Von dramatischen Arbeitsbedingungen bei Kaufland hatten bereits geraume Zeit zuvor Gewerkschafter berichtet. So sollte es beim Lebensmittelhändler in Homburg zu extremen Auswüchsen gekommen sein, unter denen Beschäftigte zu leiden hatten. Dann sollte es noch dicker kommen: Verdeckte Reporter der RTL-Redaktion Team Wallraff schauten sich an mehreren Standorten um, um unerkannt hinter die Kulissen des Konzerns zu blicken. Auch in Homburg.

RTL-Reporter berichteten von Mäusebefall bei Kaufland in Homburg

Was sie dabei aufdeckten, schlug Anfang April vergangenen Jahres ein wie eine Bombe. Journalisten wollten verheerende Bedingungen festgestellt haben. In einer Sendung des Kölner Privatsenders berichteten sie über unhaltbare Zustände. Unter anderem war von Mäusebefall in die Backwarenabteilung des Warenhauses in der saarpfälzischen Kreisstadt die Rede.

Sie sollten in Decken und Böden hausen, hieß es dazu nach Recherchen des Magazins Stern und des TV-Senders RTL. Besonders viele gebe es in der Backwarenabteilung. Den Journalisten sollten filmische Belege vorliegen, dass innerhalb von sechs Stunden unter nur einem Regal fast 50 Mal eine Maus zu sehen war.

Damals Vorwürfe von Verdi zu Umgang mit Personal durch Management

Eine Kaufland-Sprecherin habe bestätigt, dass es einen „Schädlingsbefall“ gebe. Dementsprechend werde gehandelt. Technisch und baulich werde dagegen vorgegangen. Die Reporter sollen zuvor in 50 Filialen bundesweit unterwegs gewesen sein. Mehrfach habe es auch erhebliche Beanstandungen an der Hygiene in Kühltheken gegeben.

Gleichzeitig hielt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) im Saarland ihre Vorwürfe aufrecht, die sie bereits im Oktober 2023 über die Saarbrücker Zeitung öffentlich gemacht hatte. Damals hieß es, dass nach einem wegen stockender Tarifverhandlungen ausgerufenen Warnstreik am Standort in der saarpfälzischen Kreisstadt daran beteiligte Mitarbeiter „gegängelt und massiv unter Druck gesetzt worden sein“. Das sagte Verdi-Sekretär Thomas Müssig. Nach den darauffolgenden Stern- und RTL-Recherchen sollte es diese Probleme auch im April 2025 weiterhin gegeben haben.

Kaufland-Zentrale in Neckarsulm reagierte: Laden sofort dicht, Verantwortliche abgezogen

Die Konzernzentrale zog daraufhin Konsequenzen. Nach SZ-Recherchen war der bis dahin in Homburg tätige Hausleiter in Homburg umgehend seinen Job los. Der örtliche Kaufland-Chef war suspendiert worden. Auch in einer weiteren Filiale sei es zu einem ähnlichen Schritt gekommen. Ein Unternehmenssprecher der Kaufland-Zentrale in Neckarsulm äußerte sich im April 2025 auf SZ-Anfrage zur Entwicklung in Homburg: „Wir können bestätigen, dass wir die Hausleitung in Homburg neu strukturieren.“ Weitere Details gab es bis dahin aber nicht.

Nach Bekanntwerden der offenbar mangelnden Hygiene wurde umgehend die Filiale im Homburger Stadtteil Erbach geschlossen. Bereits am Tag nach der TV-Sendung blieb das Warenhaus ab 4. April 2025 dauerhaft geschlossen. Gleichzeitig kündigte die Konzernleitung bundesweit Millioneninvestitionen und einen neuen Markt für Homburg an.

Komplett-Sanierung über mehrere Monate in der Saarpfalz-Stadt

Und die Konsequenz aus dem Skandal bekamen dann auch die Mitarbeiter und Kunden umgehend zu spüren: „Die Filiale wird für eine grundlegende Sanierung für rund sechs Monate geschlossen“, hieß es in der Pressemitteilung aus der Kaufland-Zenrale. Für einen zweistelligen Millionenbetrag sollte bis zum Ende des Jahres „eine moderne Kaufland-Filiale“ entstehen. Eigentlich sei bis dahin eigentlich eine Sanierung im laufenden Betrieb ab Mai vorgesehen gewesen. Die „Beschleunigung“ der Arbeiten sei Reaktion auf die besonders schweren Hygienevorwürfe im Erbacher Markt.

Im Oktober 2025 gab es Neuigkeiten: Die Umbauarbeiten liefen auf Hochtouren, Kaufland investierte rund zehn Millionen Euro für neue Technik, optimierte Abläufe und ein überarbeitetes Gesamtkonzept, hieß es dazu. Gleichzeitig sollten Mitarbeiter auf Hygiene „für die Rückgewinnung des Kundenvertrauens“ geschult werden.

Das ist der aktuelle Stand am Kaufland-Standort Homburg

Seitdem steht die rund 4500 Quadratmeter große Verkaufsfläche vollständig umgebaut Einkäufern zur Verfügung. Unter anderem war der Boden neu gefliest worden. Regale und Technik waren ebenfalls ausgetauscht worden. Für Kunden sorgt seitdem ein modernes Leitsystem dafür, sich besser im Markt zu orientieren. Bis zu jenem Donnerstag im November, als Kaufland seine Pforten in Homburg wieder eröffnete, waren die betroffenen Beschäftigten anderweitig untergebracht.

Bis zur Übernahme durch Kaufland im April 2022 handelte es sich in Homburg um eine Filiale der mittlerweile abgewickelte Handelskette Real. Mit den Beschäftigten wechselte auch der einstige Real-Führungsriege zu Kaufland. Bis zum Skandal arbeiteten nach Konzernangaben an die 80 Menschen dort. Kaufland mit bundesweit mehr als 80 000 Mitarbeitern gehört wie der Discounter Lidl zur Schwarz-Gruppe.