Geiz ist steil

3. April 2026. Über zehn Jahre ist sie her, die letzte große Lars-Eidinger-Show in der Regie des Schaubühnen-Chefs Thomas Ostermeier. Logisch also, dass sich ganz Theater-Berlin am Ku’damm einfindet, wenn das Duo endlich wieder zuschlägt. Und dass Molières Geizkragen Harpagon seine Familie in einem trostlosen Autohaus tyrannisiert, sieht man schließlich auch nicht alle Tage. 

Von Frauke Adrians

„Der Geizige“ in der Regie von Thomas Ostermeier an der Schaubühne Berlin © Gianmarco Bresadola

3. April 2026. Der Geiz ist gar nicht das Schlimme. Dieses besessene Festhalten am Geld, diese erbärmliche Panik beim Gedanken, es könnte weg sein: geschenkt (und kommt Harpagon, Molières „Geizigem“, nicht alles recht, was geschenkt ist?). Nein, das Schlimme ist: Dieser Mann ist ein Vatermonster. Das Geld ist seine obszöne Extremität. Und der Spruch „Geiz ist geil“ klang noch nie so schal wie nach Thomas Ostermeiers Molière-Inszenierung.

Mit Glatzentoupet und Walross-Schnäuzer

Zwischen Slapstick und Schrecken, zwischen Molière und Heute balancieren der Regisseur und das vortreffliche Ensemble in der Schaubühne, angeführt von Lars Eidinger als Harpagon. Dessen Biotop ist hier ein tristes Autohaus – mit einsamem Jaguar im Showroom, verglaster Büroetage, Wimpelkette, Luftballons –, in dem er als Familienunternehmer stromberghaft rumtyrannisiert. Tochter, Sohn und Angestellte müssen die Einnahmen des Patriarchen mehren, alle tragen die hässliche, aber unschlagbar billige Firmenuniform, der Chef trägt dazu Walross-Schnäuzer, Glatzentoupet und einen überlangen roten Trump-Schlips. Mit Anspielungen und aktuellen Zitaten, optischen wie verbalen, wird nicht gegeizt in Thomas Ostermeiers und Maja Zades Molière-Neufassung.

DER GEIZIGE 30 03 1770 c gianmarco bresadolaVatermonster mit Sohn: Lars Eidinger als Harpagon und Damir Avdić als Cléante auf Magda Willis Bühne © Gianmarco Bresadola  
Nach zwei legendären Ostermeier-Eidinger-Shakespeare-Kooperationen – „Hamlet“ (2008) und „Richard III.“ (2015) – kann es nicht überraschen, dass „Der Geizige“ ganz auf Lars Eidinger zugeschnitten ist. Eidinger singt, tanzt, lässt Harpagon im Geldfieber durch sein Reich schwanken, stolpern, stammeln, stürzen, auf Autoschaum ausrutschen und den Jaguar mit plump-erotischer Geste einseifen, wenn er die schöne, aber leider mittellose Marianne (Mano Thiravong) zu beeindrucken versucht. Firmenboss Harpagon maßregelt und brüllt – aber sein Sohn Cléante brüllt zurück. Schöne Erkenntnis: Selbst Lars Eidinger kann einen Molière nicht alleine rocken. Und Damir Avdić ist ein großartiger Sparringspartner, sein Cléante das queere, glimmernde, überdrehte Gegenbild zum spießigen, Maximilian-Krah-Männlichkeitsphrasen absondernden Erzeuger.

Familienhorror und Glitzerkonfetti

Es ist eine Szene an Bord des Jaguar, ein nur vermeintlich klärendes, in Wahrheit missbräuchlich übergriffiges Vater-Sohn-Gespräch, das den Klamauk vorübergehend vergessen lässt und Molières Komödie mit heutigem Familienhorror auflädt. In Erinnerung an Kindheitserlebnisse muss sich Harpagon übergeben, aber er kotzt bloß Glitzerkonfetti. Also bleibt alles Bühnenzauber, flirrend leicht? Nicht ganz.

DER GEIZIGE 30 03 0822 c Gianmarco BresadolaIm Slapstick-Horror: Firmenfaktotum La Flèche (Robert Beyer) und Harpagon (Lars Eidinger) © Gianmarco Bresadola

Hinter der Geldgier-Groteske, dem geilen Geiz und der – vordergründig rein materiellen – Abhängigkeit der Kinder vom Vatertyrannen will Thomas Ostermeier mehr aufdecken, will hinter der Karikatur einer echten Deformation auf die Spur kommen. Das ist viel gewollt, aber nicht zu viel. Ein Lars Eidinger kann das spielen, neben allem Slapstick. Folgerichtig gibt es am Ende auch keine glücklichen Paare; stattdessen seelenlose Gestalten, die Gefühle nur vortäuschen und die, vor allem, „nichts überstürzen“ wollen.

Battle auf der Wendeltreppe

Das ist angemessen desillusionierend, aber Spaß haben darf und soll man schon auch. An einem mal kindischen, mal akrobatischen Vater-Sohn-Battle auf Bühne und Wendeltreppe, an den hilflosen Versuchen von Tochter Elise (Magdalena Lermer) und deren Freund Valère (Pablo Moreno), sich den Geizigen durch Einschleimen gewogen zu machen. An Robert Beyer in seiner Doppelrolle als wiederholt gefeuertem Autohaus-Faktotum und fröhlich ineffektivem Detektiv Hercule Poirot. An Cathlen Gawlich als sinnlich-intriganter Frosine und an Falk Rockstroh, dessen eilfertiger diplomatischer Einsatz zwischen Vater und Sohn verdienten Szenenapplaus bekam.

Den Geizigen hätte es gefreut: Man kann sich das Happy End sparen – und das Premierenpublikum dennoch glücklich machen.

Der Geizige
von Molière in einer Fassung von Maja Zade und Thomas Ostermeier
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Magda Willi, Kostüm: Vanessa Sampaio Borgmann, Musik: Lars Eidinger, Siriusmo, Dramaturgie: Maja Zade, Licht: Erich Schneider
Mit: Lars Eidinger, Damir Avdić, Magdalena Lermer, Pablo Moreno, Mano Thiravong, Cathlen Gawlich, Falk Rockstroh, Robert Beyer, Axel Wandtke
Premiere am 2. April 2026
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de