Jeder fünften französischen Tankstelle fehlt nach dem Osterwochenende zumindest eine Treibstoffklasse. An den ersten Flughäfen in Italien können Fluglinien kein Kerosin mehr nachtanken, und manche Beobachter weisen darauf hin, dass die nächste Etappe der Energiekrise den Tankzusatz AdBlue betreffen könnte, ohne den moderne Dieselmotoren nicht rund laufen. Doch was tut Ursula von der Leyen, die Präsidentin der nach eigener Definition „geopolitischen Kommission“?

Sie flicht ihrem Geburtsland Niedersachsen lyrische Lobeskränze. „Auch jetzt, ob ich aus Brüssel oder aus Australien komme, es ist die Weite des Blickes – über Wiesen und Felder. Es sind die Moore. Die faszinierende Schönheit des Wattenmeers, der Harz mit seinen dichten Wäldern, das verwunschene Wendland“, ergab sich von der Leyen am Dienstag in Hannover anlässlich der Auszeichnung mit der Niedersächsischen Landesmedaille in impressionistischer Gebrauchsprosa.

Sagen wir es so: Im Angesicht der schwersten Energiekrise seit den Erdölschocks der 1970er-Jahre ist den meisten Bürgern Europas das verwunschene Wendland wurscht. Die Kommission weist seit Jahren darauf hin, dass sich die Europäer eine stärkere Führungsrolle der EU in allem wünschen, was mit Sicherheit und Wohlstand zu tun hat. Wann, wenn nicht jetzt, wäre von der Leyen aufgerufen, diesen Wunsch des Volkes zu erfüllen?

Doch Fehlanzeige. Von der Leyen hat sich, wenn man von ihrer Hannoveraner Medaillenrede absieht, zuletzt vor einer Woche öffentlich geäußert. Sie habe ein „gutes Telefonat“ mit dem britischen Premier, Keir Starmer, absolviert, teilte sie in den sozialen Medien mit.

Schon klar, dass es die Präsidentin in der Osterwoche ein bisschen lockerer angehen wollte. Nur warten Weltkrisen leider nicht darauf, bis der Wellness-Akku europäischer Amtsträger wieder aufgeladen ist. Was also ist der Plan der Kommission, um den Bürgern angesichts erdrückender Energiekosten beizustehen? Ein schlimmer Verdacht drängt sich auf: Es gibt keinen. Vor fast zwei Wochen hat Energiekommissar Dan Jørgensen eine „Werkzeugkiste“ an Maßnahmen angekündigt. Seither herrscht Funkstille.

Ähnlich sieht es in der Frage aus, welchen Beitrag die EU zur dauerhaften Befriedung des Nahen Ostens leisten könnte – vor allem zur Wiederherstellung der freien Seefahrt durch die Meerenge von Hormus. Die iranische Diktatur hat hier Gefallen am Geschäftsmodell der Wegelagerei gefunden. Doch von den Kommissionsprechern hört man nur die Fürbitte, dass das Recht der friedlichen Durchfahrt ein Allgemeingut sei. Ja, eh. Nur wie setzt man es durch?

Die Kommission sieht, wie die gesamte EU, dem üblen Spiel im Nahen Osten hilflos zu. Einzig Spaniens Ministerpräsident, Pedro Sánchez, rettete zumindest rhetorisch Europas Ehre, indem er den Waffenstillstand so kommentierte, er werde einem Brandstifter keinen Applaus stiften, bloß weil dieser einen Kübel Löschwasser heranschleppe.

Gewiss ist der Handlungsspielraum der EU in beiden Fragen eng. Aber es gibt ihn. Die EU, Japan und Südkorea sind zum Beispiel Käufer von rund 60 Prozent des globalen Flüssiggases. Das Brüsseler Forschungsinstitut Bruegel schlägt vor, dass die drei sich koordinieren, um sich beim Auffüllen der Gasspeicher für den nächsten Winter nicht gegenseitig zu überbieten. Hat von der Leyen, hat irgendjemand in Europa schon die Fühler nach Tokio und Seoul ausgestreckt? Wir wissen es nicht. Gewissheit haben wir nur darin, dass die Union in der gegenwärtigen Form nicht imstande ist, existenzielle Krisen zu bewältigen.

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