Dass ein Punkt im Endspurt um den Klassenerhalt bei einer 1:0-Führung und einer 20-minütigen Überzahl eine zu geringe Ausbeute ist, darin waren sich beim Fußball-Bundesligisten FC Augsburg nach dem 1:1 beim Hamburger SV alle einig. Trainer, Spieler und Sport-Direktor Benni Weber, der das Ergebnis sechs Spieltage vor Saisonschluss einordnete. „Insgesamt kann man mit einem Punkt in Hamburg auf jeden Fall leben. Aber es gab verschiedene Phasen. So haben wir uns phasenweise schon als Sieger gefühlt. Aber am Ende, als die hektische Phase aufkam, waren wir glücklich, dass wir mit einem Unentschieden rausgegangen sind.“
Denn besonders zum Ende hin mündete die temperamentvolle Partie in ein wildes Duell, in dem beide Mannschaften ihre bis dahin konzentriert durchgezogene Struktur und Disziplin über Bord warfen. „Es ist ok, dass so etwas mal passiert, in solch einem Stadion mit so großen Emotionen. Das ist einfach ein Hexenkessel und es fällt schwer, Dinge zu kontrollieren“, zeigte Weber Verständnis dafür, dass der FCA noch ins Schwimmen geriet.
Für den FC Augsburg trifft Arthur Chaves
Dabei hatten die Gäste bis zur 60. Minute durch ein Tor von Arthur Chaves (22.) geführt und die Partie weitgehend im Griff. Erst eine Unaufmerksamkeit im Augsburger Mittelfeld nutzte der HSV zum Gegenschlag, Torjäger Ransford Königsdörffer erzielte mit einem fulminanten Schuss den Ausgleich. Nur vier Minuten später sah HSV-Kapitän Miro Muheim für eine Notbremse an Anton Kade Rot. Ab diesem Zeitpunkt hätte der FCA die Partie zu seinen Gunsten drehen können.
Entsprechend unverständlich war es für Trainer Manuel Baum, dass sich seine Schützlinge von der darauffolgenden Hektik und Emotionalität der Hamburger aus dem Konzept bringen ließen. „Die ersten zehn Minuten sind wir damit ganz gut umgegangen, haben die Struktur durchgehalten. Wenn eine Mannschaft in Überzahl ist, muss man aber aufpassen, dass man den Gegner nicht ins Spiel holt. Das haben wir natürlich massiv gemacht“, ärgerte sich Baum über die mangelnde Cleverness seines Teams.
Hamburger fordern aggressiv Handelfmeter
Denn die Hamburger zogen alle Register, forderten aggressiv Handelfmeter bei einer Ballberührung von FCA-Verteidiger Cedric Zesiger. Völlig ungerührt von der Tatsache, dass der Arm ordnungsgemäß am Oberkörper angelegt war. Schiedsrichter Deniz Aytekin zog denn auch nach Ansicht der Videobilder die Elfmeter-Entscheidung zurück. Der Volkspark tobte. In dieser aufgeheizten Stimmung verlor der FCA zusehends die Kontrolle. So sah sich Keven Schlotterbeck gezwungen, Vieira zu hart auszubremsen (87.). Eine Gelbe Karte mit Folgen, der FCA-Kapitän ist damit für das Heimspiel am Freitag (20.30 Uhr) gegen die TSG Hoffenheim gesperrt.
„Das müssen wir uns vorhalten lassen, einmal die mangelnde Klarheit in manchen Aktionen und vor allem dieses Chaos und Strukturlose, was wir in den letzten 15 Minuten an den Tag gelegt haben“, kritisierte Trainer Baum. Allerdings verteilte er auch Lob für die Vorstellung bis zur 60. Minute, in der sein Team deutliche Verbesserungen im Vergleich zum desolaten 2:5 gegen den VfB Stuttgart zeigte.
Wolf und Gregoritsch rotieren in die FCA-Startelf
Ausfälle hatten Baum gezwungen, seinen Kader umzubauen. So war Krisitjan Jakic nicht mitgereist, weil er mit muskulären Problemen von seinen Länderspieleinsätzen für Kroatien zurückgekehrt war, und Han-Noah Massengo fühlte sich am Morgen des Spieltags unwohl und saß nur auf der Bank. Die Aufgabe der beiden im Mittelfeld teilten sich Robin Fellhauer und Fabian Rieder, auf der rechten Außenbahn kam Marius Wolf und in die Sturmspitze beorderte Baum Michael Gregoritsch. Nicht ohne Hintergedanken, schließlich hat der 31-jährige Österreicher zwei Jahre von 2015 bis 2017 beim HSV gespielt.
Schiedsrichter Aytekin nimmt Freistoß-Entscheidung zurück
Das dürfte auch ein Vorteil gewesen sein, als er in der meistdiskutierten Szene des Spiels zur Hauptfigur wurde. Gregoritsch war kurz vor der Halbzeitpause in einem Zweikampf mit Fabio Vieira an der Strafraumgrenze gefallen. Schiedsrichter Aytekin entschied auf indirekten Freistoß für den FCA. Doch dann kamen ihm Zweifel, er eilte zu Gregoritsch und fragte bei diesem nach, ob er nun gefoult worden sei oder nicht. Dieser verneinte. Aytekin nahm seine Freistoß-Entscheidung zurück.
Eine ausgesprochene Fair-Play-Geste von Gregoritsch. „Ich kenne den Deniz schon ewig. Seit zehn Jahren Bundesliga. Da kann man schon mal kurz quatschen. Ich habe immer probiert, fair zu sein“, wollte Gregoritsch selbst die Sache nicht zu hoch hängen. FCA-Coach Baum lobte ebenfalls die „Superaktion“, wenngleich er nicht glücklich war über Aytekins Vorgehensweise. „Ich finde es trotzdem nicht gut, dass der Schiedsrichter den Spieler frägt. Denn was wäre gewesen, wenn er gesagt hätte, es war keins? Dann wäre er jetzt der Buhmann. Wenn ich Schiedsrichter wäre, würde ich die Verantwortung nicht auf den Spieler abschieben.“ Dank des erfahrenen Gregoritsch aber löste sich die Situation auf diese unkonventionelle Weise – begleitet von Anerkennung und Lob auf beiden Seiten.
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Andrea Bogenreuther
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