Karlsruhe. „Das Paradies ist Geschichte. Das Grau des Betons, der Baustellen und der Anonymität hat sich über die Städte und ihre Bewohner:innen gelegt.“ Dystopisch beginnt die Ouvertüre zu „Paradise Found“, einem Digitaltheaterprojekt des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, das über zwei Spielzeiten hinweg angelegt ist und stetig wächst. Paradiesisch sind indes die Orte, in die die Teilnehmenden der rund zweistündigen Audiotour, ausgestattet mit Tablets und Kopfhörern, Einblicke erhalten.

Es ist die „Weite“, die „Freiheit, gleichzeitig irgendwie Geborgenheit“, die Ruhe oder auch die Magie, und es sind die Menschen – erklären die Stimmen aus dem Off ihr Paradies, während der Weg mehrere Mixed-Reality-Stationen, etwa beim Naturkundemuseum, dem ZKM Zentrum für Kunst und Medien und in eine kleine Kneipe, ansteuert. Der Weg ist das Ziel, der Stadtraum die Bühne. Begleitet wird das Ganze von Musik von Paul Brody, komponiert aus den Sprachmelodien der im Vorfeld mit Karlsruher und Karlsruherinnen geführten Interviews, die nach ihrem persönlichen Paradies gefragt wurden. Das Libretto bleibt das gesprochene Wort– gesungen, gesprochen und getanzt von den verschiedenen Ensembles des Badischen Staatstheaters.

Die Tour „Paradise Found“ ist eine von zahlreichen Veranstaltungen des Festivals „Und jetzt! Wochen der Nachhaltigkeit“, das vom 21. April bis 19. Juli in Karlsruhe stattfindet. 2025 gab es noch die „Tage der Nachhaltigkeit“.

Das Netzwerk Nachhaltige Kultur in Karlsruhe wächst

Doch das Netzwerk Nachhaltige Kultur in Karlsruhe, das von Karlsruher Einrichtungen aus Kultur, Wissenschaft und Bildung 2024 gegründet wurde und Veranstalter ist, wächst. Mit dabei sind neben dem Badischen Staatstheater etwa das Tollhaus, das ZKM und die Staatliche Kunsthalle. Ziel des Netzwerks ist es, sich gegenseitig bei ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltigem Handeln im Kulturbetrieb zu unterstützen und auszutauschen.

„Die Zusammenarbeit ist letztlich unsere Zukunft“, sagt Anna Haas, Transformationsmanagerin Nachhaltige Kultur beim Badischen Staatstheater. „Durch die thematische Bündelung können wir den Veranstaltungen eine größere Sichtbarkeit geben.“ Mit dem Festival wolle das Netzwerk Kunst und Wissenschaft, verschiedenste Publika und Kunstformen zusammenbringen, „um Gedankenräume für eigene Überlegungen zu öffnen“.

Das Festival startet mit dem Theaterstück „Zukunft ist jetzt: Hinterlassenschaft“ über die Praxis des Vererbens. Das ZKM öffnet das Hertzlab „MARS! Governance“, um zu erproben, wie Gesellschaften in einer lebensfeindlichen Umgebung wie auf dem Mars funktionieren könnten, und in der Jungen Kunsthalle gibt es einen Workshop zum Flickenteppiche weben.

Aus den Tagen der Nachhaltigkeit wurden Wochen

Weiter stehen Lesungen, Konzerte, Theater, Filme und Symbiosen auf dem Programm. Unter letztere fällt etwa das Konzert Symphonic Slam mit Werken von Antonio Vivaldi und Ludwig van Beethoven und Poetry Slam. Beim Offenen Foyer im Tollhaus stellen sich lokale Initiativen zum Thema vor.

„Uns ist es wichtig, nicht ständig Verlustmeldungen, sondern auch was Schönes zu erzählen“, sagt Haas zum vielfältigen Programm, „zu sagen, wir können etwas machen, auch ein großes Festival. Deshalb haben wir aus Tagen Wochen gemacht. Deshalb zeichnen wir keine düsteren Szenarien, sondern zeigen Handlungsräume und -möglichkeiten auf und machen Selbstwirksamkeitserfahrungen möglich.“

Finanziert wird das Ganze jeweils aus den bereits vorhandenen Budgets der teilnehmenden Einrichtungen. Lediglich „Paradise Found“ wird im Rahmen des Programms „ Fonds Zer0 “ der Kulturstiftung des Bundes gefördert mit dem Ziel, langfristige Strategien der Nachhaltigkeit daraus ableiten zu können.

Mit den Wochen der Nachhaltigkeit ist es in Karlsruhe allerdings, was das Thema betrifft, nicht getan: Quasi parallel, am 9. und 10. Juni findet in der Fächerstadt das dritte Green Culture Festival (siehe Kasten) statt. Schauplatz ist das Tollhaus Karlsruhe , das Leitthema: „Durchatmen. Was kommt, was bleibt, was geht? Kultur zwischen Innovation, Resilienz und Exnovation.“

Die Green Culture Anlaufstelle wurde im September 2023 noch unter der damaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) gegründet. Einmal im Jahr richtet sie das Green Culture Festival als zentrale Netzwerkveranstaltung aus. Das erste Green Culture Festival feierte seine Premiere im UNESCO-Welterbe Park Sanssouci in Potsdam. Im vergangenen Jahr fand es im PACT Zollverein auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein in Essen statt. Das Festival bringt Akteure und Akteurinnen aus Kultur, Medien und Kulturverwaltung zusammen, macht aktuelle Entwicklungen sichtbar und bietet eine Plattform für Austausch und Vernetzung.