Das las sich einigermaßen verzweifelt: „Vielleicht ist jede Zeile, die wir vorschauend veröffentlichen, illusorisch“, schrieb der Tagesspiegel am 6. April 1946. Turbulent ging es zu in der ersten Nachkriegssaison des Berliner Fußballs. Und das hatte nicht nur mit der Herausforderung zu tun, in einer kriegszerstörten und besetzten Stadt einen Spielbetrieb aufzuziehen, sondern auch mit Leistungsstärke, Sportgerichtsbarkeit sowie Spieler- und Fanverhalten.

Auch der Tagesspiegel übte noch. Unsere Zeitung druckte Sportberichte vor 80 Jahren unregelmäßig und ohne festen Platz im Blatt. Überregionales stand hier und da auf den eigentlich Kultur und Wirtschaft vorbehaltenen Seiten, Lokalsport im Berlin-Teil, der letzten Seite der Zeitung. Erste Versuche, das Geschehen zu bündeln, gab es anfangs eher unentschieden wirkend unter wiederkehrenden Überschriften wie „Berliner Sportleben“ oder „Sport-Mosaik“.

Markus Hesselmann, 2022, Autorenportrait, Autorenfoto, Tagesspiegel

Markus Hesselmann hat 30 der 80 Jahre Tagesspiegel-Geschichte als Redakteur miterlebt. Er schaut gern ins Archiv und holt Artikel aus den frühen Jahren unserer Zeitung ans Licht, jetzt auch für diese Kolumne.

Was genau machte nun Spieltagsvorschauen im Frühjahr 1946 „illusorisch“? Reklamiererei, Einsprüche, Entscheidungen am „grünen Tisch“, also nicht auf dem Rasen, sondern durchs Sportgericht. Unwägbarkeit auch ohne VAR.

Tagesspiegel am 6. April 1946

„Die Tabellen der Fußball-Meisterschaften sind durch Maßnahmen vom grünen Tisch etwas durcheinander geraten. Die Durchführung der Punktspiele hätte ruhig etwas großzügiger geschehen können, aber die Bestimmungen im kommunalen Sport sind nun einmal so, daß man den Mannschaften wegen ihrer Einsprüche nicht einmal den Vorwurf der Unsportlichkeit machen kann. Gesetze sind auch im Sport unverrückbar, und bewähren sie sich nicht, dann sollten die Gesetzgeber ein Einsehen haben. Vielleicht ist jede Zeile, die wir vorschauend veröffentlichen, illusorisch, denn die Tabellenführer können inzwischen durch weitere Einsprüche an die letzte Stelle gerückt sein.“

Ohnehin war zum Jahreswechsel 1945/46 der gesamte Spielbetrieb noch einmal durchgerüttelt worden. Die Aufteilung der Staffeln nach Bezirken hatte sich als wenig hilfreich erwiesen. Zu groß waren die Leistungsunterschiede, zu einseitig torreich die Ergebnisse. Langeweile drohte, Zuschauerschwund.

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Deshalb gab es nun vier von der Leistungsfähigkeit her durchmischte Staffeln jeweils mit Mannschaften aller Berliner Himmelsrichtungen. Offensichtlich nicht wettbewerbsfähige Teams wurden aussortiert.

Gleich am ersten Spieltag der neu organisierten Runde gab es – wir zitieren wie immer in damaliger Rechtschreibung – einen „Mißton“. Der eher harmlose Begriff legt nahe, dass so etwas nicht allzu selten vorkam.

Beim Spielstand von 1:1 trifft Reinickendorf-West gegen Schöneberg-Nord kurz vor Schluss zur Führung. Die Gäste reklamieren Abseits. Was nun folgt, beschreibt der Tagesspiegel so: „Der Schiedsrichter blieb bei seiner Entscheidung, worauf Schöneberg-Nord einfach nicht weiterspielte.“

Und dann doch deutlich kommentierend: „Damit zeigte die Elf den schlechtesten Start aller Mannschaften; ihr wird das Spiel natürlich als verloren angerechnet, sie wird sich sehr anstrengen müssen, um durch besonders sportliches Benehmen den ungünstigen Eindruck zu verwischen.“

Reinickendorf-West gegen Schöneberg-Nord? Die Alliierten hatten nicht nur Sportarten verboten, die, wie Fechten oder Schießen, „als vormilitärische Übungen anzusehen sind“ (Tagesspiegel vom 9. Dezember 1945), sondern ließen auch für alle anderen Sportarten die in der NS-Zeit auf Linie gebrachten oder sich selbst „gleichgeschalteten“ Berliner Vereine nicht mehr zu. Sport sollte bis auf Weiteres in kommunalen Gemeinschaften betrieben werden.

Zwei berühmte Teams mit Anlaufschwächen

Dementsprechend gab es auch keine Hertha, sondern die SG Gesundbrunnen, und kein Union, sondern die SG Oberschöneweide. Beide „Sportgruppen“ spielten übrigens in der ersten Nachkriegssaison wenig erfolgreich und qualifizierten sich weder für die Vierer-Endrunde um die Berliner Meisterschaft, noch für die erste Stadtliga-Saison 1946/47, dann mit zwölf Mannschaften ohne Unterteilung in Staffeln.

Gesundbrunnen schaffte den Aufstieg in die Stadtliga erst 1949. Für Oberschöneweide begannen schneller wieder bessere Zeiten: 1947 und 1948 gewannen die „Eisernen“ den Berliner Pokal, benannt zunächst nach dem Drahtfunk, dann dem Rundfunk im amerikanischen Sektor, denn aus dem DIAS wurde der RIAS.

SG Oberschöneweide in der Nachkriegszeit Die Mannschaft der SG Oberschöneweide mit dem Berliner Pokal.

© Archiv des 1. FC Union Berlin

1947 gelang Oberschöneweide auch der Aufstieg in die Stadtliga. Der sofortige Gewinn der Meisterschaft machte das Double komplett. Im Viertelfinale der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft unterlagen die Berliner 0:7 gegen den FC St. Pauli vor 70.000 Zuschauern im Olympiastadion. Da hatte die Berlin-Blockade bereits begonnen und mit ihr eine ganz andere, eine geteilte deutsch-deutsche Fußball-Geschichte…

„Disput im Mittelfelde“

Zurück also in die erste Nachkriegsspielzeit, in der sich „Mißtöne“ und Entscheidungen am „grünen Tisch“ bis ins Saisonfinale im Juli zogen: „Es wurde am Sonntag nicht nur am Vormittag in der Hasenheide geboxt, sondern auch am Nachmittag auf dem Hertha-Platz am Gesundbrunnen“, schrieb der Tagesspiegel. „Das hatte aber mit Sport nichts zu tun. Das Entscheidungsspiel um die Fußball-Meisterschaft 1946 wurde zu einem traurigen Kapitel in der Geschichte des Berliner Sports.“

An der Plumpe standen sich Wilmersdorf und Prenzlauer Berg-West gegenüber. „Es gab bei gleichwertigen Leistungen auf beiden Seiten eine Fülle schöner Torszenen; ein richtiges Kampfspiel, das rund 15.000 Zuschauer zufriedenstellte.“ So der Tagesspiegel zunächst.

Doch dann: „Disput im Mittelfelde“. Der Prenzlauer Berger Heinz Behnke, dem zuvor ein Tor aberkannt worden war, wollte offenbar nun ein Tor der Wilmersdorfer nicht hinnehmen. Er wurde vom Platz gestellt und ging auf den Schiedsrichter los.

„Inzwischen überfluteten Tausende den Platz“, so der Tagesspiegel weiter, „der Schiedsrichter wurde zu Boden geschlagen, Polizei rückte an — das Spiel war fünf Minuten vor Schluß geplatzt.“

Wilmersdorf wurde zum Sieger und Berliner Meister erklärt, Heinz Behnke „aus der Fußball-Sparte für dauernd ausgeschlossen“. Dass dauernd nicht ewig heißt, legt ein Blick auf Transfermarkt.de nahe, wo Heinz Behnke von 1950 bis 1952 als Spieler des Hohenschönhausener SC in der DDR-Liga geführt wird.

Den bemerkenswerten Spielbericht (“Trauriges Ende einer Meisterschaft“), der es trotz aller sportlichen und sonstigen Brisanz nicht schaffte, das in Berlin seinerzeit äußerst beliebte Boxen vom obersten Platz im „Sport-Mosaik“ zu verdrängen, können Sie hier lesen.

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Damit hatte Berlin schon in der ersten Saison einen Doublesieger im Fußball. Denn die SG Wilmersdorf, größtenteils identisch mit dem BSV 92, den „Störchen“, die es als Berliner Altmeister schon zu sportlichem und literarischem Ruhm (“Elf Freunde müsst ihr sein“ von Sammy Drechsel) gebracht hatten, war zuvor bereits im „Endkampf“ (Tagesspiegel vom 15. März 1946) um den Berliner Pokal erfolgreich gewesen.

Der Sport sollte entmilitarisiert und entnazifiziert werden, doch Begrifflichkeiten wie „Endkampf“ oder „Endsieg“ hielten sich. Guter Wille und unguter Sprachgebrauch zeigen sich im Folgenden beispielhaft an einem typischen Wort aus dem Nazi-Vokabular: „ausmerzen“.

Tagesspiegel am 9. Dezember 1945

„So wurde jede deutsche Sportstätte sozusagen zum Truppenübungsplatz und zum Kasernenhof. Dieser Spuk hatte zur Folge, daß unser Sport völlig in Trümmer ging. Aus diesem Trümmerhaufen soll der deutsche Sport wieder sauber und als das erstehen, was er einmal war: Eine Gemeinschaft friedlicher Menschen. Und darum muß mit schärfsten Mitteln alles ausgemerzt werden, was dieser schweren Prozedur hemmend im Wege steht. Betrachten wir die Beschlüsse des Kontrollrates und die Beseitigung der Vereine als vorübergehende Maßnahmen, so müssen wir uns doch noch längere Zeit gedulden, bis der deutsche Sport wieder das Ansehen früherer Zeiten neu erwerben kann.“

Dies im sonst so sprachkritischen Tagesspiegel, in dem sogar das eher unauffällige Wort „nachdem“ in einem bestimmten, kausalen Gebrauch als Nazi-Sprech dekonstruiert worden war.

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Ohnehin übte man ja noch Sportberichterstattung. Überregional ging es am 18. März 1946 um eine „hohe Niederlage“ der SpVgg Fürth gegen den VfB Stuttgart. Wie hoch? Das Ergebnis fehlte im Text. Stuttgart gewann 6:0. Für uns Heutige ein wenig beruhigend, wenn auch niemals entschuldigend, dass die Altvorderen auch nicht fehlerfrei waren.