Doch um an die Kugeln zu gelangen, muss er einen Pakt mit dem Bösen eingehen.

Aus Carl Maria von Webers berühmtester Oper „Der Freischütz“ wird in der Kölner Kinderoper in Kooperation mit dem Comedia-Theater ein inklusives Musiktheater für alle Menschen ab acht Jahren: Taube Schauspielerinnen und Schauspieler stehen bei „Freikugeln“ gemeinsam mit hörenden Sängerinnen und Sängern auf der Bühne, und Gesang, Gebärdensprache, visuelle Musik und Gerüche verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk. Premiere feiert das Stück von Brigitta Gillessen und Rainer Mühlbach am 11. April im Comedia-Theater in der Südstadt. Seit vier Wochen laufen dafür schon die Proben.

Eine Oper, in der auf der Bühne und im Saal alle gleich sind

„Um Webers Oper so inszenieren zu können, haben wir diese zunächst komplett auseinandergenommen und dann wieder so zusammengesetzt, dass die Doppelbesetzung von Max und Agathe mit hörenden Singenden und Tauben als Darstellenden funktioniert. Die Dialoge haben wir dabei kindgerecht in die heutige, besser verständliche Sprache übersetzt und dabei auch die teils komplexen Szenen vereinfacht und verkürzt. Der Freischütz eignet sich als Stoff für so ein Projekt, da diese Oper eine alte Legende erzählt, die für die traditionelle Welt steht. Wir überführen diese in eine Welt, in der auf der Bühne, aber auch im Publikum alle gleich sind, egal ob sie taub sind oder ob sie hören können“, erläutert Gillessen über das erste Projekt dieser Art in der deutschsprachigen Opernwelt.

Den Schauspielerpart von Max hat Rafael-Evitan Grombelka übernommen, der im Comedia-Theater schon zu dem Ensemble gehörte, das das inklusive Theaterstück „In 80 Tagen um die Welt“ als gebärdetes Abenteuer auf die Bühne gebracht hat. ”Wir verständigen uns auf der Bühne untereinander mit ‚Visual Signs‘, die wir vorab so festgelegt haben, sodass wir uns zum Beispiel Zeichen für die jeweiligen Einsätze geben können. Die Regieanweisung bekommen die Hörenden von der Regisseurin Brigitta Gillessen und wir Taube von unserem ebenfalls tauben Coach Eyk Kauly. So haben wir bei den Proben quasi zwei Regisseure“, erklärt Grombelka, wie die Arbeit auf der Probebühne abläuft. Zudem sind auch immer zwei Dolmetschende für die Gebärdensprache vor Ort.

„Diese zu lernen, ist extrem aufwendig und wir wollen hier auch keine kulturelle Aneignung betreiben, wenn wir als Hörende diese benutzen. Deshalb setzen wir auch aus Respekt vor den Tauben als Kolleginnen und Kollegen auf die Dolmetschende und die ‘Visual Signs’ für die Verständigung zwischen Tauben und Hörenden. Für mich als Hörende ist diese Zusammenarbeit eine höchst spannende und inspirierende Erfahrung“, berichtet Sängerin Maike Raschke, die zum Ensemble der Kinderoper gehört und die die Rolle von Ännchen übernimmt.

Im Ensemble gibt
es keine Barieren

„Das ist auch ein Thema, bei dem die Community der Tauben sehr sensibel ist. Das betrifft auch die Wortwahl von Hörenden, wenn sie über uns Taube sprechen. Wir legen Wert darauf, dass man von Tauben und nicht von gehörlosen Menschen spricht, da das Wort gehörlos ein Defizit impliziert, das wir Taube so nicht empfinden. Hier im Ensemble herrscht dagegen eine große Offenheit, da gibt es keine Barrieren und alle Menschen sind gleich. Und das ist auch sehr wichtig, denn für viele Menschen gilt die Gebärdensprache nicht als gleichwertig und wenn Taube auf der Bühne stehen, wird das oft nur als schmückendes Element angesehen. Das ist hier bei ‘Freikugeln’ aber definitiv nicht der Fall“, sagt Ela Beysun als Agathe im Team der Darstellenden.

„Bei der Gebärdensprache gibt es sowohl eine alltägliche Ebene als auch eine künstlerisch, poetische Ebene, mit der man auf der Bühne Gefühle ausdrücken und Akzente setzen kann. Die Musik selbst kann ich nur in ihren tiefen Tönen wahrnehmen, die hohen Töne nicht. Viele Klänge übertragen sich wie zum Beispiel Schritte oder Stampfen durch Vibrationen, weshalb wir hier auch ein Holzpodest als Bühne nutzen, da ein Steinboden keine Vibrationen übertragen kann. Privat gehe ich daher auch gerne in die Disco, da es dort anständige Bässe gibt. Vibrationen wollen wir auch bei den Aufführungen im Comedia-Theater für Taube im Publikum nutzen, um so zusätzlich Stimmungen übertragen zu können“, erläutert Grombelka.

Für ihn öffnet jetzt die eigene Begegnung mit der Oper eine komplett neue Welt: „Ich habe mit Noten nichts am Hut, da ich keine Musik kenne. Das ist wie, wenn man mich fragt, wie die Schokolade vom Planeten Pluto schmeckt. Das ist genauso schwer zu erklären, wie für mich das Hören von Musik. Emotionen kann man genauso mit Gebärdensprache darstellen und mit der Mimik und der Gestik noch verstärken.“

Service: Zu erleben ist das Stück „Freikugeln“ der Kinderoper Köln vom 11. April bis zum 28. Juni im Comedia-Theater an der Vondelstraße in der Südstadt. Unter der Woche gibt es vormittags auch zahlreiche Vorstellungen für Schulen. Weitere Informationen und Karten für die neue Opernaufführung gibt es online unter: