Allein, dass es da ein Libretto von Picander gibt und dazu Aufführungsdaten! Dies beflügelte seit 1964 eine erkleckliche Schar von (Kirchen-)Musikern, forschend und nachschöpferisch tätig zu werden. Und so existieren heute um die 20 Versuche einer Rekonstruktion jener Markus-Passion, die J. S. Bach 1731 und 1744 in Leipzig aufführte. Auch der respektierte niederländische Alte-Musik-Spezialist Ton Koopman stellte eine Fassung der Passion (wieder) her, während andere frisch im barocken Stile Bachs tonsetzten und ein musikalischer Jünger dazu gar eine Zwölftonreihe heranzog. 

Bachs Markus-Passion: Es gibt keine gesicherten Quellen

Skrupulös arbeitete wohl ein jeder – und doch ist die Spanne enorm zwischen denen, die begründet überzeugt sind von ihrer Authentizitätsannäherung, und jenen, die erklären: Es gibt keine gesicherten Quellen dazu, ob Bach die Musik zu Picanders Text komponiert hat – oder es überhaupt hätte tun wollen. Was aber sagt das Bach-Archiv zum Rätsel Markus-Passion? Es stellt trocken fest: „verschollen“.

Nun hat besagte Passion der Madrigalchor und die Capella von und in der Kirche St. Anna aufgeführt – in der Rekonstruktion von A. F. Grychtolik (2009/2014), für die sich Kantor Johannes Eppelein argumentativ schlagend auch im vorzüglichen Programmheft einsetzt. Grychtolik tat das, was die meisten der Rekonstruktionen in naheliegender, ja historisch verbürgter Weise tun: Werke Bachs, die er in anderem Zusammenhang komponiert hatte, dem Text Picanders zu unterlegen. Reichlich Material dazu existiert weiß Gott – zuerst in den multifunktionalen Bach-Choralharmonisierungen, aber auch in der Trauerode „Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl“ (1727). Und dann gibt es noch Bachs authentische Passionen unter den Evangelisten-Namen Johannes und Matthäus, bei denen wiederverwertend ausgeborgt werden darf. „Befiehl du deine Wege“, dieser wunderschöne Choral, den der Madrigalchor einmal mehr ergreifend intonierte, gehört nachweislich zu Bachs Matthäus-Passion und zur Markus-Passion in Picanders Libretto.

Aussagekräftig und lebendig interpretiert der Madrigalchor die Choräle über der Fugger-Gruft in St. Anna

Insgesamt die Choräle: Sie haben in absoluter Zahl und im gesetzten relativen Zeitrahmen einen hohen Anteil an dieser Markus-Passion – in St. Anna ausgeführt vor der Fronleichnamsgruppe Hans Dauchers über der Fugger-Gruft. Der Madrigalchor hat dankbar viel zu tun, und es gehörte zu den schönsten Momenten dieser Passionsmusik in der Todesstunde Jesu, wie er – mal homophon, mal polyphon – durch Johannes Eppelein angeregt wurde, aussagekräftig-lebendig zu agieren. Bei Tendenz zu zügigen Tempi bestach die differenziert-eindringliche Gestaltung: hier eine demonstrative Spannungspause, da ein starker Akzent, dort ein langes Crescendo plus Accelerando. Schließlich dann hohe Dramatik beim Mordsgeschrei des Volkes, unterstützt von der mit Streichern, Holzbläsern und Orgel besetzten Capella.

Dieses Mordsgeschrei wendet Picander in einer Sopran-Arie sprachlich etwas unbeholfen in ein „Angenehmes Mordsgeschrei“, gesungen in St. Anna von dem blitzend-silbernen Sopran von Anna-Lena Elbert. Ihr zur Seite stand Mezzo Franziska Bader, die u. a. glänzte in ihrer „Empörungsarie“ über die „Falsche Welt“. Abgesehen von seiner finalen Erlösungs- und Hoffnungsarie war der Bariton Andreas Burkhart auf die unheilvollen Partien dieser Markus-Passion abonniert, während Tenor Oliver Kringel als stark beanspruchter Evangelist den traurig-frohen Markus-Bericht weich und leichtgängig überbrachte. Fokussiert, mit charaktervollem Bass-Kern: Raphael Sigling als Jesus. Starker Applaus nach Gedenken.          

  • Rüdiger Heinze

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