Der „Nudeldampfer“

In Sachsen steht eines der berühmtesten Häuser der Welt

Aktualisiert am 09.04.2026 – 02:51 UhrLesedauer: 2 Min.

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Blick auf die Villa Schminke (Archivbild): Hinter dem ungewöhnlichen Haus steckt eine ungewöhnliche Geschichte. (Quelle: IMAGO/imageBROKER/Petr Svarc)

Nur knapp eine Stunde von Dresden entfernt liegt ein Haus, das aussieht wie ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff. Besucher können darin sogar übernachten.

Wer zum ersten Mal vor der Villa Schminke in Löbau steht, traut seinen Augen kaum. Strahlend weiße Rundungen, bunte Bullaugenfenster, Geländer wie auf einem Ozeandampfer – und das mitten in der Oberlausitz. Das Haus sieht aus, als wäre es aus einer anderen Zeit Tatsächlich wurde es in den 1930er-Jahren erbaut. Und es gilt als eines der wichtigsten Wohnhäuser der Welt.

Von Dresden aus erreicht man dieses Architekturwunder in gut einer Stunde über die A4. Die 90 Kilometer lohnen sich: Hier steht ein Gebäude, das Architekturfreunde aus Japan, den USA und ganz Europa anlockt.

Hinter dem ungewöhnlichen Haus steckt eine ungewöhnliche Geschichte. Fritz Schminke leitete in Löbau eine der größten Nudelfabriken Deutschlands. Seine Anker-Nudeln kannten Hausfrauen im ganzen Land. Mit seiner Frau Charlotte besuchte er Ende der 1920er Jahre mehrere Architekturausstellungen – und war begeistert vom neuen, modernen Bauen.

1930 beauftragten die Schminkes den Architekten Hans Scharoun mit ihrem Traumhaus. Der entwarf später die berühmte Berliner Philharmonie. Für die Löbauer Familie schuf er etwas völlig Neues: ein Haus, das aussieht wie ein Schiff und sich anfühlt wie ein Abenteuer.

Wer heute durch die Räume geht, erlebt Architektur, die ihrer Zeit Jahrzehnte voraus war. Riesige Glasfronten zum Garten, fließende Übergänge zwischen den Räumen, kaum feste Wände. Bei Sonnenschein werfen runde Glasscheiben in der Decke bunte Lichtpunkte auf den Boden.

Die Küche stammt aus derselben Zeit und funktioniert noch immer. Sie war damals revolutionär durchdacht: kurze Wege, clevere Einbauten, praktisch für den Alltag. Charlotte Schminke hatte sich das so gewünscht – schließlich sollte das Haus mit nur einer Haushaltshilfe zu bewirtschaften sein.

Das Glück der Familie währte nur zwölf Jahre. 1945 floh sie vor der Roten Armee, die das Haus beschlagnahmte. Die Nudelfabrik wurde enteignet. Charlotte nutzte das 1946 zurückgegebene Haus bis 1950/51 als Erholungsheim für bombengeschädigte Kinder, dann zog die Familie nach Niedersachsen und vermietete es an die Stadt.

In der DDR wurde das Haus erst FDJ-Klubhaus, später Pionierhaus. Die gute Nachricht: Die Substanz überlebte. Die Schlechte: Jahrzehnte ohne richtige Pflege hinterließen tiefe Spuren. Nach der Wende verzichteten die Töchter großzügig auf eine Rückübertragung – unter einer Bedingung: Das Haus sollte öffentlich zugänglich bleiben.