Ausgelassen feiern und gemeinsam Musik hören? Fehlanzeige! Fröhliches Miteinander ist offenbar Gesinnungssache. So war es Walter Eyermann ein Dorn im Auge, als in Konstanz 1970 Popkonzerte stattfinden sollten. Er fühlte sich von gutgelaunten jungen Leuten gestört. Deshalb wiegelte er zunächst den Stadtrat auf, die Konzerte zu verbieten. Als das nicht half, rief er die Bürger dazu auf, mit „Säuberungen“ selbst für Ordnung zu sorgen. Dieser Walter Eyermann war keineswegs ein Abgehängter, sondern ein erfolgreicher Immobilienmakler und einflussreicher Lokalpolitiker, der sich als NPD-Mitglied Hass und Hetze auf die Fahnen geschrieben hatte. Sein Feindbild waren die jungen Leute und Hippies, in denen er „arbeitsscheue und asoziale Berufsgammler“ sah.

Rechtsextremismus lebt vom Hass auf andere, das zeigt auf erschreckende Weise die neue Ausstellung, die das Haus der Geschichte Baden-Württemberg im Hotel Silber zeigt: „Rechtsextremer Terror“.

Zitate, die fassungslos machen

Schon zum Einstieg schlägt einem der geballte Hass entgegen und liest man fassungslos die Zitate, die Rechtsextreme in den vergangenen Jahrzehnten verbreitet haben. Da ist vom „Kampf gegen die Brut“ die Rede, von „Eindringlingen“ oder einer „Rattenbande“, der man „den Garaus“ machen müsse. Da wird von „Völkerselbstmord“ gesprochen und aufgerufen, „die Endlösung des deutschen Volkes“ zu stoppen.

Brandsatzreste und ein Fensterladen von einem rechtsextremen Anschlag. Bild vergrößern

Brandsatzreste und ein Fensterladen von einem rechtsextremen Anschlag. (Foto: Max Kovalenko)

Wie kann es in einem Land, in dem man an sich halbwegs zivilisiert miteinander umgeht, so viel Aggression geben? Warum der Wunsch, das friedliche, fröhliche und tolerante Miteinander brutal zu zerschlagen? Die freie Entfaltung der Menschen ist ein Feindbild rechtsextremer Gesinnung, wie die Ausstellung zeigt, die den Bogen schlägt von der Weimarer Republik bis zu den „Reichsbürger“-Prozessen, die derzeit vor den Oberlandesgerichten Stuttgart, Frankfurt und München stattfinden. Auch sie planten einen gewaltsamen Umsturz und horteten Waffen, um eines Tages wieder die Monarchie einzuführen und unter der Führung eines Kaisers Gebiete des ehemaligen Deutschen Reichs zurückzuerobern. Ihre Thesen und Ideen seien lange belächelt worden, heißt es in einem Fernsehbeitrag, denn die Ideen seien tatsächlich lächerlich. Die Folgen dieser bewaffneten Truppe, zu der auch ehemalige Militärs gehörten, sind es aber nicht.

Vom Mord bis zur Gräberschändung

Auch Matthias Erzberger wurde gewaltsam zum Schweigen gebracht. Der Politiker war ein Vorkämpfer der Demokratie, was ihn zum Feindbild der Rechtsterroristen machte, die ganz offen nach seinem Leben trachteten, weil er anders als sie dachte. 1921 verbrachte Erzberger den Sommerurlaub mit seiner Familie im Schwarzwald. Bei einem Spaziergang wurde er von rechtsradikalen Freikorps-Mitgliedern ermordet. Sie wollten einen Putsch auslösen und die Gesellschaft spalten, ernteten aber starken Gegenwind: Es gab zahlreiche Proteste gegen die rechte Gewalt. Zur Beerdigung von Erzberger kamen Zehntausende nach Biberach an der Riß.

Im Nationalsozialismus wurde der rechtsextreme Terror dann zum Staatsterror. Aber selbst nachdem man mehr als sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet hatte, lebte der Antisemitismus in Deutschland fort. Fortan richtete sich die Gewalt an das wenige, was von den Menschen geblieben war – ihre Gräber. Zahlreiche jüdische Friedhöfe wurden seit dem Holocaust geschändet – besonders häufig in den 1960er-Jahren, Ende der 1970er-Jahre und nach der Wende.

Eine antisemitische Variante von Monopoly

In der Ausstellung im Hotel Silber, das während der NS-Zeit ein Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei war, ist auch ein Baseballschläger ausgestellt, der in den 1990ern zur beliebten Waffe der rechtsextremen Schlägertrupps wurde, die nun durch deutsche Städte zogen und Anschläge auf Asylbewerberheime verübten. Trotzdem wurde die Gefahr von Rechts lange unterschätzt oder heruntergespielt, selbst bei den NSU-Morden war man lange auf dem rechten Auge blind.

Wer sich dagegen für die Ereignisse im eigenen Land interessiert, wird einiges bereits wissen. Neu wird für die meisten aber vermutlich ein besonders außergewöhnliches wie ekelhaftes Ausstellungsstück sein: das Brettspiel „Pogromly“ von 1997, eine antisemitische Variante von Monopoly, bei der die Bahnhöfe durch Konzentrationslager ersetzt wurden. Auch hier ist man fassungslos, welche Verachtung politische Gesinnungen hervorrufen können. So ist das Spielfeld nicht nur mit Totenköpfen und Frakturschrift gespickt, sondern es gibt auch besonders widerliche Ereigniskarten: „Juden müssen für Verbrechen am deutschen Volk zahlen. Du erhältst 400 RM.“

Die Ausstellung „Rechtextremer Terror“ im Stuttgarter Hotel Silber dauert bis 14. Februar 2027. Öffnungzeiten: Di.-So. und Fei. 10-18 Uhr, Mi. 10-21 Uhr.