe.
Darüber hinaus sollten politische Entscheidungen vor Unternehmenseinflüssen geschützt werden, hieß es aus der Gruppe. Eine mögliche Blaupause für andere Industriezweige könnten Regelungen aus dem globalen Tabakkontrollabkommen sein. Solche Ansätze ließen sich auch auf nationaler Ebene umsetzen.
Kampf gegen Tabak als Vorbild
Die Erfolge im Kampf gegen das Rauchen führt das Team immer wieder als beispielhaft an, um auch in anderen Bereichen mehr Regulierung zu erzielen. Beim Tabak seien Auswertungen von Branchenunterlagen entscheidend gewesen, um letztendlich einen Politikwechsel und vielerorts einen Rückgang des Rauchens zu erreichen. Dadurch seien nach Schätzungen 37 Millionen Leben gerettet worden.
Damals habe gezeigt werden können, dass Führungskräfte der Tabakkonzerne seit Jahrzehnten wussten, dass Rauchen Krebs verursacht und Nikotin süchtig macht – Informationen, die der Öffentlichkeit jedoch vorenthalten worden seien.
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Zum Abstract der Studie im New England Journal of Medicine 2026
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Die Autoren mahnen nun mehr Forschung zu den Industrietaktiken und zu Kollaborationen zwischen Industriezweigen an. Dokumente müssten untersucht und gesammelt werden, um bessere Strategien zu entwickeln.
Ein 2002 gegründetes Archiv der University of California (Industry Documents Library), das eine zentrale Rolle bei den Fortschritten gegen die Tabaklobby gespielt habe, sei inzwischen auf weitere Wirtschaftszweige erweitert worden.
Aktueller Bezug zur US-Politik
Es gebe noch sehr viel zu tun, halten die Autoren auch mit Blick auf einen aktuellen Report über Kindergesundheit der US-Regierung fest. Darin werde zwar zum Beispiel auf die Rollen von giftigen Chemikalien und Pestiziden sowie hochverarbeiteten Lebensmitteln hingewiesen. Die Rolle fossiler Brennstoffe hingegen werde nicht anerkannt.
Dabei gilt deren Einfluss als besonders schädlich, mit einem Beitrag zu 8,1 Millionen Todesfällen weltweit pro Jahr. Dahinter folgen Tabak (Beitrag zu 7,2 Millionen Todesfällen) und hochverarbeitete Lebensmittel (2,3 Millionen). Die Autoren des Papers kritisieren auch, dass die US-Regierung in der Umweltschutzbehörde EPA nun ehemalige Lobbyisten und Wissenschaftler aus der Chemie- und Erdölindustrie beschäftige – in Abteilungen, die für die Regulierung von Luftverschmutzung, giftigen Chemikalien und Pestiziden zuständig sind.
Die Zunahme gesundheitsschädlicher Produkte spiegele den Anstieg bestimmter chronischer Krankheiten in beunruhigendem Maße wider, erklärte Chartres. Chronische Krankheiten seien mittlerweile für 74 Prozent aller Todesfälle weltweit verantwortlich.
„Wir sind der Ansicht, dass die Forschung zu Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit unternehmerischen Aktivitäten und die Aufklärung darüber in Medizin und Gesundheitswesen priorisiert werden sollte“, sagte Chartes. Der weltweite Anstieg bestimmter chronischen Krankheiten sei alarmierend.