Das System hält Stand
Expertin: Selbst eine Niederlage wird Putin nicht stürzen
05.04.2026 – 11:06 UhrLesedauer: 2 Min.
Wladmir Putin: Der Kremlchef könnte slbst eine Niederlage im Ukraine-Krieg politisch überstehen, sagt die Sicherheitsexpertin Mariya Omelicheva. (Quelle: IMAGO/Sergei Fadeichev/imago-images-bilder)
Weit verbreitet ist die These, Putin sei Gefangener seines eigenen Krieges. Eine Sicherheitsexpertin zeigt, dass selbst eine Niederlage Putin wohl nicht zu Fall bringen würde.
Eine Strategieexpertin aus den USA stellt eine weitverbreitete Annahme zum Ukrainekrieg infrage: Kremlchef Wladimir Putin sei politisch deutlich stabiler, als es viele Entscheider in westlichen Regierungen lange angenommen hatten. Selbst militärische Rückschläge oder ein Waffenstillstand würden sein Regime demnach nicht zwangsläufig ins Wanken bringen.
In ihrer Analyse bei dem Online-Medium „War on the Rocks“ argumentiert Mariya Omelicheva, Professorin für Strategie an der National Defense University in den USA, dass die verbreitete These einer „existenziellen Falle“ für Putin zu kurz greife. Im Westen werde häufig unterstellt, der russische Präsident könne sich weder eine militärische Niederlage noch einen Friedensvertrag leisten, weil beides seine Herrschaft gefährden würde. Diese Sicht habe maßgeblich die Debatten in Washington geprägt – sowohl unter US-Präsident Joe Biden als auch später im Umfeld von Donald Trump.
Omelicheva hält diese Annahme für problematisch. Putin setzt den Krieg ihrer Einschätzung nach nicht deshalb fort, weil ein Rückzug politisch unmöglich wäre. Vielmehr sei das russische System so gebaut, dass es auch unter hohem Druck stabil bleiben könne. Militärische Niederlagen führten in autoritären Regimen nicht automatisch zu einem politischen Zusammenbruch, schreibt die Expertin. Dafür brauche es in der Regel zusätzliche Faktoren wie eine schwere Finanzkrise, eine Spaltung innerhalb der Machtelite oder den Zerfall des Sicherheitsapparats.
Als entscheidend beschreibt Omelicheva die enge Bindung der russischen Eliten an das bestehende System. Seit den westlichen Sanktionen, vor allem nach Beginn des Angriffskriegs 2022, seien Oligarchen, Sicherheitsapparate und regionale Machtzentren noch stärker vom Regime abhängig geworden. Wer Putin die Loyalität aufkündigt, riskiere Vermögensverluste, Strafverfolgung oder Schlimmeres. Ein geordneter Machtwechsel erscheine für viele Eliten deshalb riskanter als das Festhalten am Status quo.
Auch ein Volksaufstand sei somit unwahrscheinlich. Der Kreml habe den Krieg so organisiert, dass die Belastungen vor allem arme Regionen und ethnische Minderheiten träfen, während große Städte vergleichsweise wenig direkt betroffen seien. Zugleich habe der Staat unabhängige Medien ausgeschaltet, Kritik kriminalisiert und nationalistische Stimmen gezielt eingebunden oder kontrolliert. Unzufriedenheit allein reiche unter diesen Bedingungen nicht aus, um eine breite politische Mobilisierung auszulösen.
Omelicheva warnt davor, Moskau aus Sorge vor einer möglichen Eskalation oder einem Regimekollaps zu schonen. Wer davon ausgehe, Putin müsse um jeden Preis gewinnen, schränke den eigenen Handlungsspielraum unnötig ein. Stattdessen plädiert die Expertin für anhaltende militärische Unterstützung der Ukraine, schärfere wirtschaftliche Maßnahmen gegen Russland und diplomatischen Druck. Ziel müsse es sein, die Kosten des Krieges für den Kreml zu erhöhen – nicht, weil das Regime unmittelbar vor dem Zusammenbruch stehe, sondern weil Verhandlungen für Moskau irgendwann rationaler werden könnten als eine Fortsetzung der Kämpfe.
