Überbelegung und Personalmangel – der Strafvollzug steht unter Druck. Inmitten dieser Realität versucht Seelsorgerin Birgit Duskova, ein Gegengewicht in Hamburgs berüchtigtstem Gefängnis zu schaffen – und hat dabei eine Gemeinde gefunden, die anders ist als jede zuvor. Ein Besuch hinter Gittern zwischen Glaube, Schuld und Hoffnung.
Es liegt eine große Ruhe an diesem frühen Sonntagmorgen über der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel. „Santa Fu“, wie die Hamburger das Gefängnis im Nordosten der Stadt nennen, wirkt von außen wie ein trutziger Backsteinriese, der seit über 100 Jahren die Geschichten der Inhaftierten verschluckt. Drinnen, hinter den Mauern, hat die Alltagsroutine längst begonnen: Schlüssel klirren, Türen schlagen, Schritte hallen durch die langen Flure des sternförmigen Komplexes.
In der Anstaltskirche mit den hohen, vergitterten Fenstern bereitet Pastorin Birgit Duskova den Gottesdienst vor. Sie stellt einen üppigen Strauß Rosen auf den Altar, während die eindringenden Sonnenstrahlen den Raum in ein warmes Licht hüllen. Die Blumen sind frisch und strotzen vor Lebendigkeit in einer Welt aus Beton, Stahl und Bitterkeit. Wenig später betreten etwa 40 Insassen die Anstaltskirche und nehmen in den Stuhlreihen vor dem Altar Platz. Kurz bevor Duskova den Gottesdienst um 8.30 Uhr beginnt, ist es für einen Augenblick still. Die Männer schweigen, manche mit gesenktem Kopf, andere mit neugierigem Blick. Eine Stille, die draußen in der Freiheit rar geworden ist – selbst für die Pastorin.
„Ich hatte noch nie eine Gemeinde, die so gut zuhört wie die Gefangenen“, beschreibt Duskova ihren Arbeitsplatz, als WELT AM SONNTAG sie in der Haftanstalt begleitet. Seit Juli 2025 ist die 51-Jährige die evangelische Gefängnisseelsorgerin in der JVA Fuhlsbüttel, nachdem sich ihr Vorgänger in den Ruhestand verabschiedet hatte. Insgesamt, sagt Duskova, sei sie „gut angekommen“ in Santa Fu. Doch sei eine Haftanstalt „eine Welt für sich, mit eigenen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen“. Als Pastorin darin einen Platz zu finden, brauche Zeit.
Beinahe wie eine Kleinstadt erstreckt sich Deutschlands wohl bekanntestes Gefängnis am nördlichen Rand der Metropole, entlang des Alsterlaufs, zwischen dem Flughafen und dem Parkfriedhof Ohlsdorf. Der einstige Schauplatz spektakulärer Revolten und Ausbrüche ist heute ein Hochsicherheitstrakt, in dem Schwerstkriminelle ihre Strafe verbüßen, verurteilt wegen Drogenhandel, Vergewaltigung, Mord. Gegenwärtig sind 357 Männer inhaftiert, ferner 16 Sicherungsverwahrte sowie 130 Insassen in der ebenfalls auf dem zwölf Hektar großen Gelände angesiedelten Sozialtherapeutischen Anstalt. Darüber hinaus gehören Betriebe, Werkstätten und Verwaltung zu dem 1879 eröffneten denkmalgeschützten Komplex.
Duskova hat sich bewusst für diesen Arbeitsplatz entschieden. Die ausgebildete Gemeindepastorin agierte zuvor als Flüchtlingsbeauftragte im Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf und begleitete Menschen in der Abschiebungshafteinrichtung im schleswig-holsteinischen Glückstadt. „Wir Pastorinnen und Pastoren sind stets Seelsorgerinnen und Seelsorger. Ich hatte schon immer einen sozial-diakonischen und pastoralpsychologischen Ansatz“, sagt Duskova. Folglich könne sie nun all ihre gesammelten Erfahrungen in der JVA Fuhlsbüttel einbringen.
„Im Langzeitvollzug verbringe ich viel Zeit mit Menschen, die ebenfalls Zeit haben – und die Tiefe zulassen“, sagt Duskova, die in Hamburg, Prag und Halle-Wittenberg Evangelische Theologie studierte. Jeden zweiten Sonntag feiert sie Gottesdienst mit den Gefangenen, im Wechsel mit ihrem katholischen Kollegen. Jeweils 20 Minuten im streng getakteten Vollzugsalltag. Überdies ist seit 2025 ein hauptamtlicher muslimischer Seelsorger im Dienst, der das Freitagsgebet anbietet.
Und je länger Duskovas Gottesdienst an diesem Sonntagmorgen im März dauert, umso konzentrierter hören die Insassen zu, richten sich ihre Körper auf, werden die Blicke wacher – zwischen Begrüßung und Lesung, Predigt und dem Vaterunser, Segen und Gesang. Vielleicht, weil die Männer nicht wegkönnen. Vielleicht, weil ihnen vieles fehlt. Vielleicht, weil die Welt draußen für sie nur noch durch ein Fenster existiert.
In jedem Fall ist das Ritual in der Anstaltskirche eine Abwechslung und Möglichkeit, dem Haftraum zu entfliehen, andere zu treffen, berichten Gefangene dieser Zeitung. „Danach gibt es Kaffee und die Gelegenheit, sich auszutauschen“, beschreibt die Pastorin und bemerkt: „Viele haben ihren Glauben. Der Gottesdienst ist der Moment, in dem sie ihn mit anderen teilen – friedlich und mit Respekt.“ Der Anteil evangelischer Christen unter den Gefangenen ist eher klein, viele sind orthodox oder katholisch, natürlich gibt es auch Konfessionslose in Santa Fu.
Duskova ist eine praktisch veranlagte Pastorin, die Ruhe ausstrahlt. Eine, die zuhört, ohne zu urteilen. „Mein roter Faden ist: Es geht um Menschen, die gesellschaftlich im Abseits stehen oder davon bedroht sind“, erklärt die 51-Jährige ihre Herangehensweise. Das sei eine der zentralen Botschaften Jesu. Sie fügt hinzu: „Er ist – das war das Thema eben in meiner Predigt – immer einer, der Kommunikation ermöglicht. Nachfolge Jesu bedeutet für mich, für Austausch, Perspektiven und Begegnung zu sorgen.“
„In Santa Fu hat man Zeit – und nimmt sich Zeit“
Im Alltag führt die Pastorin bei Bedarf Einzelgespräche mit den Inhaftierten. „Ich bin fast täglich hier und hole den Gefangenen aus seinem Bereich ab“, erklärt Duskova. Während im Gottesdienst das Bekenntnis zum christlichen Glauben im Mittelpunkt stehe, funktioniere Seelsorge anders. „Da geht es darum, welches Anliegen der Mensch mitbringt. Ich lasse mein Gegenüber beginnen und höre zu“, beschreibt die Pastorin. Sie ergänzt: „Wenn jemand über seine Familie sprechen möchte, über Vorwürfe, über das Gefühl, missverstanden zu werden – dann geht es darum.“
Bei dem etwa einstündigen Gespräch in ihrem Büro in der JVA bitten die Insassen zudem häufig um Hilfe bei praktischen Anliegen: Anträge, Formulare ausdrucken, Tabak für Neuzugänge, Kleidung für Mittellose, die noch keine Arbeit haben. „In Santa Fu hat man Zeit – und nimmt sich Zeit“, sagt Duskova. Sie sorge für Struktur in der Unterhaltung. Wenn etwa jemand abschweift, hat das oft einen Sinn: „Ich spreche es an und bringe etwas Ordnung hinein. Ich bin aber keine Therapeutin.“
Birgit Duskova übernimmt die klassischen Aufgaben von Seelsorge bei Gefangenen: Gottesdienste, Gespräche und Unterstützung bei der Bewältigung der Haft und Resozialisierung. Die Gefängnisseelsorge ist in Deutschland ein eigenständiger Bereich innerhalb des Strafvollzugs: staatlich garantiert, rechtlich geschützt, kirchlich verantwortet. So garantiert Artikel 4 des Grundgesetzes die Religionsfreiheit, auch im Gefängnis. Außerdem haben Gefangene, verankert in Paragraf 54 des Strafvollzugsgesetzes, das Recht auf Zugang zu religiösen Angeboten ihres Bekenntnisses. Ein Schutzraum im System, wie Fachleute es ausdrücken, freiwillig, vertraulich, unabhängig – getragen von evangelischen, katholischen und muslimischen Seelsorgern.
In der Nordkirche sind neben Duskova weitere neun Gefängnisseelsorger im Einsatz, bundesweit beschäftigt die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) eigenen Angaben zufolge rund 225 hauptamtliche Gefängnisseelsorger. Die Katholische Kirche unterhält hierzulande eine ähnliche Anzahl, wie aus kirchlichen Berichten hervorgeht. Stark wachsend, wenngleich nicht flächendeckend, entwickelt sich die muslimische Gefängnisseelsorge. Schätzungen aus Fachkreisen sprechen bundesweit von 50 bis 100 muslimischen Seelsorgern in Haftanstalten, organisiert vom Moscheeverband Ditib, dem Zentralrat der Muslime, der Schura oder lokalen Moscheevereinen.
Genau darin sieht der leitende Pastor des für Gefängnisseelsorge zuständigen Hauptbereichs in der Nordkirche, Michael Stahl, eine Herausforderung: „Es gilt, die interreligiöse Zusammenarbeit in der Gefängnisseelsorge auszugestalten und gemeinsam weiterzuentwickeln.“ Bundesweit betrachtet, steht in der Praxis der zwei gesetzlichen Ziele des Strafvollzugs – Resozialisierung und Sicherheit – überwiegend die Sicherheit im Mittelpunkt. So ordnet es Igor Lindner ein, der Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge. Die Konferenz ist der Fachverband in der EKD, der die Gefängnisseelsorge vertritt.
„Ein großes Problem sind die Ersatzfreiheitsstrafen – also Haftstrafen wegen nicht bezahlter Geldstrafen“, so Lindner. Diese machten bis zu 15 Prozent der Inhaftierten aus, die Betroffenen seien oft obdachlos, krank und alt. „Sie treffen im Vollzug auf Straftäter, mit denen sie sonst nichts zu tun haben. Deshalb brauchen sie viel Zuspruch und Unterstützung“, beschreibt Lindner.
Zusammen mit der Überbelegung in Haft stoßen somit Seelsorge und das gesamte System Gefängnis an Grenzen. Herausfordernd ist überdies der Personalmangel, sowohl im Vollzugs- als auch bei Fachdiensten – ein Mangel, der Experten zufolge absehbar auch die Gefängnisseelsorge betreffen wird. In der JVA Fuhlsbüttel gilt die Lage seit Jahren als enorm angespannt. So betreut ein Beamter nach Informationen dieser Zeitung mitunter bis zu 100 Insassen, Resozialisierung sei kaum noch möglich.
Unterdessen stimmt Pastorin Duskova im Gottesdienst in der Anstaltskirche das Vaterunser an. Einige der Gefangenen sprechen mit, andere nicht, etliche verstehen wenig Deutsch. Hamburg beherbergt in seinen sechs Gefängnissen insgesamt 2200 Gefangene, der Anteil ausländischer Insassen beträgt 58 Prozent – Menschen aus der Türkei, Polen, Afghanistan, Algerien, Albanien, Syrien, Rumänien. Ähnlich verhält es sich in Santa Fu. Deshalb hat Duskova zuletzt versucht, das Vaterunser so einzuüben, dass jeder es in seiner Sprache spricht. „Das lief eine Zeit lang gut“, sagt sie, doch an diesem Sonntag sind viele „wieder etwas in sich zurückgerutscht“.
Auch nach einem Dreivierteljahr entdeckt die Theologin täglich etwas Neues bei ihren Begegnungen mit den Insassen. „Es sind Menschen, drinnen wie draußen. Das macht den Strafvollzug aus – für alle, die hier arbeiten. Wir denken nicht in Schubladen“, betont Duskova. Sie denkt nicht, dass sie heute einen Mörder trifft, stattdessen Herrn XY. „Ein Grundsatz des deutschen Strafvollzugs ist, den Menschen nicht auf seine Tat zu reduzieren.“ Nur so sei Zukunft möglich, weshalb Strafvollzug auch bedeute, dass Dinge zur Ruhe kämen.
Was im Büro passiert, unterliegt der Verschwiegenheit
Als Seelsorgerin hat Duskova die Chance, die Person facettenreich kennenzulernen. „Die Realität ist oft ein Gebräu“, beschreibt die 51-Jährige. Sie ergänzt: „Es sind Gefangene, die haben ihre Taten in vollem Bewusstsein getan. Aber hier sind auch Menschen inhaftiert, deren Leben sie in diese Richtung gedrückt hat.“ Menschen, die ein Drama nach dem anderen erleben, geprägt von Gewalt, oft seit der Kindheit. „Gerade in Santa Fu sitzen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Bildungsgraden.“ Manche lebenslänglich, andere viele Jahre. Manche gebrochen, andere gefasst.
Eher selten versuchen die Verurteilten im Gespräch mit Duskova, ihre Tat zu rechtfertigen. „Das Alleinstellungsmerkmal der Gefängnisseelsorge ist: Bei mir dürfen sie freisprechen, ja auch in dem geschützten Raum etwas Dampf ablassen.“ Alles, was in ihrem Büro passiere, unterliege der Verschwiegenheit. „Ich dokumentiere nichts, ich melde nichts. Und das tut den Gefangenen gut.“ Körperlich attackiert wurde sie in Santa Fu bislang nicht. Im Gegenteil: Sie erlebe „sehr viel Respekt und Freundlichkeit“.
Aus Sicht der Pastorin hilft das Zuhören und Nachfragen den Menschen, beim Erzählen eine neue Perspektive auf sich selbst und das eigene Handeln zu gewinnen. Es gibt allerdings Momente, in denen sie Stopp sagt: „Ich bin auch zuständig für die Sozialtherapeutische Anstalt auf dem Gelände der JVA Fuhlsbüttel, also für Sexualstraftäter.“ In diesem Umfeld unterhält sie sich mit Insassen, die kinderschutzrelevante Straftaten begangen haben. „Aber die Taten lasse ich mir nicht schildern. Das ist meine Grenze.“
Um fernab der Gefängnismauern abzuschalten, läuft Duskova mit ihrem Hund so lange durch die Natur, bis die schweren Gedanken aus ihrem Kopf verschwunden sind. „Man muss sich selbst versorgen, auf sich achten, sich innerlich sortieren. Das gilt für alle, die in solchen Berufen arbeiten“, sagt sie. Kraft gibt ihr der Glaube – und „absolute Zuversicht“: „Viele denken, ich hätte nur mit negativen Themen zu tun – Abschiebehaft, Flüchtlinge, Armut. Aber ich bin grundoptimistisch.“
Die Hoffnung und Menschlichkeit, die sie erlebt, empfindet Duskova als wertvoll. „Es ist tonnenschwer und gleichzeitig bereichernd. Es ist nicht leicht, aber es erfüllt mich. Es ist eine Wärme, die unter schwierigen Bedingungen umso heller leuchtet.“
Mit einem Segenslied beendet die Pastorin an diesem Sonntag den Gottesdienst in Santa Fu. Nach dem Kaffeetrinken verlassen die Inhaftierten die Anstaltskirche. Duskova verabschiedet sich von den Männern und überreicht jedem eine Rose aus dem Blumenstrauß, der zuvor den Altar zierte. „Vieles, was unser Leben draußen reich und lebendig macht, fehlt im Gefängnis“, beschreibt Duskova. Impulse wie eine Blume „werden intensiver wahrgenommen, mit mehr Dankbarkeit, mit weniger Selbstverständlichkeit“.
Und so nehmen die Gefangenen die Rose mit in ihre Zelle, hegen und pflegen sie dort in Vasen oder Gläsern, begreifen sie als etwas Eigenes, als ein Stück Vitalität in einer Welt, die oft stillsteht. „Alles bekommt hier einen Wert“, sagt die Pastorin. Für acht Jahre hat die Nordkirche sie zur Gefängnisseelsorgerin von Santa Fu berufen. Für sich selbst und ihre Arbeit wünscht sich Duskova weiter „Neugier, Beständigkeit, Zeit – Zeit vor allem“.