Bielefeld. Seit Jahren zeigen Umfragen: Immer mehr Eltern fühlen sich extrem gestresst. Experten warnen vor „einer Perfektionismus-Falle, die durch soziale Medien befeuert wird und schon vor dem Schulalter der Kinder in den Burnout führen kann“. Das ist einer aktuellen Studie der Krankenkasse Pronova BKK zu entnehmen. „Die meisten Mütter funktionieren, aber sie spüren sich nicht mehr“, sagt auch Sarina Hettich. Die 32-Jährige hat selbst eine vierjährige Tochter und will nicht nur Frauen zu mehr Leichtigkeit im Leben mit Kind verhelfen.
Im zum hellen Studio ausgebauten Dachboden eines Hinterhauses im Bielefelder Westen wirbeln am Montagnachmittag unter ihrer Anleitung zwei Väter und eine Mutter mit ihren Kleinkindern über den Korkboden. Sie hüpfen wie Frösche, werden zu Muscheln, die Perlen aufnehmen, oder Startbahnen, auf denen die Kinder als Flugzeuge abheben. „ContaKids“ heißt der Kurs, der spielerisch Elemente aus dem Improvisationstanz aufgreift. „Das Konzept stammt aus Israel und wurde von einem Tänzer entwickelt“, berichtet Hettich. „Es geht ganz viel um Verbindung, aber auch um gegenseitiges Vertrauen, Körperkontakt und Körperwahrnehmung.“
Die 32-Jährige hat an der Bielefelder Uni Soziale Arbeit studiert und Ausbildungen zur Tanz-, Theater- und Erlebnistherapeutin absolviert. Im neu angemieteten kleinen Hinterhaus möchte sie einen neuen Begegnungsraum für Familien schaffen – speziell auch für Mütter. „In Berlin gibt es da ein viel breiteres Angebot.“ Dort hat die gebürtige Bielefelderin einige Zeit mit ihrer Tochter gelebt und in einem Mutter-Kind-Haus gearbeitet. Weil der Papa ihrer Tochter und auch die Großeltern in Bielefeld wohnen, sei sie zurückgekommen.
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Nicht perfekt als Mutter, sondern lebendig als Frau
„Viele Kinder sind heutzutage viele Stunden ihres Tages fremdbetreut, die Tage sind auch für die Eltern sehr durchstrukturiert“, sagt Hettich. Oft gehe im Alltag die Leichtigkeit verloren. Bei den „ContaKids“ sollen alle einfach Spaß und intensive Zeit miteinander haben. Im Tanz und in der Bewegung löse sich ganz viel. Das nutze sie auch als Grundlage für Einzelcoachings von „Frauen und Müttern, die sich in Übergangsphasen im Leben befinden“.
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Die Zeit mit kleinem Kind bringe oft Veränderungen mit sich: beruflich, aber auch privat. Wer bin ich jetzt noch? Was will ich? Und wer will ich sein?, seien da oft Fragen. „Ich will Raum schaffen, um sich neu zu orientieren“, sagt Hettich. Bewegung helfe, um bei sich selbst und im eigenen Körper wieder anzukommen und sich wieder zu spüren. Eine ihrer Botschaften: „Ich darf meine eigenen Bedürfnisse ernst nehmen, denn das gibt mir neue Energie, um für mein Kind zu sorgen.“
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Viele glaubten, Mutterschaft bedeute, sich selbst hintenanzustellen. „Leiser zu werden, weniger Raum einzunehmen, sich anzupassen.“ Viele Frauen seien einfach total erschöpft und fühlten sich innerlich leer. Auf Instagram postet sie dazu immer wieder Beiträge, um sie zu inspirieren. „Ich glaube, dass Mutterschaft uns auf eine tiefe Reise schickt – eine Reise zurück zu uns selbst“, sagt Hettich. Es gehe um das, was man wirklich will und fühlt. Darum, „nicht perfekt als Mutter zu sein, sondern lebendig als Frau“.
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Mehr Gelassenheit und weniger Druck im Alltag mit Kind
Im Alltag mit Kind helfe mehr Gelassenheit und weniger Druck. „Komm, das macht doch Spaß“: Als sie mit ihrer Tochter am Meer war und „sie erst einmal tagelang nicht ins Wasser wollte, nur die Wellen beobachtet und den Sand gespürt hat“, habe sie sich bewusst mit Ermutigungen zurückgehalten. Und einfach gewartet: ohne Druck, ohne Überreden.
Dann sei die Vierjährige eines Morgens mit den Füßen ins Wasser gelaufen, ganz selbstverständlich. „Nicht, weil ich sie überzeugt habe, sondern, weil sie bereit war“, sagt Sarina Hettich. Ihr als Mutter sei klar geworden: Oft geht es im Alltag genau darum, auch beim Einschlafen oder Lernen. „Wenn wir das Tempo unserer Kinder respektieren, müssen wir weniger kämpfen.“
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