Die Wanduhr mit dem schwarz-weißen Zifferblatt tickt ein paar Minuten lang vorwärts, um dann abrupt die Richtung zu wechseln, und das immerzu.
Die Uhr, ebenso angejahrt und windschief wie beinahe alles in diesem einstigen Büroraum im Frankfurter Bahnhofsviertel, ist ein perfektes Symbol für das, was hier gerade geprobt wird. Man spielt heute – und es ist zugleich der 16. September 1848. In Frankfurt sind rings um die Paulskirche Barrikaden errichtet. Im Inneren realisieren die Abgeordneten, dass ihre Zentralgewalt überhaupt nichts bewirken kann. Der Waffenstillstand von Malmö ist über ihre Köpfe hinweg beschlossen worden. Tumult vor den Türen, Tumult zwischen den Fraktionen. „Wir sind gefangen!“, schreit einer. Heinrich von Gagern ruft „Ruhe!“ und bimmelt.
Wolfram Koch in der Rolle des Gagern klettert auf einen Heizkörper und schwingt seine Messingglocke, bis der Klöppel sich löst und krachend auf dem Fußboden landet. Großes Gelächter. Gagern sei ein bisschen gaga, witzelt einer. Koch klettert wieder herunter vom Heizkörper und versucht, die Glocke zu reparieren. Anna Böger, die zusammen mit Constanze Becker und Katharina Kurschat die in der Geschichte vergessenen Frauen in die Paulskirche bringen wird, berichtet von 4000 Toten nach dem Aufstand in Wien.
Sie alle, aus Film und Fernsehen ebenso bekannt wie durch ihre Auftritte auf hiesigen Bühnen, gehören zu den elf „professionellen und zum Teil prominenten Schauspielern“, mit denen die „Passionsspiele der Demokratie“ an drei Tagen in der Paulskirche nichts weniger schaffen wollen, als die Geschichte mit der Gegenwart und Zukunft zu verbinden – zum Wohl der Demokratie. Als Beschwörung einer Denk- und Staatsform, der allenthalben bescheinigt wird, sie stecke in einer tiefen Krise.
Drei Tage dauern Proben in der Paulskirche
Ein bisschen spielt der Titel „Passionsspiele“ auch darauf an. Und darauf, dass die Vorstellungen, die am 15., 16. und 18. Mai in der Paulskirche stattfinden sollen, so lange dauern wie waschechten Passionsspiele in Oberammergau. Man muss sich einen Tag lang dafür Zeit nehmen – als Publikum wie als Mitspieler.
Dafür ist die Stimmung ausgesprochen aufgeräumt in der nunmehr dritten Probenwoche. Und das, obwohl alle wissen, dass ein ungeheures Programm vor ihnen liegt. Proben, bisweilen mit mehreren Dutzend Leuten, können sie nur in den beengten Räumen im Bahnhofsviertel, wo die Fäden von Produktion, Kostüm, Maske zusammenlaufen. „Wir haben nicht die Infrastruktur eines Theaters, es ist ein freies Projekt“, sagt Regisseur Maxime Mourot.
Konzentration: Bei den Proben für die „Passionsspiele der Demokratie“Sophie Boyer
30 Jahre alt und noch nie mit einer so großen Aufgabe betraut, nimmt er es sportlich-gelassen. Nur drei Tage wird er mit den elf Profis und rund 150 weiteren Beteiligten in der Paulskirche selbst üben können. Logistisch ist nicht mehr möglich. Und nur ein Tag ist für die technische Einrichtung geplant. Kopf des Ganzen und Verfasser des Stücks, das auf Originaldokumenten beruht, ist der Frankfurter Autor, Theatermacher und Hochschullehrer Peter Michalzik, der auch die Geschäfte der Passionsspiele führt, die ihr Budget von rund 750.000 Euro einer langen Liste öffentlicher und privater Förderer verdanken.
Projekt auch für Theater-Unerprobte konzipiert
Schon anlässlich des Paulskirchen-Jubiläums 2023 hatte Michalzik sich mit den historischen Figuren und ihren Reden befasst, damals spielte Michael Quasts Volksbühne über vier Tage hinweg eine chorische Verdichtung originaler Reden in Miniauftritten, die Michalzik und Quast verfasst hatten. Daraus sind nun vier Akte geworden.
Acht Stunden mit großzügigen Pausen werden die „Passionsspiele“ dauern. Mit „Vorglühen“ in der Naxos-Halle, gemeinsamem Zeitunglesen und Essen, mit einer Prozession durch die Stadt zur Paulskirche, wie es einst die Protestgruppen 1848 taten.
Jung und unerschrocken: Regisseur Maxime MourotSophie Boyer
Dort hebt das historische Spiel an, mit Band, gemischtem Chor und Publikumsspielen. Mit Interventionen verschiedener Gruppen, mit Schulklassen, Eintracht-Fans und der Folkloregruppe Linsengericht, die das Heute in das Drama des ersten deutschen Demokratieversuchs holen. Diese Gruppen haben ganz autonom gearbeitet, wie das Ganze sich zusammenfügt, wird man erst bei der Premiere sehen.
Ein bisschen Hybris, sagt Mourot grinsend, gehöre zu seinem Berufsbild. Aufgeregt sei er schon gewesen, als er diesen Job antrat, in jüngster Zeit hat er mehr Musiktheater gemacht, das helfe dabei, von Stellproben aus das Ganze mitzudenken. Und dank guter Vorbereitung und einem Team vertrauter Kollegen in Produktionsleitung, Ausstattung und Musik fühlt er sich wie zu Hause.
Außerdem habe er „ein extrem mitdenkendes Ensemble. Michael Quast hat unglaublich viel Wissen, und es gibt von allen sehr viel Gespür und eine Zusammenarbeit, die ich sehr mag. Ich bin der Käpt’n, der alles zusammenschrauben muss, aber es nimmt mir viel ab, wenn alle mitdenken.“ Entstehen soll ausdrücklich ein Projekt, das nicht nur erprobte Theatergänger anzieht, sondern ein ganz gemischtes Publikum.
„Wichtig ist die Meinung aller“
In den langen Pausen zwischen den Akten könne man sich auch einfach mal an den Main setzen und den Kopf wieder frei bekommen, sagt Mourot. Er hat in Frankfurt Regie studiert, einer seiner ersten Lehrer an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst war Michalzik, einige Kommilitonen von einst hat Mourot neben den berühmten älteren Kollegen ins Ensemble geholt. Und auch Schauspielprofessor Werner Wölbern spielt mit. Als Friedrich Hecker kann er lautstark „Verrat!“ poltern, man merkt nicht nur ihm an, dass die Sache Spaß macht.
Quast sitzt unterdessen tiefenentspannt auf seinem Bürostuhl und erklärt den anderen, warum der Verfassungsprozess letztlich scheitern musste, auch wenn noch bis 1849 in Frankfurt gerungen wurde, in Stuttgart, in Gotha. Als Robert Blum spielt er einen der Abgeordneten, die das nicht mehr miterlebten: Blum wurde in Wien am 9. November 1848 hingerichtet. Auch dafür steht der Begriff „Passionsspiele“ – wie viele Tote, auch in Frankfurt, es gegeben hat, ist in der Erinnerung an die erste Demokratie auf deutschem Boden so gut wie vergessen.
Wenn Quast als Blum seine letzte Rede hält, wird es ganz still unter den Kollegen. „Wir werden nie den Krieg und die Rache überwinden, wenn wir nicht die Demokratie finden“, sagt er. „Herrschaft aller, das heißt nicht, dass jeder etwas zu sagen hat, dass meine eigene einzelne Meinung wichtig ist. Meine Meinung ist unwichtig. Wichtig ist die Meinung aller. Und diese Meinung muss gefunden werden.“ Willkommen in der Gegenwart. Die Uhr wechselt die Laufrichtung – mal wieder.
Die Passionsspiele der Demokratie finden am 15., 16. und 18. Mai jeweils von Nachmittag an in der Paulskirche statt. Ablauf und kostenlose Tickets: passionsspielederdemokratie.de