04. April 2026
Christian Bartels

Foto: Christian Bartels
Braunschweig hat ein besonderes Schloss: Es dient als Einkaufszentrum. Anders als in Berlin und Potsdam wurde hier neu interpretiert – überraschend stimmig.
Die traditionsreichen ostdeutschen Haupt- und ehemaligen Residenzstädte Potsdam und Berlin haben einiges gemeinsam. Unter anderem steht dort jeweils ziemlich zentral ein Schloss, das nach alten Plänen komplett neu errichtet wurde, nachdem es in der Nachkriegszeit komplett abgerissen worden war.
Weiterlesen nach der Anzeige
Ob es zwischenzeitlich vermisst worden war, ob es nun dem, ähm, Stadtbild guttut oder sinnvoll genutzt wird, darüber lässt sich jeweils gut streiten.
Das Potsdamer Schloss fungiert als Landtag des Zweieinhalb-Millionen-Einwohner-Bundesländchens Brandenburg. Das Stadtschloss in der von Brandenburg umschlossenen 3,5 Mio.-Einwohner-Stadt Berlin enthält so einige Museen, die die weiterhin relativ zahlreichen Touristen durchaus anziehen und ergänzt insofern die attraktiveren, doch wegen Baustellen teils langjährig geschlossenen Museumsinsel-Museen.
Gerade bemüht es sich, nicht zum Gewalt-Brennpunkt zu werden.
Schlossrekonstruktionen als Zeitgeistspiegel
Was beide Schlösser gemeinsam haben: Rekonstruiert wurden komplett bzw. (in Berlin) zu drei Vierteln nur die Fassaden. Innen wurden keine Festsäle und Seidenwandbespannungen im Stil länger vergangener Jahrhunderte nachgestaltet, sondern Räume funktional für die Gegenwart gestaltet. Wobei sich im Berliner Schloss (wie überall in Berlin) darüber streiten lässt, ob von Funktionalität die Rede sein kann.
Vorexerziert wurde das Muster des kompletten Schloss-Neu-Nachbaus gut 200 Kilometer westlich. In Braunschweig, bis 1918 ebenfalls Haupt- und Residenzstadt, wurde das Schloss bereits 2007 wiedereröffnet – nachdem es genau wie das in Potsdam 1960 kriegsbeschädigt abgerissen worden war.
Weiterlesen nach der Anzeige
Seither erfüllt es eine in die Gegenwart passende, vom Publikum angenommene Funktion: Es ist ein Einkaufszentrum (bzw. der schönste Teil eines monströs großen, immerhin innen recht großzügig statt nach gängigen Profit-pro-Quadratmeter-Regeln gestalteten Einkaufszentrums).
Ältere Aufnahme des Schlosses. Foto: Christian Bartels
Das ist viel diskutiert worden, vor allem kritisch. Wenn man heute am Braunschweiger vorbeikommt, macht der bereits patinierte Bau den Eindruck, organisch in die alte, freilich sehr weltkriegszerstörte und daher sowieso wiederaufgebaute Stadt zu passen.
Das einzige abgerissene Schloss der Bundesrepublik – und seine eigentümliche Geschichte
Aus dem westdeutschen Rahmen fällt das Braunschweiger Schloss aus mehreren Gründen. Während es in der DDR offiziell zur Ideologie gehörte, Relikte des Feudalismus zu zerstören und durch ideologisch passendere Bauten – Aufmarschplätze oder auch den innovativen „Palast der Republik“ – zu ersetzen, gehörte es im Westen gerade nicht zur Ideologie.
Das Braunschweiger Residenzschloss war das einzige in der BRD, das abgerissen wurde. Anfang 1960 hatte die SPD im Stadtrat mit zwei Stimmen Mehrheit für den Abriss votiert. Außer Denkmalschützern und der CDU war auch noch Viktoria Luise, die Tochter des letzten Kaisers Wilhelm, die als letzte Herzogin von Braunschweig weiterhin in der Stadt lebte, dagegen.
Besonders alt war das Schloss zum Zeitpunkt seines Abrisses nicht gewesen, bloß 119 Jahre. Zum vorherigen, 1841 eröffneten Neubau hatten auch deutschlandweit singuläre Gründe geführt. Der Vorgängerbau war im Rahmen der einzigen rabiateren deutschen Revolution des 19. Jahrhunderts zerstört worden.
Feuer, Fürsten, Fußball – Braunschweigs Geschichte brennt weiter
Anno 1830 hatten die Braunschweiger Herzog Karl II. gestürzt und vertrieben, indem sie sein Schloss in Brand steckten. Ein ungemein republikanischer Aufstand war es nicht. Die Revolutionäre zeigten sich zufrieden, als Karls Bruder Wilhelm ihr neuer Landesvater wurde.
Während Karl sein Vermögen, bei dem es sich mehr oder weniger um Landesvermögen handelte, schon zu seinen Regierungszeiten auf Reisen etwa in Paris (wo 1830 auch eine, international bekanntere Revolution stattfand) verprasst hatte und nach seiner Absetzung mit dann privatem Vermögen genau so fortfuhr, ließ Wilhelm in Braunschweig sich ein neues Schloss bauen.
Das war ein schickes auf der Höhe der spätklassizistischen Zeit. Architekt Carl Theodor Ottmer hätte vermutlich auch Hofbaumeister im schon damals größeren, wichtigeren Berlin werden können, wo er unter anderem das heutige Gorki-Theater errichtet hatte, entschied sich aber für seine Heimat Braunschweig. Dass das Shopping-Schloss hübsch aussieht, ist vor allem Ottmers Verdienst.
Auch von den Herzögen Karl und Wilhelm führen einige Stränge in die Gegenwart, zumindest in die niedersächsische, in der sich zweimal pro Saison riesige Polizeiaufgebote um Fußballspiele zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 kümmern müssen.
Das hängt nicht nur damit zusammen, dass Hannover meist einen Tick weiter oben in der Zweitligatabelle steht, Braunschweig aber von sich behaupten kann, Bundesliga-Gründungsmitglied und Deutscher Meister oder sowieso „Wiege des deutschen Fußballs“ gewesen zu sein. Es zeugt noch von jahrhundertlanger Rivalität.
Vom Manifest zum Märtyrer – wie Braunschweigs Herzöge Europas Revolutionen verfehlten
Schon im 18. und 19. Jahrhundert hatte Hannover Braunschweig abgehängt. Unter anderem, weil gleich zwei Braunschweiger Herzöge, die heute wieder als Reiterstandbilder vorm Einkaufszentrum stehen, persönlich in die Kriege gegen die französischen Revolution und Kaiser Napoleon gezogen und dabei ums Leben gekommen waren.
Karls Großvater Karl Wilhelm Ferdinand hatte mit dem „Manifest des Herzogs von Braunschweig“ (das auf Französisch als „Manifeste de Brunswick“ viel bekannter ist) indirekt-unglücklich die Revolution bis hin zur Königspaar-Guillotinierung eskaliert – wobei der bereits alte Mann das Manifest mitnichten verfasst hatte, sondern sich eher von der französischen Aristokratie hatte instrumentalisieren lassen.
Nach der epochalen preußischen Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 floh der Herzog als Oberbefehlshaber schwer verletzt und erblindend nach Norden und starb im damals dänischen, heutigen Hamburg-Ottensen.
Daher konnte sein Sohn Friedrich Wilhelm keinen Kleinstaat übernehmen, sondern ritt als „Schwarzer Herzog“ mit einer Freischärler-Guerilla durch Europa. Ende 1813 zog er zwar als siegreicher Landesherr wieder in Braunschweig ein, mit seiner „Schwarzen Schar“ aber den zurückweichenden Franzosen gleich weiter hinterher und fiel ganz am Ende der Feldzüge, zwei Tage vor der Schlacht bei Waterloo.
Weil er nur zwei minderjährige Söhne hinterließ, setzte sich, als Europa nach der Napoleonszeit auf dem Wiener Kongress neu verteilt wurde, niemand für Braunschweiger Interessen ein. Die verwandten Kurfürsten von Hannover, die als englische Könige in London residierten, vergrößerten ihr Nebenreich und ließen es zum eigenen Königreich Hannover erheben.
Heinrich, der Löwe, und andere Baustellen der Ewigkeit
Braunschweig erstand als das unbedeutendete, zersplitterte Herzogtum wieder, das es im 18. Jahrhundert gewesen war.
Dabei ist Braunschweig wesentlich älter als Hannover, wie sich schon wenige hundert Meter entfernt vom Shopping-Schloss auf dem Burgplatz zeigt. Der Löwe mittig auf dem Platz wird stolz als „die erste monumentale Freifigur nördlich der Alpen“ bezeichnet.
Er erinnert an den Stadtgründer Heinrich den Löwen – den großen Loser der hochmittelalterlichen Geschichte, der nie Kaiser wurde, sondern von Kaiser Barbarossa geächtet fliehen musste, andererseits aber so viele Städte gründete, dass man sich an ihn heute mehr als an irgendwelche anderen Zeitgenossen erinnert. (Und dass Fußballer und Fans nicht nur aus Braunschweig, sondern auch des sympathischen Münchener Vereins, 1860, sich „Löwen“ nennen, führt auch zurück zu Heinrich …).
Drumherum um den Platz stehen der alte Dom und die alte „Burg“. Wobei die streng genommen nur teilweise alt ist. Vor allem wurde Heinrichs Burg Dankwarderode in den Jahren um 1900 nach damaligem historistischem Geschmack wiederaufgebaut.
Was zeigt, dass sich zwar Zeitgenossen über neu nachgebaute Schlösser und so etwas echauffieren können, es ein, zwei Generationen später aber weitgehend egal ist, ob Bauwerke „original“ und so alt sind, wie sie vielleicht aussehen, oder aus diesen oder jenen Gründen in einer viel späteren, aber auch bereits vergangenen Vergangenheit errichtet wurden.
Und zerstört und wiederaufgebaut worden ist in Braunschweig ohnehin vieles …
In Teil 2 des Artikels geht es morgen weiter mit Hitler, Fritz Bauer und Brunonia, der oben auf dem Shopping-Schloss thronenden Braunschweiger „Stadt- und Landesgöttin“.
Dieser Artikel erschien auf Telepolis erstmals am 8. November 2025.