Interview

Standdatum: 5. April 2026.

Autorinnen und Autoren:
Julian Beyer

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Menschen mit kurdischen Flaggen demonstrieren vor dem Bremer Hauptbahnhof.

Demos sind in Bremen in häufiger geworden. (Archivbild)

Bild: dpa | Kai Moorschlatt

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In Deutschland dürfen die Menschen frei sagen, was sie denken, und dafür protestieren. Doch was ändert sich dadurch? Ein Konfliktforscher erklärt, was Demos bewegen können.

Demonstriert wird in Bremen dieser Tage oft: gegen sexualisierte Gewalt, gegen Donald Trump, für Kurdinnen und Kurden – nur, um ein paar Beispiele zu nennen. Aber was ändert sich dadurch? Wir haben Tareq Sydiq, Konfliktforscher der Uni Marburg und Mitglied des Vorstands des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, gefragt.

Herr Sydiq, was richten Demonstrationen – ob in den USA oder bei uns – überhaupt noch an?

Wir sehen schon, dass der Effekt von Demonstrationen teilweise abnimmt. Aber wir können mindestens drei Sachen feststellen. Das ist zum einen, dass die Leute, die selber protestieren, auch aktiver werden und hoffnungsvoller agieren innerhalb von Demokratien. Wir können dann sehen, dass es auch die Medienberichterstattung beeinflusst. Und es hat eben auch einen Einfluss darauf, wie Politikerinnen und Politiker denken: Wenn sie sehen, dass Themen die Menschen bewegen, dann richten sie sich vielleicht auch danach aus.

Aber warum bleiben Demos oft ohne Folgen auf politischer Führungsebene? Zwei Beispiele: Bei den „No Kings“-Demos waren gegen Donald Trump Millionen von US-Amerikanern auf der Straße. Trump sagt, ihm ist das im Prinzip egal. Und im Oktober hatten wir in Deutschland bundesweite Demos gegen die Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Stadtbild. Nun hat er in so eine ähnliche Kerbe gehauen.

Das ist genau dieses Dilemma, wenn man als Protestierende keine Bündnispartner in Regierungen hat. Sie können dass dann relativ gut aussitzen. Wenn nicht demnächst Wahlen anstehen, dann setzen Proteste die Politik auch nicht zwangsläufig unter Druck, nur weil die öffentliche Meinung schwankt. Das ist eben letztlich der Mechanismus, wenn alles andere scheitert, ob das auch einen Einfluss auf Wahlergebnisse hat. In den USA stehen ja zum Beispiel jetzt im November Wahlen an. Wenn es aber in der Mitte einer Legislaturperiode zu Protesten kommt, dann haben sie eben auch weniger Einfluss.

Wann war denn zuletzt eine Demonstration so erfolgreich, dass sie auch wirklich langfristig was verändert hat und nicht kurz ein Stimmungsbild vor einer Wahl?

Ich glaube, bei einer einzelnen Demonstration ist das quasi nie der Fall. Einzelne Demonstrationen greifen in der Regel auch Stimmungen auf, können vielleicht auch Stimmungen erzeugen und dann verpuffen sie zum Teil. Was wirklich langfristige Veränderungen bewirkt haben, sind sehr langfristige Mobilisierungsaktionen gewesen. Zum Beispiel die Friedensbewegung oder auch die Civil Rights Movement in den USA, man hatte die 68er in Deutschland – das waren alles Dinge, die gingen über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, um dann eben auch politische Effekte über Jahre und Jahrzehnte zu erzeugen.

Wenn ich also wirklich was verändern will, brauche ich einen langen Atem.

Auf jeden Fall. Damit kann ich im besten Fall auch beeinflussen, wer überhaupt die Menschen sind, die Entscheidungen treffen. Das war ja dieser sogenannte Marsch durch die Institutionen. Leute, die in jungen Jahren protestieren, gehen dann irgendwann auch in Entscheidungspositionen. Damit kann man sozusagen direkt Einfluss nehmen auf Wertvorstellungen, auf Sympathien innerhalb des Regierungsapparates und das ist eben so eine Idealvoraussetzung für langfristige Protestbewegungen.

Kommt es dabei auch mehr auf die Art des Protestes an als etwa die Zahl der Teilnehmenden?

Die Protestart macht auf jeden Fall einen Unterschied. Es geht also nicht nur um die Größe des Protestes. Die Größe des Protestes führt dazu, dass vielleicht anders berichtet wird. Aber das kann ich auch mit kreativen Techniken machen. Und dann geht es auch darum, welche Arten von Protest mein Gegenüber besonders legitim findet. Also wenn ich möchte, dass eine konservative Partei ihre Meinung verändert, dann muss ich eben auch eine Protesttechnik wählen, die vielleicht für diese zugänglich ist. Wenn ich dagegen versuche, das Gegenlager zu mobilisieren, dann gibt es ja auch bestimmte Ästhetiken, bestimmte Slogans, die da vielleicht besser verfangen als jetzt bei einem Friedrich Merz.

Julian Beyer hat das Interview für Bremen Zwei geführt, Jean-Pierre Fellmer hat es für butenunbinnen.de aufgeschrieben und redigiert.

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Quelle:
buten un binnen.

Dieses Thema im Programm:
Bremen Zwei, Der Tag, 1. April 2026, 13.10 Uhr