Vor einem Jahr sind sie erst umgezogen, nun kämpfen Mascha Hülsewig und Alexandra Steinmann mit ihrem Laden Frau Blum in Stuttgart ums Überleben. Wie kann es weitergehen?

Es ist ein trauriger Geburtstag. Fast ein Jahr sind sie jetzt hier an ihrem neuen Standort am Rand der Altstadt, doch womöglich ist es auch schon der letzte Geburtstag. Mascha Hülsewig und Alexandra Steinmann kämpfen mit ihrer erotischen Boutique Frau Blum ums Überleben. „Wir schaffen es nicht mehr aus eigener Kraft“, sagen sie. Und wollen doch unbedingt weitermachen.

Deshalb wenden sie sich an ihre Kundinnen und Kunden. „Wir haben lange darum gerungen, ob wir das tun wollen“, sagen sie. Doch bevor sie aufgeben, wollten sie diese letzte Möglichkeit nutzen. Einfach zusperren, das war keine Alternative. Zu sehr macht ihnen ihr Tun Freude, zu sinnvoll erscheint ihnen ihre Arbeit, um aufzugeben, ohne nicht alles versucht zu haben. Also bitten sie um Spenden, „um die Miete bezahlen zu können“. Und darum, in den Laden zu kommen, Gutscheine, oder Dessous, Bücher, Sex Toys zu kaufen, Veranstaltungen zu buchen.

„Der Laden ist so schön, die Lage ist so gut, wir dachten, die Leute rennen uns die Bude ein.“

Alexandra Steinmann, Frau Blum

Doch wie konnte es so weit kommen? „Wir haben keine Rücklagen“, sagt Mascha Hülsewig. Der Umzug vom Westen her hat ihre Reserven aufgebraucht. Weil der Vorgänger ewig mit dem Auszug brauchte, konnten sie erst am 19. April einziehen statt Ende Februar. Und damit brach ihnen vor allem ihr Geschäft mit den Veranstaltungen weg. Das ganze Frühjahr konnten sie nichts terminieren. Und dann hatten sie sich schlicht verkalkuliert. „Der Laden ist so schön, die Lage ist so gut, wir dachten, die Leute rennen uns die Bude ein“, sagt Steinmann. „Doch sie haben uns leider nicht die Bude eingerannt“, ergänzt Hülsewig. „Unsere Rechnung ist nicht aufgegangen.“

Frau Blum, die Erotik-Boutique. Foto: Alex Klein

Was auch daran lag, dass es etliche Unbekannte gibt in dieser Rechnung. Zum einen der Kunde, dieses scheue Wesen, der zwar gerne eine lebendige Innenstadt hat, aber dann doch im Online-Handel einkauft. Dann die Krisen allerorten. Die Industrie schrumpft, Arbeitsplätze werden gestrichen, „uns sagen schon auch Leute, wir kaufen jetzt erst mal nichts mehr, was wir nicht dringend brauchen“. Und ihr Angebot glauben die Leute, nicht dringend zu brauchen.

Krisen und Kriege töten die Lust

Wenngleich Hülsewig und Steinmann finden, dass sexuell zufriedenere und glücklichere Menschen auch friedfertigere Menschen sind. Vielleicht sollten sie mal Probepäckchen an Putin und Trump schicken. Wenngleich die wohl unter die Kategorie jener Männer fallen, zu denen die beiden sagen: „Wir haben vor allem Frauen bei unseren Veranstaltungen, weil die Männer glauben, die können schon alles!“

Was können sie tun?

Krise, Kriege, all das wirkt nicht verkaufsfördernd. „Als Russland 2022 die Ukraine überfallen hat, war der Laden schlagartig leer“, erinnert sich Hülsewig. Nach dem Beginn des Krieges im Iran sei es ähnlich gewesen. Doch die Rahmenbedingungen können sie nicht ändern. Was wollen sie denn anders machen? Gut verkauft sich erotische Kleidung für Sex-Positiv-Partys, weniger gut die Sex-Toys. Was vermutlich daran liegt, dass sie gute Qualität verkaufen, oder wie Steinmann es ausdrückt, „die Dinger halten ewig“. Und irgendwann ist die Schlafzimmerschublade gefüllt.

Da sie keine Sollbruchstelle einbauen lassen wollen, werden sie das Sortiment reduzieren. Und anpassen. Gerade für junge Frauen haben sie günstigere Modelle eingekauft. Der Verkauf von Büchern lohne nicht, sagte sie. Auch da werden sie ausdünnen. Aber am Programm mit Workshops etwa zu Shibari, kreativer Selbstliebe, Intim-Massage, Orgasmus-Schule, Slow-Sex, am Anspruch wollen sie nichts abknapsen. „Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland“, sagt Steinmann, „so einen Laden wie unseren gibt es nicht noch mal.“

Blick in den Laden in der Altstadt. Foto: Alex Klein

Sexuelle Bildung sei dringend vonnöten, immer noch. Oder mehr denn je, finden sie. In Zeiten, in denen man von Nacktbildern und Pornografie aus dem Internet überschwemmt werden. „Der Druck ist enorm“, sagt Hülsewig, „Männer sind immer noch auf Erektion und Ejakulation fixiert.“ Und Frauen, sagt Steinmann, „befreien sich immer noch von jahrhundertalten Vorstellungen, haben ihre Sexualität unterdrückt, weil sie nur Mittel zum Zweck war, um Kinder zu kriegen oder den Mann zufriedenzustellen.“ Es gibt also noch viel zu tun, finden sie. Zum Wohle aller. Deshalb hoffen sie, dass dieser erste Geburtstag im Leonhardsviertel nicht der letzte ist.