Janine Sauter steht inmitten historisch anmutender Schränke und zieht eine schwere Holzschublade auf. Im Inneren lagern, sorgsam geordnet, Buchstaben aus Blei. „Maxima halbfett“ steht auf dem Namensschild. „Die Maxima ist für uns gerade wichtig, da wir sie für unser Konzept benutzt haben,“ erklärt Sauter. Sie kam aus Zürich an die HGB und ist nun im sechsten Semester in der Klasse von Schriftgestalter Ondřej Báchor eingeschrieben.

Für die Ausstellung „A Typographic Atlas“ hat sie sich mit anderen Studierenden auf die Suche nach verborgenen Schrift-Schätzen in der Werkstatt für Handsatz gemacht.

DDR-Schrift Maxima: ein Ausflug in die HGB-Geschichte

Für die Studentin eröffnete sich mit der Schrift Maxima eine Tür in die Geschichte der Hochschule. HGB-Schriftgestalter Gert Wunderlich entwarf die Maxima 1969. „Deshalb wollten wir das als Verbindung zu diesem Ort hier nutzen,“ berichtet die Studentin. „Wir wollten sie mal groß und sichtbar machen und aus den schweren Schränken rausholen.“ Nun leuchtet die Maxima in riesigen, signalroten Buchstaben von den weißen Wänden der Hochschulgalerie.

Im Kontrast zu ihren klaren Formen wimmelt es auf den Schauwänden im Ausstellungsraum nur so von vielfältigen Gestaltungsideen. Schriftzeichen, mal weich, mal eckig, futuristisch anmutend oder klassisch und schlicht. Dazu Ziffern und Symbole – auch aus anderen Schriftsystemen, beispielsweise der arabischen oder asiatischen Kultur.

Wie werden Schriftarten verwendet – möglicherweise manipuliert und präsentiert?

Ondřej Báchor, Professor für Type-Design in Leipzig

Schriftgestaltung verstehe sich als kulturelle Praxis, erläutert Ondřej Báchor das Konzept seiner Lehre: „Wir suchen nach unterschiedlichen Wegen der Formfindung. Uns interessiert nicht nur die Geschichte der Schriftgestaltung, sondern auch ihre Verwendung im Grafikdesign. Also, wie werden Schriftarten verwendet – möglicherweise manipuliert und präsentiert?“

Ein Atlas der Schriften zum Durchwandern

Die Idee zur Ausstellung „A Typographic Atlas“ entstand an der Kunsthochschule ECAL in Lausanne. Studierende aus 30 Ländern haben ihre Entwürfe zu einer Art Atlas zusammengeführt. Einem, in dem man nicht blättern, sondern den man in Form dieser Ausstellung durchwandern kann. Nach Einladung von Ondřej Báchor kam die Schau nach Leipzig. Seine Studentinnen und Studenten bereicherten sie mit eigenen Arbeiten und machen den Galerieraum zum temporären Klassenraum.

Ausstellungsbesucherinnen und -besucher sollen so den Entstehungsprozess neuer Schriften miterleben können. Schrift ist das, was wir alle teilen, meint die Leiterin der HGB-Galerie, Ilse Lafer. „Wir verständigen uns mit Zeichen. Ob das jetzt sprachliche Zeichen sind oder andere, es sind immer Übersetzungen von Zeichen.“ Diese Erfahrung möchte man in der Ausstellung vermitteln. „Und auch, dass dahinter immer Menschen stehen,“ ergänzt Lafer. „Diese Menschen sind nicht nur Handwerkerinnen, sondern Künstlerinnen, denn sie erschaffen etwas.“

Welche Schrift eignet sich für Proteste unserer Zeit?

Nagyeong Heo ist eine dieser Künstlerinnen. Für ihre Schrift Forta ließ sie sich von den Protest-Plakaten der Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts inspirieren. Bei der Recherche stieß sie auch auf einen Entwurf der 1924 geborenen Designerin Anna Maria Schildbach. Ihre eigene Schrift Forta sei eine Art Remake, erklärt Nagyeong Heo: „Ich habe überlegt, welche Schriftart zu einem Protest passen würde“.

Wie eine Schrift aussieht, ist natürlich wichtig, aber genauso wichtig ist für mich die Geschichte dahinter.

Nagyeong Heo, Studentin an der HGB

Schildbachs Schrift Montan gefiel Nagyeong Heo aufgrund ihrer kräftigen Form. Sie überarbeitete die Buchstaben, entwarf zudem noch Zeichen dazu. Ihre Neugestaltung der Schrift ist auch eine Reminiszenz an Anna Maria Schildbach, als eine der ersten Schriftgestalterinnen, berichtet Nagyeong Heo: „Wie eine Schrift aussieht, ist natürlich wichtig, aber genauso wichtig ist für mich die Geschichte dahinter. Zu wissen, wer sie entworfen hat, wann und zu welchem Zweck.“

Einen bestimmten Zweck hat auch Nagyeong Heo mit ihrer Neugestaltung im Sinn, die sie im Rahmen der Ausstellung präsentieren wird. Vielleicht, so hofft die Studentin, verwendet jemand ihre Forta, um seinen Protest gut sichtbar auszudrücken. Anlässe gibt es ja zu Genüge. Jede Zeit, das zeigt „A Typographic Atlas“ auf faszinierende Weise, bringt ihre eigenen Schriften hervor, gewachsen auf dem Humus vergangener Epochen.