Nach den Ausschreitungen beim Zweitliga-Spiel zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC werden die Debatten über Konsequenzen für die Vereine immer heftiger geführt. So lieferten sich am Dienstag CDU, Grüne und das Bündnis Sahra Wagenknecht hitzige Wortgefechte im Sächsischen Landtag.
Innenminister Armin Schuster (CDU) hatte die Vorfälle am Wochenende als Ausdruck einer „Gewaltfolklore“ bezeichnet und angekündigt, seine Geduld sei „am Ende“. Die Grünen warnten vor pauschalen Eingriffen in die Freiheitsrechte zulasten friedlicher Fans, während die BSW-Fraktion eine deutlich härtere Linie forderte und dabei auch eine finanzielle Beteiligung der Klubs an Polizeieinsätzen bei sogenannten Hochrisikospielen nicht ausschließen wollte.
Parallel arbeitet die Polizei die Ereignisse umfangreich auf. Die Dresdner Polizeidirektion hat eine Ermittlungsgruppe mit dem Namen „Fahne“ eingerichtet, die aus 14 Beamtinnen und Beamten besteht und von der Berliner Polizei unterstützt wird. 19 Ermittlungsverfahren wurden bislang eingeleitet, darunter wegen schweren Landfriedensbruchs, Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigungen. Dazu wurden mehr als 330 Gigabyte an Videomaterial gesichert.
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In Dresden eskalierte die Lage in einem Ausmaß, das in der aktuellen Debatte um die Stadionsicherheit in Deutschland auch die Vereine selbst überraschte. Anhänger beider Klubs zündeten zunächst Pyrotechnik, bevor vermummte Gruppen über die Zäune kletterten, in den Innenraum gelangten und sich gegenseitig attackierten. Pyrotechnik wurde als Waffe eingesetzt, Dresdner Anhänger entwendeten eine Hertha-Fahne und verbrannten sie. Das Spiel musste zweimal unterbrochen werden, 750 Polizeikräfte waren im Einsatz.
Im Hertha-Block wurde in Dresden ordentlich gezündelt.
© Imago/Jan Huebner
Schon das Hinspiel im Berliner Olympiastadion am 1. November des vergangenen Jahres war ein Hochrisikospiel mit 30 Festnahmen und einem umstrittenen Polizeieinsatz. Damals blieben größere Eskalationen aus.
Die Ausschreitungen vom vergangenen Samstag gelten als negativer Höhepunkt in einer Saison, die bereits zuvor von mehreren sicherheitsrelevanten Vorfällen in den beiden deutschen Topligen geprägt war (Beispiele, Auflistung ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
Beim Ostduell in Magdeburg wurden nach Polizeiangaben 70 Beamte verletzt, 17 davon mussten im Krankenhaus behandelt werden. Sogar wegen des Verdachts auf versuchten Mord wurde ermittelt. Etwa 250 FCM-Anhänger versuchten in der Halbzeitpause, den Gästeblock zu stürmen, und bewarfen anrückende Einsatzkräfte mit Steinen, Absperrgittern, Mülltonnen, Stühlen, Toiletten, Gehwegplatten und sogar einem Gullydeckel. Polizisten wurden außerdem mit Pyrotechnik beschossen.
Fans von Dynamo Dresden versuchen nach den Attacken der Magdeburger, aus ihrem Block zu kommen.
© Imago/Christian Schroedter
Rund 600 Beamte aus mehreren Bundesländern waren im Einsatz. Bereits am Vorabend des Spiels hatte die Polizei ein verabredetes Aufeinandertreffen von rund 90 Dresdner und 50 Magdeburger Anhängern verhindert. Die Behörden gehen von einer gezielt herbeigeführten Eskalation aus, nachdem am Spieltag zudem eine abgeklemmte Sicherheitskamera entdeckt worden war. Das Innenministerium sprach von „brutaler Gewalt“, Polizeigewerkschaften forderten harte Konsequenzen bis hin zu Geisterspielen, letztlich wurden daraus zwei Magdeburger Heimspiele mit Teilausschluss von Fans.
Beim Berliner Heimspiel gegen Schalke kam es zu Jahresbeginn bereits vor Anpfiff zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans an der Ostkurve. 21 Polizisten und 31 Fans wurden verletzt, Pfefferspray und Schlagstöcke kamen zum Einsatz, Videos zeigen entsprechende Szenen vor den Eingängen. Die Ultras der Ostkurve verließen geschlossen die Tribüne und verweigerten den Support, sie sprachen von einer „Eskalationsspirale“ der Polizei. Der Vorfall löste in Berlin eine Debatte über Einsatzkonzepte bei Hochrisikospielen aus.
In Köln kam es sowohl im Stadion als auch im Umfeld zu erheblichen Ausschreitungen, an denen vor allem Frankfurter Anhänger beteiligt waren. In der Südkurve wurden Pyrotechnik und Böller gezündet, Fluchtwege zeitweise blockiert und Ordner bedrängt oder verletzt. Wiederholt flogen Gegenstände in Richtung des Kölner Blocks. Im Umfeld wurde ein Fanbus des FC attackiert. Mehrere Personen wurden verletzt.
Nach dem Südwest-Derby im Wildparkstadion kam es zu teils schweren Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Klubs. Direkt nach Abpfiff stürmten Heim- und Gästefans aufeinander zu, es kam zu Schlägereien sowie Würfen von Gegenständen. Polizei und Ordner verhinderten laut Einsatzbilanz großflächige Ausschreitungen zwischen mehreren hundert Fans nur knapp.
Nach dem Abpfiff kam es zu Übergriffen der Fangruppen von KSC und FCK.
© dpa/Uli Deck
Mindestens sechs Menschen wurden verletzt, darunter zwei Ordnungskräfte schwer. Die Polizei ermittelte wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Fünf FCK-Fans wurden vorübergehend festgenommen. Sowohl der KSC als auch der FCK verurteilten die Vorfälle, warfen sich aber gegenseitig Fehler beim Ordnungsdienst und beim Umgang mit der Situation im Stadion vor.
Beim Spitzenspiel in Dortmund entschieden sich die Ultras des FC Bayern nach einem Polizeieinsatz vor dem Gästeblock für einen Boykott. Rund 500 organisierte Anhänger blieben dem Spiel fern, nachdem es im Einlassbereich zu Auseinandersetzungen mit Einsatzkräften gekommen war, bei denen laut Fanangaben Schlagstöcke und Pfefferspray zum Einsatz kamen. Die Dortmunder Ultras solidarisierten sich mit den Gästen und kritisierten die Polizei mit Bannern und Gesängen. Ordner wurden im Gedränge verletzt, die Polizei sprach von „Problemen bei der Fantrennung“.
Fans warnen vor pauschalen Verurteilungen
Der bundesweite Fan-Verbund „Unsere Kurve“ verurteilte die Ausschreitungen in Dresden, warnte jedoch deutlich vor pauschalen Schlussfolgerungen. Pyrotechnik sei „ein Stilmittel und dürfe nicht als Waffe eingesetzt werden“, Gewalt habe im Stadion keinen Platz, hieß es in der Stellungnahme.
Zugleich kritisierte die Organisation Dresdens Innenminister Schuster. Dessen Rede von einer „Gewaltfolklore“ folge einem bekannten Muster, „bei dem einzelne, besonders prägnante Bilder herausgegriffen und anschließend zur allgemeinen Bewertung der Fankultur überhöht werden“. Vor den Ausschreitungen sei in Dresden „Werbung für die deutsche Fankultur“ gemacht worden – mit Choreografien und „mustergültigem Pyroeinsatz ohne Schäden“.
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Zusätzlichen Druck erzeugt die wachsende Sanktionspraxis des Deutschen Fußball-Bundes. Laut der Strafentabelle der Saison 2025/26 auf fussballmafia.de mussten mehrere Vereine bereits sechsstellige Summen für Fanvergehen bezahlen, überwiegend wegen Pyro-Verstößen.
In der Spitzengruppe der sanktionierten Klubs finden sich hinter Spitzenreiter Hamburger SV auch Eintracht Frankfurt, Hertha BSC und Dynamo Dresden. Die steigenden Strafen befeuern die Diskussion, ob Vereine künftig nicht nur für Regelverstöße, sondern auch für polizeiliche Großeinsätze finanziell in die Pflicht genommen werden sollen.