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Primorsk und Ust-Luga geraten erneut unter Beschuss. Russlands Ausfuhren brechen ein, doch hohe Ölpreise federn den finanziellen Schaden vorerst ab.
Kiew – Die Ukraine setzt Russland an einer besonders empfindlichen Stelle unter Druck: bei den Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Wiederholte Drohnenangriffe auf zentrale Ostsee-Häfen haben den Export spürbar gebremst und zeigen, wie verwundbar Moskaus Kriegswirtschaft trotz hoher Weltmarktpreise inzwischen ist. Für den Kreml ist das heikel, weil Öl und Gas auch in Zeiten des Ukraine-Kriegs zu den wichtigsten Finanzquellen des Staates gehören.
Archivbild aus Ust-Luga und Wladimir Putin: Wiederholte ukrainische Drohnenangriffe auf zentrale russische Ölhäfen setzen Moskaus Exporte und damit eine wichtige Einnahmequelle des Kremls unter Druck. © Beide Fotos: IMAGO / ITAR-TASS
Nach Angaben von Bloomberg fielen die russischen Rohölausfuhren in der Woche vom 23. bis 29. März um 1,75 Millionen Barrel pro Tag auf 2,32 Millionen Barrel pro Tag. Das war der niedrigste Wochenwert seit Februar 2025. Besonders stark traf es die Ostsee-Terminals Primorsk und Ust-Luga, deren kombinierte Exporte auf den tiefsten Stand seit Anfang 2022 gesunken sein sollen.
Ukraine-Krieg: Drohnenangriffe auf Primorsk und Ust-Luga treffen Russlands Ölexporte hart
Der Einbruch hängt direkt mit den ukrainischen Angriffen auf die Hafeninfrastruktur zusammen. Reuters berichtete bereits nach den ersten schweren Attacken, dass die Ostsee-Häfen Primorsk und Ust-Luga das Verladen von Rohöl und Ölprodukten zeitweise aussetzen mussten. Zwei mit der Sache vertraute Quellen sagten der Agentur, die Terminals hätten nach den Angriffen ihren Betrieb gestoppt, Brände an Tanks und Anlagen hätten die Lage verschärft.
Auch in den Tagen danach riss die Angriffswelle nicht ab. Ukrainska Pravda und Bloomberg schreiben, dass wiederholte ukrainische Drohnenschläge die Verschiffung über Primorsk und Ust-Luga für den Großteil der Woche lahmgelegt hätten. Dadurch seien die Ölexporte über diese Häfen auf etwa ein Drittel des Niveaus der Vorwoche gefallen.
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Fotostrecke ansehenPutins Kriegskasse gerät unter Druck – doch hohe Ölpreise bremsen den Effekt
Nach Berechnungen von Bloomberg schrumpften Moskaus Öleinnahmen auf Wochenbasis dadurch um mehr als eine Milliarde Dollar. Auch RBC-Ukraine griff diese Zahl auf und schrieb, die Serie ukrainischer Angriffe habe die Exporte aus der Ostseeregion auf rund ein Drittel des vorherigen Wochenwerts gedrückt.
Hinzu kommt: Die Zahl der verladenen Tanker brach deutlich ein. Laut Bloomberg luden in der Woche bis zum 29. März nur noch 22 Tanker insgesamt 16,23 Millionen Barrel russisches Rohöl. In der Vorwoche waren es noch 37 Schiffe mit 28,5 Millionen Barrel gewesen. Besonders auffällig war der Rückgang gerade in Primorsk und Ust-Luga.
Vier-Wochen-Sicht zeichnet für Russlands Öleinnahmen ein gemischtes Bild
Für die politische Bewertung ist allerdings wichtig, zwischen Wochen- und Vier-Wochen-Daten zu unterscheiden. Im 28-Tage-Schnitt bis zum 29. März lagen die Exporte dem genannten Bericht zufolge bei 3,31 Millionen Barrel pro Tag. Das waren zwar 280.000 Barrel pro Tag weniger als zuvor und der niedrigste Wert seit zwei Monaten, aber eben kein so dramatischer Absturz wie in der Wochenbetrachtung.
Noch deutlicher wird das bei den Einnahmen. Während der Exportwert in den sieben Tagen bis zum 29. März um offenbar rund eine Milliarde Dollar auf etwa 1,44 Milliarden Dollar sank, stieg der durchschnittliche Brutto-Wert der russischen Exporte auf Vier-Wochen-Sicht sogar auf 1,79 Milliarden Dollar pro Woche. Grund dafür waren die deutlich gestiegenen Ölpreise infolge des Kriegs zwischen den USA und Israel und dem Iran.
Kiew zielt auf Russlands wichtigste Finanzquelle für den Ukraine-Krieg
Die Le Monde beschreibt genau diesen Widerspruch als Kern des ukrainischen Kalküls. Russland habe auf einen ölpreisbedingten Sondergewinn gehofft, die ukrainischen Angriffe sollten diesen Effekt aber möglichst neutralisieren. Der in dem Bericht zitierte Energieexperte Thierry Bros formulierte es so: „Die ukrainischen Angriffe der vergangenen Woche sollen die Exportkapazität um 2 Millionen Barrel gesenkt haben. Das lässt jetzt 3 Millionen Barrel übrig, die zu mehr als 100 Dollar pro Barrel verkauft werden. Am Ende verdient Russland, das mehr verdienen wollte, so viel wie vorher.“
Dass Kiew die Angriffe strategisch versteht, zeigen auch ukrainische und westliche Einschätzungen. Das Institute for the Study of War, kurz ISW, schreibt, die ukrainische Langstrecken-Schlagkampagne gegen Häfen und Öl-Infrastruktur in der Region Leningrad schwäche Russlands Fähigkeit, Öl zu exportieren. Wörtlich heißt es dort, die Angriffe hätten Russlands Öleinnahmen „um mehr als 1 Milliarde Dollar“ gedrückt und die Zahl der Tanker in Primorsk und Ust-Luga massiv reduziert.
Wirkung der ukrainischen Drohnenangriffe auf Russlands Ölexporte (Woche 23.–29. März 2026)
(Quelle: Bloomberg)
Thinktanks und weitere Experten sehen schwere Belastung für Russlands Ölgeschäft
Auch der Atlantic Council sieht in den Attacken den Versuch, Wladimir Putins Kriegskasse an einem neuralgischen Punkt zu treffen. In einer Analyse heißt es, die jüngsten Angriffe hätten Russlands Ölexportkapazität „um mindestens 40 Prozent“ reduziert. Der zitierte Analyst Boris Aronshtein sprach sogar von der „schwersten Bedrohung für die Exporte von russischem Öl und Ölprodukten seit Beginn des Krieges“.
RFE/RL verweist zudem darauf, dass die Schläge in eine Phase fallen, in der Russland wegen gestiegener Weltmarktpreise und gelockerter US-Regeln eigentlich auf zusätzliche Einnahmen gehofft hatte. CREA-Analyst Isaac Levy sagte dem Sender, Russland habe seine beschädigten Raffinerien in der Vergangenheit zwar oft binnen Wochen reparieren können. Doch die wiederholten ukrainischen Angriffe hätten die Erholung gezielt verlangsamt.
Wörtlich betonte er: „Während Russland beschädigte Raffinerien zuvor innerhalb von Wochen wiederherstellen konnte, hat Ukraines Kampagne wiederholter Drohnenangriffe die Erholungszeiten bewusst verlangsamt.“
Russlands Öl-Logistik gerät zusätzlich unter Druck
Die Folgen reichen dabei über den unmittelbaren Rückgang der Rohölausfuhren hinaus. The Moscow Times berichtet, dass die Störungen in Ust-Luga auch die Ausfuhr von Ölprodukten erschweren. Ein Raffinerie-Spezialist erläuterte demnach: „Ust-Luga hat am Mittwoch aufgehört, Benzin und Heizöl anzunehmen. Innerhalb weniger Tage werden wir die Verarbeitung auf Mindestniveaus senken und dann womöglich Anlagen abschalten müssen.“
Zugleich wird auch der Transport selbst komplizierter und teurer. Bloomberg berichtete, dass Tanker mit russischem Öl zunehmend Nordsee und Ärmelkanal meiden, nachdem Großbritannien ein härteres Vorgehen gegen Schiffe der russischen Schattenflotte angekündigt hatte. Für Verbindungen zwischen Ostsee und Mittelmeer verlängert sich die Route dadurch demnach um rund zwei Tage – ein zusätzlicher Belastungsfaktor für ein System, das durch Angriffe auf Häfen und Infrastruktur ohnehin bereits unter Druck steht.
Ukraine-Krieg: Ein schwerer Schlag für Putins Wirtschaft – aber noch kein Zusammenbruch
Von einem völligen Einbruch des russischen Ölgeschäfts kann dennoch keine Rede sein. Le Monde betont, Russland exportiere weiter über Pazifik-Häfen und verfüge noch über erhebliche Mengen Öl auf See. Der in dem Bericht zitierte Moskauer Energieexperte Konstantin Simonow konstatiert: „Diese Angriffe sind ein Schock und schaffen ernste Probleme. Aber die Auswirkungen auf die Exportkapazität sollten relativiert werden.“
Genau darin liegt die Einordnung dieser Angriffswelle: Sie ist kein Knock-out, aber ein spürbarer Schlag gegen Russlands wichtigste Einnahmequelle. Die Ukraine trifft Häfen, Tanklager, Verladeinfrastruktur und Raffinerien inzwischen nicht mehr nur punktuell, sondern in Serie. Das macht das System anfälliger, verteuert die Logistik und erhöht die Unsicherheit für den Kreml – selbst dann, wenn hohe Ölpreise die finanziellen Verluste kurzfristig teilweise auffangen. (Quellen: Bloomberg, Reuters, Ukrainska Pravda, RBC-Ukraine, Le Monde, ISW, Atlantic Council, RFE/RL, The Moscow Times) (chnnn)