Passanten in der Prager Straße bleiben verwundert stehen. Was soll das: Ein Stuhl, eine Fußbank, Schüsseln, Wasserkanister? Pfarrerin Anke Arnold steht im Talar in der Sonne und lädt zur Fußwaschung ein. Auf der anderen Seite kniet schon ein Mann vor einer Frau, die auf einem Klappstuhl sitzt. Annett Schramm war auf dem Weg zur Arbeit am Gründonnerstag. „Ich hatte davon in der Straßenbahn gelesen und wollte mir die Füße waschen lassen.“ Mit Pfarrer Tobias Sommer redet sie leise, während er ihren rechten Fuß vorsichtig wäscht, abtrocknet und einen Segen spricht.

Extra vor der Arbeit hingegangen

Dann beschreibt Annett Schramm, wie sie diese Minuten erlebt: „Es ist sehr schön. Ich freue mich darüber, dass ich das für mich gemacht habe.“ Das Besondere könne sie gar nicht ganz in Worte fassen. „Es kommt darauf an, dass man sich erst einmal in die Augen schauen kann und dabei etwas Gutes fühlt. Es ist ein Dienst am Menschen. Da ich ja auch Verkäuferin bin und Dienst am Menschen vollführe, wollte ich das heute erleben. Ich gebe das auch gern weiter: Die Liebe und die Wärme, die ich jetzt bekomme.“

Ich gebe das auch gern weiter: Die Liebe und die Wärme, die ich jetzt bekomme.

Annett Schramm
Dresdnerin

Emotionale Reaktionen in der Fußgängerzone

Auf der anderen Straßenseite hat Henry Rösch die vier evangelischen Theologen in der Einkaufsstraße entdeckt und freut sich. „Ostern ist das höchste Fest für uns Christen, wir gehen auf Karfreitag zu“, erzählt er und findet es „verrückt, in einer Fußgängerzone habe ich das noch nicht erlebt“. Der gebürtige Dresdner ist gerade aus Baden-Württemberg zu Besuch in der alten Heimatstadt. Spontan macht er mit: „Mir sind noch nie so die Füße gewaschen worden.“

Was Pfarrerin Arnold bei der Waschung macht, empfindet er als einen „Akt des Dienens“. Während sie ihm die Füße wäscht, trocknet und mit Lavendel-Olivenöl einreibt, sagt er: „Das geht wirklich zu Herzen. Es ist ein solcher Dienst, dass ein Mensch für den anderen da ist. Es ist extrem emotional.“ Die Waschung erinnere ihn an die „komplette Geschichte mit Jesus Christus, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat“. Und dann kämpft er mit den Tränen: „Wenn das heutzutage wiederholt wird, da ist so viel Segen drin. Es rührt einen an. Man hat eine direkte Verbindung mit einem Menschen, den man vorher noch nie gesehen hat“.

Es rührt einen an. Man hat eine direkte Verbindung mit einem Menschen, den man vorher noch nie gesehen hat.

Henry Rösch
zu Bessch in seiner Heimatstadt

Brauch der Fußwaschung am Gründonnerstag

Die öffentliche Fußwaschung mitten im Einkaufstrubel findet zum dritten Mal statt. „Wir erinnern am Gründonnerstag daran, wie Jesus seinen Freunden die Füße gewaschen hat. Das ist ein guter jüdischer Brauch, dass man zu Beginn eines Festes einander die Füße wäscht“, erklärt die Theologin Anke Arnold aus Dresden-Blasewitz. Damals sei es aber üblich gewesen, dass Diener das machten. „Wir wollen als evangelische Christen erzählen, wie gut es tut, einander zu begegnen.“ Eingeladen seien alle, egal, ob christlich oder nicht, denn: „Es verbindet uns unser Menschsein“, meint Arnold.

Ist das nicht auch bisschen eklig?

Viele würden verschreckt denken, warum machten die Pfarrer das – ungewaschene Füße aus Winterschuhen von fremden Leuten anfassen? Solche Berührungsängste kennt Anke Arnold auch von sich selbst. „Aber wenn man offen und empfänglich bleibt und sich beschenken lässt, dann kann dieser kleine Schritt, diese Unsicherheit zu überwinden, etwas sehr Wertvolles sein.“ Die Menschen würden bei den Waschungen über Gefühle reden. Und auch über „Lebensgeschichten, wo ich immer wieder staune, wie innerhalb einer kurzen Zeit so eine persönliche Verbindung möglich ist, dass sie so persönlich aus ihrem Leben erzählen“.

Zwischendrin warten die vier Pfarrerinnen und Pfarrer auch längere Zeit auf Interessierte. „Die meisten gehen vorbei“, sagt Pfarrerin Luise Schramm aus Bad Schandau. Sie spricht nur die an, die neugierig stehen bleiben und zu ihr schauen. Am interessiertesten sind die Kinder, hat Pfarrerin Anke Arnold schon bei anderen Fußwasch-Aktionen festgestellt. „Sie staunen und probieren mal was aus. Das wünsche ich mir auch mehr von uns Erwachsenen.“