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Russland hat am 1. April im Ukraine-Krieg die Einnahme von Luhansk verkündet. Kiew dementiert, auch Analysten widerlegen die Kreml-Aussagen.
Kiew/Moskau – Ausgerechnet am 1. April meldete das russische Verteidigungsministerium im Ukraine-Krieg die vollständige Einnahme der Oblast Luhansk – und lieferte damit unfreiwillig den passenden Rahmen für das, was ukrainische Militärsprecher prompt als nächsten Eintrag in einer langen Liste russischer Falschmeldungen einordneten. Die 3. Sturmbrigade der ukrainischen Streitkräfte erklärte, ihre Einheiten hielten weiterhin Stellungen in der Region – und bezeichnete die russische Meldung als Propaganda.
Im Ukraine-Krieg: eine russische Militärübung in Luhansk. (Archivbild) © IMAGO/Evgeny Biyatov
Russland kontrolliert seit der Invasion von 2014 den Großteil der Oblast Luhansk. Die Stadt Luhansk selbst sowie die Regionalverwaltung werden von eingesetzten Machthabern geführt. Ein kleines Gebiet an der westlichen Grenze der Oblast bleibt jedoch im Ukraine-Krieg weiterhin umkämpft. Genau dort halten ukrainische Einheiten nach eigenen Angaben nach wie vor ihre Positionen – in den Ortschaften Novoiehorivka und Hrekivka nahe der Grenze zwischen Luhansk und Donezk.
Aktuelle Lage im Ukraine-Krieg: Situation in Luhansk wohl unverändert
„Symbolisch hat das russische Verteidigungsministerium am 1. April erneut die vollständige Einnahme der Oblast Luhansk verkündet. In Wirklichkeit befinden sich ukrainische Streitkräfte – Einheiten der 3. Sturmbrigade – weiterhin in der Region“, erklärte die Brigade in einem Telegram-Post zu den aktuellen Meldungen im Ukraine-Krieg. Die ukrainischen Truppen verteidigten „die letzten Verteidigungslinien in der Region“, hieß es weiter.
Viktor Trehubov, Sprecher der Heeresgruppe der Vereinigten Kräfte, äußerte sich in ähnlicher Weise im ukrainischen Fernsehen zu den Entwicklungen im Ukraine-Krieg. Er kommentierte die russische Meldung, die auf den offiziellen Kanälen des russischen Verteidigungsministeriums bereits wieder gelöscht worden war, sich jedoch bereits in russischen Medien verbreitet hatte. „Allem Anschein nach war gestern tatsächlich der 1. April – auch für das russische Verteidigungsministerium“, sagte Trehubov. Die Russen kontrollierten zwar den größten Teil der Luhansker Region, aber Ukrainer hielten seit Jahren ein kleines Gebiet. „Und dieses Gebiet schrumpft nicht“, betonte er.
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Trehubov wertete die Ankündigung als Teil eines bekannten Musters russischer Informationspolitik im Ukraine-Krieg: „Warum sie jetzt beschlossen haben, etwas anzukündigen, weiß ich nicht. Das ist wieder einmal eine klassische ‚Sucht‘ des russischen Verteidigungsministeriums im Stil ihrer Aussagen über die ‚vierte Einnahme von Kupjansk‘ oder über die Menge der zerstörten ukrainischen Ausrüstung, die in allen NATO-Ländern zusammen nicht existiert.“ Die russische Meldung war laut Unian bereits die dritte derartige Behauptung über eine vollständige Einnahme der Oblast Luhansk seit Beginn des Krieges.
Ukraine weist Russlands Berichte über Luhansk zurück – Gebiet von großer Bedeutung im Ukraine-Krieg
Die Oblast Luhansk liegt im äußersten Osten der Ukraine, unmittelbar an der Grenze zu Russland. Gemeinsam mit der benachbarten Oblast Donezk bildet sie den sogenannten Donbass – eine Region, die seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Industriezentren Europas zählt. Die unmittelbare geografische Grenzlage zu Russland macht die Oblast zu einem militärischen Schlüsselgebiet, wie unter anderem das ZDF erklärt. Die vollständige Einnahme der Oblast Luhansk erklärte Moskau zu einem seiner vorrangigen Kriegsziele.
Luhansk steht seither im Zentrum eines brutalen Stellungskrieges. Zahlreiche Städte und Regionen gelten als zerstört und viele Menschen flohen aus dem Gebiet. Für Russland ist die Region geopolitisches Symbol und strategisches Bindeglied zugleich – ein Brückenkopf auf dem Weg zu einer dauerhaften Kontrolle über den gesamten Donbass.
Russland will im Ukraine-Krieg Kontrolle über Luhansk – Kiew wehrt Attacken ab
Die ukrainische Militäranalysegruppe DeepState bestätigte nun die Angaben der Brigade zur aktuellen Lage im Ukraine-Krieg: Ihre Karte zeigte die betreffenden Ortschaften am 1. April weiterhin außerhalb russischer Kontrolle. Laut Angaben der 3. Sturmbrigade führten russische Kräfte in den vergangenen sechs Monaten 144 Sturmangriffe in der Nähe von Nadiia und Novoiehorivka durch – darunter mit motorisierter Ausrüstung und mehr als 360 russischen Soldaten. Die nicht wiederherstellbaren Verluste der russischen Seite beliefen sich demnach auf bis zu 260 getötete und mehr als 80 verwundete Soldaten.
Auch Analysten und Quellen von New Europe haben die Behauptung des russischen Verteidigungsministeriums über die Einnahme des Gebiets Luhansk durch russische Streitkräfte im Ukraine-Krieg widerlegt. Das Medium erinnert daran, dass das russische Verteidigungsministerium bereits zum dritten Mal seit Beginn der großangelegten Invasion die vollständige Einnahme des Gebiets Luhansk verkündet hat und prognostiziert, dass solche Aussagen wahrscheinlich wiederholt werden.
Trehubov beschrieb den betreffenden Frontabschnitt als gut befestigt und für den Feind derzeit im Ukraine-Krieg nicht als prioritär. Warum die russische Seite dennoch eine Erfolgsmeldung verbreitete, blieb nach seinen Angaben unklar. Auf die Frage nach der genauen Lageentwicklung verwies er darauf, dass in dem Gebiet keine wesentlichen Truppenbewegungen oder Veränderungen zu beobachten seien.
Aktuelle Lage im Ukraine-Krieg: Peskow stellt Selenskyj drastische Forderung
Der Vorfall fügt sich in einen breiteren Kontext ein: Luhansk ist eine der vier Regionen, die Russland im September 2022 annektiert hat – gemeinsam mit Donezk, Cherson und Saporischschja. Moskau fordert weiterhin den Abzug ukrainischer Truppen aus der gesamten Donbass-Region. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte am 1. April, Präsident Wolodymyr Selenskyj solle „noch heute“ entscheiden, die Region aufzugeben. Diese Forderung folgte auf Selenskyjs Aussage, Russland habe Kiew eine Frist von zwei Monaten gesetzt, um seine Truppen aus dem Donbass abzuziehen – andernfalls drohten verschärfte Bedingungen in den von den USA vermittelten Friedensgesprächen. (Quellen: Kyiv Post, Ukrainska Pravda, Unian, ZDF) (fbu)