Gerade Linien und rechte Winkel sucht man bei seinen Häusern vergeblich: Hundertwassers Architektur ist verspielt, bunt und meist gekrönt von goldenen Kugeln, Baldachinen oder Zwiebeltürmchen. Die einen lieben seine märchenhaften, organisch aussehenden Gebäude, für andere – insbesondere für Fans der Bauhaus-Moderne – sind sie ein rotes Tuch.

Friedensreich Hundertwasser wurde 1928 in Wien geboren. Er war Maler, Grafiker und Öko-Pionier. In den 1970er-Jahren kaufte er in Neuseeland gleich ein ganzes Tal, das er aufforstete. Dort nutzte er Solar- und Windenergie und experimentierte mit ökologischem Bauen. Sein Ziel war eine natur- und menschengerechtere Architektur.

Schwarz-Weiß-Foto von Friedensreich Hundertwasser mit Ballonmütze

Der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) hieß mit bürgerlichem Namen Friedrich Stowasser.

Hundertwasser verstand sich selbst als „Architekturdoktor“. Er gestaltete Fassaden bestehender Gebäude oder realisierte zusammen mit Architekten neue. Das Lindauer Kunstforum Hundertwasser zeigt jetzt seine Druckgrafiken. Wer sich für seine Bauprojekte interessiert, findet weltweit etwa 40 Hundertwasser-Gebäude, einige darunter sogar im Südwesten:

Wohnanlage von Hundertwasser in Plochingen mit Wohnturm

Ein reger Bürgermeister und ein aufgeschlossener Investor holten Hundertwasser als Architekur-Gestalter nach Plochingen.

Wer mit der Bahn an der schwäbischen Kleinstadt Plochingen vorbeifährt, kann den unkonventionellen Bau von 1994 nicht übersehen. Hundertwasser gestaltete hier den Innenhof: Bunte Säulen, rot-blaue Keramikbänder und Fenster, die keinem Raster folgen. Das Ganze wird überragt von dem 33 Meter hohen „Regenturm“ mit vier vergoldeten Kugeln.

Der Innenhof ist teilweise zugänglich und kann täglich zwischen 9 und 19 Uhr besichtigt werden. Außerdem bietet die Stadt Plochingen spezielle Hundertwasser-Führungen an. Auf einer eigenen Website findet man Details über die Entstehungsgeschichte und Philosophie des Gebäudes sowie praktische Informationen.

Kindergarten von Hundertwasser in Frankfurt a.M.

Ein Projekt, das nicht ganz reibungslos verlief: der Hundertwasser-Kindergarten in Frankfurt am Main.

Eine poetische und phantasievolle Atmosphäre schaffen – das war das Ziel Hundertwassers beim Entwurf für die Kita im Frankfurter Stadtteil Heddernheim. Etwa 100 Kinder gehen dort unter der Woche ein und aus. Das Gebäude befindet sich auf einem ehemaligen Industriegelände und liegt teilweise unter einem begrünten Erdhügel.

Die Realisierung dauerte ganze acht Jahre: Nachdem die Kita fertig gebaut war, musste der Boden nachträglich saniert werden. Danach drohte Hundertwasser mit einer Klage, weil er sein Konzept eines hügeligen und bewaldeten Daches nur unzureichend umgesetzt sah. Der Streit endete mit einem Vergleich, der Künstler kam 1995 persönlich zur Einweihung.

Wohnhaus von Hundertwasser in Bad Soden

Wer hier lebt, hat viel Platz: Die Apartments im Bad Sodener Hundertwasser-Haus haben zwischen 120 und 230 Quadratmeter.

Umgeben von üppiger Vegetation, zwischen zwei Parkanlagen, entwarf Hundertwasser gemeinsam mit dem Wiener Architekten Peter Pelikan eine verschachtelte Villa, in der 17 großzügige Wohnungen mit 22 begrünten Terrassen untergebracht sind. In die Wohnanlage wurden umliegende, zum Teil historische Häuser integriert.

Der Komplex ist ungefähr so groß wie das berühmte Hundertwasser-Haus in Wien. Die Wohnungen sind mehrgeschossig und haben individuelle Grundrisse. Da sie in Privatbesitz sind, kann man das Gebäude nur von außen besichtigen. Bad Soden am Taunus ist nicht nur eine Kurstadt, sondern auch ein interessanter Hundertwasser-Hotspot.

Wohnanlage von Hundertwasser in Darmstadt, im Vordergrund ein kleiner Zwiebelturm

Den Wohnkomplex „Waldspirale“ realisierte Hundertwasser gemeinsam mit dem Architekten Heinz M. Springmann aus der Nähe von Stuttgart.

Wie eine langsam ansteigende, begrünte Rampe, die sich um die Kurve legt – so sieht der Wohnkomplex „Waldspirale“ in Darmstadt aus. An ihrem höchsten Punkt endet sie in einem zwölfstöckigen Turm, der von einer goldenen Kugel gekrönt wird. Auch hier ist Hundertwasser seinem Stil treu geblieben: Alles ist rund, organisch und farbenfroh.

105 Wohnungen befinden sich in der Anlage, im Innenhof gibt es einen Spielplatz und einen kleinen See. Die Fassaden sind in Brauntönen gehalten und erinnern an Erdschichten. Wer die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe besichtigt, sollte unbedingt auch hier vorbeischauen: Der dekorative Jugendstil verträgt sich gut mit Hundertwasser.

Bunter Brunnen mit Vogelmotiv von Hundertwasser in Bad Ems

Hundertwasser war der Namensgeber, aber nicht der Künstler: Dieser Brunnen in Bad Ems stammt aus der Keramikwerkstatt Ebinger.

Überraschung: Diesen Brunnen findet man nicht in Hundertwassers Werkverzeichnis, denn er stammt gar nicht von ihm. Und doch gibt es eine direkte Verbindung zum Künstler. Das leuchtend bunte Wasserspiel am Ufer der Lahn wurde 1995 von den Keramikern Heinz und Lies Ebinger aus Bad Ems gefertigt und greift den Stil von Hundertwasser auf.

Der Hintergrund: Aus der früheren Keramikwerkstatt Ebinger stammen sämtliche Säulen, die weltweit alle Hundertwasser-Gebäude zieren. Der Künstler besuchte die Manufaktur in den 1980er-Jahren sogar mehrmals. Einen Wellness-Tag in der Bad Emser Therme kann man also durchaus mit einem Abstecher zum sogenannten Hundertwasser-Brunnen verbinden.

Ob kitschig oder schön – wie auch immer man Hundertwassers Kunst und Architektur findet, es lohnt sich, sich mit seiner Biografie und Philosophie zu beschäftigen. Der „Gegner der geraden Linie“ strebte nach Individualismus und nach dem Einklang des Menschen mit der Natur. Gerade heute wirkt seine persönliche Haltung aktueller denn je.