Tollwut als Ursache des Ausbruchs hält der Experte für unhaltbar. Erstens sei das eine sehr seltene Infektion und zweitens werde sie in der Regel durch Bisse übertragen, etwa wenn ein infizierter Wolf eine Kuh beiße, was nur in Ausnahmefällen vorkomme. „In Fachkreisen wurde die Erklärung der Behörden mit Spott aufgenommen, da Tollwut nicht von Kuh zu Kuh übertragen wird“, sagt der Experte. Denn: „Wie oft kommt es schon vor, dass eine Kuh eine andere beißt?“, fragt er rhetorisch.
Pasteurellose wird in staatlichen Quellen noch öfter als Ursache genannt. Diese sei aber eine vergleichsweise gut kontrollierbare bakterielle Infektion, erklärt Faworow. „Im Falle eines Ausbruchs wird die betroffene Herde isoliert, Tiere mit deutlich ausgeprägten Symptomen geschlachtet und die übrigen mit Antibiotika behandelt. Warum sollte man die ganzen Tierbestände töten?“ Dieses Wissen sei jedem Landwirt bekannt, der seit Jahren, oft über Generationen hinweg, Vieh halte, sagt der Experte.
Auf die Diskrepanz zwischen den staatlich durchgesetzten Maßnahmen und den Vorgaben, die im Fall von Pasteurellose gelten, weist auch Alexandr Pomasujew hin. Er ist Jurist der Anti-Korruptions-Stiftung, die von dem Oppositionspolitiker Alexej Nawalny gegründet wurde. „Wenn Tierärzte kommen und alle Tiere am Infektionsort töten, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder überschreiten sie systematisch ihre Befugnisse und töten die Tiere rechtswidrig, oder es handelt sich nicht um die Krankheiten, von denen sie sprechen.“
Experten vermuten Maul- und Klauenseuche
Immer häufiger werden Vermutungen laut, dass mit den drastischen Keulungen in Wahrheit die Maul- und Klauenseuche bekämpft wird. „Für Tiere ist die Maul- und Klauenseuche eine äußerst gefährliche Krankheit, da sie sich wie ein Lauffeuer verbreitet und zu einer hohen Sterblichkeit führt“, sagte Epidemiologe Faworow dem MDR. Das Vorgehen der Behörden deute eher darauf hin, dass es in Wahrheit um diese Krankheit gehen könnte.
Gerade die massenhaften Keulungen sprechen aus Sicht des Experten für diese Vermutung. Zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche gebe es nämlich eine verbindliche Abfolge von Maßnahmen. Die wichtigste sei die Tötung des Viehbestands – nicht auf Grundlage einzelner Kontakte zwischen Tieren, sondern flächendeckend in den betroffenen Gebieten. Genau das werde von den Behörden in Sibirien mit voller Härte umgesetzt. Ein weiteres Indiz ist dem Experten zufolge die Desinfektion der Fahrzeugräder, die viele Augenzeugenvideos zeigen. Diese Maßnahme gehöre ebenfalls zum Standard bei einem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche.
Keulungen mit Polizeieskorte, Kreml schweigt
Damit ihre Viehbestände vor Keulungen verschont werden, wandten sich Bewohner mehrerer sibirischer Dörfer in einer Videobotschaft an Wladimir Putin: „Unsere Kühe sind derzeit gesund. Es wurden weder Blut- noch Milchproben entnommen. Helfen Sie uns, unsere Betriebe zu schützen. Es handelt sich um eine organisierte Sabotage.“ Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte lediglich mit einem Verweis auf das Landwirtschaftsministerium, das die Maßnahmen vollständig koordiniere.
Eine politische Antwort auf die Sorgen der Bauern blieb damit aus. Wie die Maßnahmen in den betroffenen Gebieten aussehen, verfolgen viele Menschen in Russland unterdessen im Internet, da die Landwirte das Vorgehen der Behörden und ihren eigenen Widerstand mit Handys aufzeichnen und online stellen. Staatliche Veterinäre erscheinen häufig gemeinsam mit der Polizei in den Dörfern und fordern die Bewohner auf, ihre Tiere „freiwillig“ abzugeben. Bei Widerstand drohen sie mit Bußgeldern oder dem Verlust von Entschädigungszahlungen. Die Tiere werden entweder von den Höfen abgeholt oder vor Ort getötet und anschließend auf den Feldern verbrannt. Vor allem aus der Region Nowosibirsk wird über solche Maßnahmen berichtet. Die genaue Zahl der gekeulten Tiere lässt sich schwer einschätzen, dürfte Berichten zufolge jedoch in die Tausende gehen.
Russland drohen erhebliche Importverluste
Eigentlich gilt Russland offiziell als frei von Maul- und Klauenseuche. Der Status wurde dem Land erst 2025 von der Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) zuerkannt, deren Standards auch im internationalen Handel eine Rolle spielen. Eine offizielle Bestätigung der Seuche wäre daher auch wirtschaftlich brisant.
Laut der russischen veterinärmedizinischen Aufsichtsbehörde Rosselchosnadsor betrug der Export von Fleisch und Fleischprodukten aus Russland im Jahr 2025 über 911.000 Tonnen. Damit ist er gegenüber dem Vorjahr um 10,6 Prozent gestiegen – ein neuer historischer Höchststand. Zu den wichtigsten Abnehmern zählten China, Belarus, Kasachstan, Saudi-Arabien und Vietnam. Sollte ein Fall der Maul- und Klauenseuche offiziell bestätigt werden, könnte das zu erheblichen Importverlusten führen.
Nachbarländer reagieren mit Einfuhrverboten
Die erste Reaktion kam bereits aus Kasachstan und Belarus. Diese Länder verhängten ein teilweises oder vollständiges Importverbot für bestimmte Produkte der Tierhaltung aus dem Nachbarland. So stellte Kasachstan den Import von Getreide und Futtermitteln aufgrund der „jüngsten Verschlechterung der epizootischen Lage“ ein, und Belarus verbot die Einfuhr von Vieh sowie tierischen Produkten aus betroffenen Gebieten.
In den staatlich kontrollierten russischen Medien wird die Krankheit unterdessen weiterhin als Pasteurellose bezeichnet. Trotz der drastischen Maßnahmen der Behörden hat sich der Ausbruch Berichten zufolge inzwischen über Sibirien hinaus ausgebreitet und wurde bereits in mindestens 15 Regionen bestätigt. Der heikelste Punkt bleibt der Widerspruch: Offiziell ist weiterhin von der relativ gut beherrschbaren Pasteurellose die Rede – das Vorgehen der Behörden erinnert Experten aber an Maßnahmen gegen die Maul- und Klauenseuche.