Ein junger Sherlock Holmes unter Mordverdacht, Teenager im Ausnahmezustand, Popstar Shirin David auf Selbstsuche. Alle haben ein Problem – und wir etwas zu schauen: unsere Streaming-Highlights des Monats.

„Young Sherlock“

Bevor jetzt alle abwinken und denken: Nicht noch eine Sherlock-Holmes-Serie, bitte. Regie führt Guy Ritchie – und das bedeutet skurrile Charaktere, messerscharfe Dialoge, effektvollen Schnitt und treibende Musik. Mit der Figur kennt er sich nach zwei „Holmes“-Filmen ohnehin aus.

Staffel 1 von „Young Sherlock“, basierend auf der Jugendbuchreihe von Andrew Lane, spielt im Oxford des späten 19. Jahrhunderts, wo der junge Sherlock als Page – nicht als Student – untergebracht ist. Er fällt natürlich auf, mit seinem Wissen, seinem Scharfsinn und seiner großen Klappe.

Sherlock wird Ritchie-typisch supercool gespielt von Hero Fiennes Tiffin, dem Neffen von Joseph Fiennes. Der wiederum spielt Sherlocks Vater. Mit Colin Firth (schräg-dubioser Uni-Mäzen) und Natasha McElhone (Sherlocks Mutter, die in einer geschlossenen Anstalt lebt) sind die Nebenrollen prominent besetzt.

Zunächst geht es um eine Mordserie an Professoren, die das junge Genie auch deshalb aufklären muss, weil es selbst schnell zum Hauptverdächtigen wird. Je intensiver die Nachforschungen, desto verwirrender (und wirrer) die Verschwörungsstory. Aber hey – dafür ist es eben Guy Ritchie: Dialoge, Schnitt, Musik, Craziness. Sie wissen schon. Volker Corsten

Im Streaming auf Amazon Prime Video

„Heartbreak High“

Seit ihrem Start 2022 hat sich „Heartbreak High“ zu einer dieser Serien entwickelt, die viele zufällig entdecken, zunächst etwas befremdlich finden – und dann kaum wieder ausmachen können. Die australische Highschool-Serie, eine Neuinterpretation des 90er-Klassikers, erzählt vom Leben an der Schule „Hartley High“ in Sydney und verbindet typisches Teenie-Drama mit einem überraschend frischen – für manche Zuschauer zu woken – Blick auf Freundschaft, Liebe und Sexualität.

Im Zentrum der dritten und vorerst finalen Staffel steht erneut Amerie, gespielt von Ayesha Madon, die gemeinsam mit ihren Freunden vor einer Situation steht, die langsam außer Kontrolle gerät: Ein Rachestreich zieht größere Kreise als gedacht und könnte sogar zu einer Gefängnisstrafe führen. Währenddessen rückt der Schulabschluss näher und mit ihm die Frage, wie es danach weitergeht und bei welchen Paaren die Liebe hält.

Vom Streamingdienst als „gewagt“ eingeordnet, setzt die Serie auf auffällige, teils überdrehte Szenen. Ähnlich wie der Netflix-Hit „Sex Education“ zeichnet auch die australische Serie in den finalen Folgen ein Bild vom turbulenten Erwachsenwerden der Generation Z. Josie Rath

Im Streaming auf Netflix

„Barbara – Becoming Shirin David“

Shirin David ist das Aushängeschild von Female-Power-Urban-Deutschrap-Pop, das Gesicht einer neuen Generation von jungen, (scheinbar) selbstbewussten Frauen, die Oberflächlichkeit und Materialismus zum bestimmenden Markenkern gemacht haben. If you don’t make money, you make no sense. Die feministische Botschaft, die dazugehört, ist immer die, dass man als Frau alles alleine schaffen kann.

In Shirins erster großer Doku „Barbara – Becoming Shirin David“ auf Netflix hat David ebenfalls die volle Kontrolle. Es ist ihr Produkt. Zu Wort kommen nur engste Vertraute wie ihre Mutter, ihre Schwester, ihr Manager. Sie alle sind sich einig, dass es in der Doku darum geht, wie aus Barbara Shirin Davidavicius, die ohne Vater aufwuchs, der Superstar Shirin David wurde. Kurz gesagt: Man erfährt es nicht.

„Barbara“ bekommt man nicht zu sehen, dafür aber das Kunstprodukt Shirin David in selbstgeschaffener und -gewählter Oberflächlichkeit. Und damit immerhin ein gutes Bild, wie „die Industrie“ und „die Öffentlichkeit“ heute funktionieren, deren Druck in dieser Doku immer wieder beklagt wird. Dennis Sand

Im Streaming auf Netflix

„In Vogue: The 90s“

Alle, die gerade bei Disney+ abhängen, um jede Woche eine neue Episode von „Love Story“ zu suchten, dürften jetzt auch, etwas chic verspätet, über „In Vogue: The 90s“ stolpern. Lohnt es sich? Das ist wie immer die Frage, wenn diese größtenteils nicht so richtig gut gealterte Szene noch mal zurückblickt.

Mit dabei: sämtliche Supermodels, vielleicht die erfolgreichsten Feministinnen der frühen Moderne, die mit natürlichem Aussehen, wirtschaftlicher Unabhängigkeit und enormer Selbstbestimmung längst lebten, was heute wieder als programmatischer Fortschritt verhandelt wird. Entsprechend blicken sie einem inzwischen auch superoperiert entgegen.

Anna Wintour feiert sich unverhohlen selbst. Und Hamish Bowles kommt noch etwas hochnäsiger und gestriger als sonst schon rüber. Es lohnt sich natürlich wie immer wegen der Bilder. Maria-Antonia Gerstmeyer

Im Streaming auf Disney+

„Fallout“

Mit der zweiten Staffel öffnet sich die verstrahlte Parallelwelt von „Fallout“ noch weiter, die 200 Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg angesiedelt ist. Während die ersten acht Folgen vor allem dazu dienten, das endzeitliche Setting zu etablieren, nimmt die Handlung nun auf mehreren Ebenen richtig Fahrt auf.

Im Zentrum steht erneut Lucy, die in einem Schutzbunker aufgewachsen ist und sich einen naiven Glauben an das Gute im Menschen bewahrt hat. Sie ist auf der Suche nach ihrem Vater, der von Eindringlingen entführt wurde. Ihr Gegenpol ist der Ghoul, eine Mischung aus radioaktivem Zombie und einsamem Cowboy, der seit Jahrhunderten durch das Ödland streift, dargestellt von Walton Goggins, der sich bereits bei Quentin Tarantino mehrfach als kaputte Westernfigur bewähren konnte.

Die beiden gehen eine widerwillige Zweckgemeinschaft ein, die dem actionlastigen Format eine überraschende emotionale Tiefe verleiht – während Lucy beim Kampf ums Überleben härter wird, zeigt der Ghoul allmählich Überreste von menschlichen Zügen. Die beiden bilden das ungewöhnlichste Serienpaar seit Bella Ramsey und Pedro Pascal in „The Last of Us“. Heiko Zwirner

Im Streaming auf Amazon Prime Video

„The Pitt“

Die Notaufnahme ist chronisch überfüllt, Patienten warten stundenlang auf eine Behandlung. Ein chronisch unterbesetztes medizinisches Team gibt bei aller Überforderung das Beste für Menschen, die um Hilfe bitten: „The Pitt“ ist eine von vielen Krankenhausserien. Und doch sticht sie mit den geschilderten Schichten im Trauma Medical Center von Pittsburgh auf berührende Weise heraus.

Die überzeugende Darstellung einer medizinischen Versorgung unter extremen Sparzwängen ist dafür nur ein Grund. Ob Chefarzt Dr. Michael „Robby“ Robinavitch (Noah Wyle) oder Krankenschwester Dana Evans (Katherine LaNasa) – die Charaktere und Dialoge spiegeln auf kluge, tragische, aber unsentimentale Weise den Umgang mit Gewissensfragen und gesellschaftlich relevanten Themen wie Obdachlosigkeit und Alkoholsucht, problematisieren zudem Missbrauch und Schwangerschaftsabbruch.

Am Ende des Tages ist es nicht immer gut: Menschen sterben, Tränen fließen bei Angehörigen, Ärzte zweifeln an ihren Fähigkeiten. Aber trotzdem gibt es immer auch ein Licht, weil das Leben ohne Hoffnung und Zuversicht, ohne Lernprozesse nicht funktioniert – und es in der nächsten Schicht wieder weitergehen muss. Claudia Becker

Im Streaming auf HBO Max

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