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Die Lage ist dramatisch, die Diagnose verheerend. Unser Gesundheitssystem ist krank. Und vor allem teuer: Fast 580 Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr für Gesundheit ausgegeben – dreimal so viel wie 1994, einsame Spitze in Europa. Die Versicherten zahlen Rekord-Beiträge und trotzdem fehlen den Krankenkassen im nächsten Jahr 15 Milliarden Euro. Bis 2030 wächst das Loch auf 40 Milliarden. Es droht der Kollaps.
Auf der anderen Seite ist der Nutzen unseres Systems international bestenfalls Mittelmaß: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt unter dem EU-Schnitt, Kassenpatienten warten teilweise Wochen oder Monate auf einen Termin beim Facharzt.
Gerettet werden soll das System jetzt mit einem radikalen Umbau. Dafür hat die Regierung eine Expertenkommission eingesetzt. Und die haben in dieser Woche geliefert: 66 Reformvorschläge auf 483 Seiten. Es geht ums große Ganze: Ärzte, Kliniken, Pharmafirmen, Krankenkassen – und auch die 75 Millionen gesetzlich Versicherten selbst sollen ihren Beitrag leisten.
Was kommt da auf Deutschland zu? Wie teuer wird Gesundheit? BILD hat alle Reformvorschläge geprüft und erklärt diejenigen, die für unser Leben am wichtigsten sind:
Patienten und Versicherte
Sie sollen stärker zur Kasse gebeten werden, schlagen die Experten vor.
- Die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner soll weg (spart den Kassen 3,5 Mrd. Euro). Ein Mindestbetrag von 200 Euro/Monat für die Ehepartner ist im Gespräch. Dies ist aber politisch hoch umstritten, die CSU ist dagegen, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will zumindest viele Ausnahmen.
- Die Höhe des Krankengelds soll geringer ausfallen. Wer länger als sechs Wochen krankgeschrieben ist, bekommt aktuell 70 Prozent des Bruttogehalts von den Kassen bezahlt – für maximal 78 Wochen. Die Experten schlagen vor: Das Krankengeld soll in dieser Zeit auf 65 Prozent des Gehalts sinken. Mögliche Ersparnis: 1,3 Milliarden Euro.
- Beim Zahnersatz sollen die Patienten stärker belastet werden. Die Experten schlagen vor, den Eigenanteil (heute im Schnitt 764 Euro) zu erhöhen. Kurzfristige Ersparnis für die Kassen: 590 Mio. Euro. Auch würden Kindern und Jugendlichen zu oft unnötige Zahnspangen eingesetzt.
- Die Zuzahlungen sollen steigen. Bislang sind für verschreibungspflichtige Medikamente mindestens 5 und maximal 10 Euro fällig. Künftig sollen sie auf mindestens 7,50 Euro bis 15 Euro steigen. Das bringt 1,9 Mrd. Euro.
- Einige Leistungen sollen ganz aus dem Kassenkatalog gestrichen werden: z.B. Homöopathie und anlasslose Hautkrebs-Screenings.
Gesundheitsökonom Andreas Beivers (46, Fresenius Hochschule) warnt in BILD: „In den vergangenen Jahren sind die Beitragssätze spürbar gestiegen, die Inflation geht auch nach oben. Steigen jetzt z. B. die Zuzahlungen, ist das für Versicherte eine zusätzliche Belastung.“
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Die Experten wollen den Anstieg der Ärzte-Honorare bremsen.
- Die Ausgaben für Arztpraxen sollen deutlich langsamer steigen. Heute bekommen Ärzte für bestimmte Fälle mehr Geld – etwa für schnelle Termine oder neue Patienten. Fällt das weg, könnte es den Kassen 1,3 Milliarden Euro sparen.
- Keine doppelte Bezahlung mehr: Heute kassieren Ärzte für manche Patienten gleich zweimal. Kommt ein Patient z. B. über die Terminservicestelle schneller an einen Facharzttermin, wird die Behandlung extra vergütet. Ersparnis: 700 Mio. Euro.
- Für das Befüllen der elektronischen Patientenakte sollen Ärzte ab 2027 kein Geld mehr bekommen. Einsparung: rund 600 Millionen Euro.
- Corona-Sonderzahlungen sollen wegfallen. Zuschläge für Hygiene in Praxen sollen gestrichen werden. Einsparung: 100 Millionen Euro pro Jahr.
Kliniken
Auch die Kliniken sollen weniger Geld bekommen.
- Tarifsteigerungen für das Klinikpersonal sollen nicht mehr vollständig von den Kassen übernommen werden. Einsparung: 500 Mio. Euro.
- Derzeit bekommen Kliniken für Pflegepersonal extra Geld. Damit soll Schluss sein. Spart 620 Mio. Euro.
- Klinik-Rechnungen an die Kassen sollen strenger kontrolliert werden. Folge: mehr Rückforderungen. Erwartete Einsparung: 1,4 Milliarden Euro.
- Krankenhäuser sollen weniger Fälle einzeln abrechnen können. Behandlungen, die kurz hintereinander stattfinden, sollen häufiger zu einem Fall zusammengefasst werden. Ergebnis: weniger Geld pro Patient. Einsparung: 2,1 Milliarden Euro.
- Patienten sollen öfter eine Zweitmeinung einholen müssen. Vor bestimmten, häufig durchgeführten Eingriffen (z.B. Hüfte oder Knie) wird eine zweite ärztliche Meinung Pflicht. Ziel: unnötige Operationen vermeiden. Einsparung: 150 Millionen Euro.
Intensivmediziner Christian Karagiannidis (52, Uni Witten) betont in BILD, dass die Vorschläge für „Kliniken finanziell harte Zeiten nach einem Jahr der leichten wirtschaftlichen Entspannung“ bedeuten.

Gesundheitsministerin Nina Warken (46, CDU) muss Geld sparen
Foto: Britta Pedersen/dpa
Pharmaindustrie
Pharma-Hersteller sollen den Kassen höhere Rabatte auf Medikamente geben. Das könnte 2,27 Mrd. Euro bringen. Für besonders umsatzstarke und teure Präparate sollen noch einmal höhere Rabatte greifen. Einsparpotenzial: 700 bis 900 Millionen Euro zusätzlich. Eine „vertretbare Minderung ihrer Gewinne“, seien die Folge für Pharma-Hersteller, so Experte Karagiannidis.
Bundeshaushalt
Der Bund soll deutlich mehr für die Krankenkassen-Beiträge von Bürgergeld-Empfängern zahlen. Kommt das Geld komplett aus Steuermitteln statt aus den Kassenbeiträgen, würde das den Krankenkassen 12 Milliarden Euro sparen – der größte Einspar-Brocken der Expertenkommission.
Krankenkassen
Die 93 gesetzlichen Krankenkassen (Verwaltungsausgaben 2024: 13 Milliarden Euro, ca. 130.000 Mitarbeiter) werden von den Experten fast komplett verschont. Lediglich eine Obergrenze für Werbung soll runtergesetzt werden. Mögliche Ersparnis: 70 Mio.

AOK-Chefin Carola Reimann (58) verteidigt im BILD-Gespräch die hohen Ausgaben für die Verwaltung der Krankenkassen
Foto: Christian Lohse/BILD
Prävention
Theoretisch ist hier am meisten zu holen, denn wer gesund bleibt, kostet wenig:
- Weniger Rauchen: Die Tabaksteuer soll deutlich rauf. Zwischen 2027 und 2031 sollen die Steuern jährlich zwischen 2,3 und 3 Cent pro Zigarette steigen. Folge: Die Packung mit 20 Zigaretten würde dann statt 9 Euro 11,68 Euro kosten.
- Weniger harter Alkohol: Auch bei Spirituosen plant die Kommission schrittweise Steuererhöhungen. Ein Beispiel: Jägermeister 0,7 l (13 €, 35 % Vol.) würde ab 2027 etwa 1,35 Euro mehr kosten, ab 2029 insgesamt 3,19 Euro mehr.
- Weniger Zucker: Besonders zuckerhaltige Getränke (Cola, Fanta, Eistee) sollen mehr kosten – oder weniger Zucker enthalten. Bis zu 32 Cent mehr pro Liter sollen fällig sein. Eine Dose Cola wäre dann 13 Cent teurer.
Gesundheitsexperte Prof. Ingo Froböse (69) fordert ein grundsätzliches Umdenken: mehr Prävention statt immer höhere Ausgaben für Reparaturmedizin: „Unsere Krankenkassenbeiträge müssen endlich unsere Gesundheit fördern, anstatt immer mehr Geld in die Rettung einer todkranken und ineffizienten Gesundheitsindustrie zu pumpen.“
Gesundheitsökonom Beivers warnt: „Es muss klar sein: Gelingt keine Reform, steigen die Kosten im Gesundheitssystem weiter, der Faktor Arbeit wird noch teurer und drückt auf die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Die Regierung muss jetzt schnell handeln.“
Bis Ende Juli will Gesundheitsministerin Warken aus den Vorschlägen ein Sparpaket schnüren. Es wird ein hartes Ringen in der Regierung geben, beeinflusst vom Geschrei der verschiedenen Lobbyisten. Warken hat bereits Kompromissbereitschaft angekündigt: „Ich werde die Vorschläge der Kommission nicht eins zu eins übernehmen.“