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Die Strompreise an der Börse für Lieferungen im Mai liegen in Deutschland derzeit etwa viermal so hoch wie in Frankreich – doch woran liegt das konkret? Kanzler Merz stellt den Kohleausstieg infrage.

Berlin – Der Iran-Krieg legt die Schwächen von Deutschlands Stromsystem offen: Die Preise an den Energiemärkten steigen an. Unter den hohen Stromkosten in Deutschland leidet insbesondere die Industrie. Nun könnte sich die Lage weiter zuspitzen: Laut Bloomberg werden die Strompreise für Mai in Deutschland derzeit etwa zum Vierfachen des Niveaus in Frankreich gehandelt – ein Rekordabstand zwischen beiden Märkten. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat durchblicken lassen, dass der geplante Kohleausstieg möglicherweise verschoben werden könnte.

Die Sonne scheint auf Braunkohlekraftwerke: Erstmals liefert Sonnenenergie mehr Strom als die Braunkohle für Deutschland. Zur Sicherung der Stromversorgung setzt Deutschland weiterhin auf Kohlekraftwerke. (Symbolbild) © IMAGOStrompreise in Deutschland an der Börse viermal so hoch wie in Frankreich

Am Dienstag (31. März) wurden deutsche Stromverträge für Mai an der Börse bei 86,80 Euro pro Megawattstunde gehandelt. In Frankreich lag der entsprechende Preis laut Daten der EEX bei 22,06 Euro pro Megawattstunde. Doch woher kommt dieser große Unterschied? Der Anteil der Kernenergie am Strom in Frankreich ist mit rund 70 Prozent sehr hoch. Damit setzt das Land weiterhin stark auf Atomkraft, bis 2050 soll sie ein zentraler Bestandteil der Stromversorgung bleiben. Frühere Pläne sahen noch die Abschaltung mehrerer Reaktoren vor, wie die FAZ berichtet. Diese sollen nun weiterlaufen oder länger genutzt werden. Auch wenn Wind und Sonne weniger Strom liefern, bleibt die Versorgung in Frankreich dadurch vergleichsweise stabil.

Anders in Deutschland: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, müssen vor allem Kohle- und Gaskraftwerke die Stromlücke schließen. Die letzten drei Atomkraftwerke – Emsland in Niedersachsen, Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg – wurden am 15. April 2023 endgültig vom Netz genommen. Um die höheren Energiekosten durch den Krieg abzufedern, wurde ein Teil der Stromproduktion von teurem Importgas auf Kohle umgestellt. Das Problem: Der Spielraum dafür ist begrenzt, weil im Zuge des Kohleausstiegs bereits viele Kohlekraftwerke abgeschaltet wurden. Zudem gilt Strom aus Kohle wegen der hohen CO₂-Emissionen als besonders klimaschädlich.

Laut Bloomberg könnte ein weiterer Grund für die Unterschiede bei den Börsenstrompreisen sein, dass Frankreich im Frühjahr seine Stromexporte reduziert – wie bereits in den vergangenen Jahren wegen Netzengpässen. Das würde sich direkt auf die Strompreise in Deutschland auswirken, da weniger günstiger Strom aus dem Ausland verfügbar wäre.

Das Ende vom Kohleausstieg wackelt: Kanzler Merz denkt über Verschiebung nach

Der Kohleausstieg in Deutschland ist eigentlich beschlossene Sache: 2038 soll es so weit sein. Spätestens dann sollen auch die letzten Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs und der angespannten Lage auf den Energiemärkten stellt Merz diesen Zeitplan jedoch infrage. Bei einer Veranstaltung der FAZ sagte er: „Wir werden möglicherweise laufende Kohlekraftwerke länger am Netz lassen müssen.“

Kritik kommt von den Grünen. Clemens Rostock, Landesvorsitzender der Brandenburger Bündnisgrünen, warf Merz vor, „die Axt an den Kohlekompromiss und damit an die Verlässlichkeit staatlichen Handelns insgesamt“ zu legen. „Das ist ein Spiel mit Feuer sondergleichen“, so Rostock in einer Pressemitteilung. Wenn vereinbarte Ausstiegsdaten beliebig infrage gestellt würden, zerstöre dies die Grundlage für milliardenschwere Investitionen und langfristige Planungen in der Energiepolitik. Wer am Kohleausstieg rüttele, gefährde auch die Basis für Entschädigungen, Strukturhilfen und das Vertrauen zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

Keine Rückkehr zur Atomkraft: Deutschland seit Ausstieg Netto-Importeur von Strom

Eine Rückkehr zur Atomkraft schließt Kanzler Merz zudem aus. Paradoxerweise ist Deutschland dennoch stark von Atomstrom abhängig. Bei den Stromimporten hatte Kernenergie 2025 erneut den größten Anteil. Frankreich gilt laut Bundesnetzagentur als wichtigster Lieferant von Atomstrom für Deutschland. Dort sollen ab 2038 sechs neue Reaktoren gebaut werden, mit der Option auf weitere acht Anlagen. Zudem ist geplant, die Laufzeiten der 57 bestehenden Kernkraftwerke auf 50 bis 60 Jahre zu verlängern, um sie länger am Netz zu halten.

Nach Daten der Bundesnetzagentur bezog Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 60.000 Gigawattstunden Strom aus dem Ausland. Seit der Stilllegung der letzten Kernkraftwerke im Jahr 2023 ist Deutschland damit zum Netto-Importeur von Elektrizität geworden. Kernenergie machte dabei mit 14.331 Gigawattstunden den größten Anteil an den Stromimporten aus. Den größten Beitrag lieferte Frankreich mit rund 9.500 Gigawattstunden, berichtet die Welt am Sonntag. Dahinter folgten Belgien, die Niederlande, die Schweiz, Tschechien und Schweden.