Wenn Sarah Richter früher Feierabend hatte und auf dem Weg nach Hause war, hatte sie schon Bauchschmerzen, wenn sie nur an den nächsten Arbeitstag dachte. Zehn Jahre lang hat die 32-Jährige aus Kornwestheim ein Leben geführt, das sie nicht wollte. Dann wagte sie die Veränderung. Inzwischen hat sie als Sängerin ihre Berufung gefunden.

Dass sie einmal einen ungewöhnlichen Job machen würde, danach sah es zunächst nicht aus. Nach dem Abitur folgte die gebürtige Fellbacherin dem Rat ihrer Eltern, etwas „Vernünftiges“ zu lernen. Sie entschied sich für ein BWL-Studium. „Schon im ersten Jahr habe ich gemerkt, dass es nicht das Richtige für mich ist“, gesteht sie. Dennoch habe sie die vollen drei Jahre durchgezogen. „Weil man das eben so macht.“ Und weil sie sich ihre Zukunft nicht durch den Studienabbruch verbauen wollte.

Sie konnte nicht sie selbst sein

Im Anschluss war sie einJahr lang als Au-pair in den USA. Die Arbeit mit Kindern habe sie geliebt. „Aber ich kam trotzdem nicht auf die Idee, danach etwas anders zu machen“, erklärt sie. So ging sie weiter ihren scheinbar vorbestimmten Weg: Sie nahm eine Stelle im Bereich Versicherungen an.

Fünf Jahre verbrachte sie in dem „Goldenen Knast“, wie sie ihre frühere Arbeit nennt. Der Verdienst sei gut gewesen. „Aber ich konnte nicht ich selbst sein“, sagt sie rückblickend. Sie tröstete sich damit, dass schließlich viele Menschen Geld verdienen müssen und sie an den Wochenenden ja Zeit für Dinge habe, die ihr Spaß machen.

Mit der Hochzeit ihres Bruders im Jahr 2018 änderte sich aber auch das Leben von Sarah Richter. Er bat seine Schwester, bei den Feierlichkeiten zu singen. Zum Schein lehnte die heute 32-Jährige ab, bereitete jedoch heimlich ihren Auftritt vor, um das Brautpaar zu überraschen. „Die Rückmeldungen waren toll“, sagt sie über das Ereignis. Allmählich setzte bei ihr ein Umdenken ein.

Schon als Kind fühlte sich die Kornwestheimerin der Musik verbunden. Sie sang im Chor, ahmte Stars nach, spielte Instrumente und legte den Schwerpunkt im Abitur auf die Musik. Doch bis dato war ihr nicht der Gedanke gekommen, dass sie mit dem Gesang auch Geld verdienen könnte. Erst nach dem Auftritt auf der Feier entstand die Idee, künftig als Hochzeitssängerin zu arbeiten.

Nachfrage ist von Beginn an sehr groß

Viel Zuspruch erhielt sie von ihrem Mann, dem sie nach der Trauung in Las Vegas im vergangenen Jahr bereits in wenigen Wochen erneut in einer freien Zeremonie das Ja-Wort geben will. Auch ihre Freunde ermutigten sie zu der Veränderung. Anfangs hatte Sarah Richter nicht erwartet, dass das Singen zu ihrem ausschließlichen Beruf werden könnte. Doch im ersten Jahr, 2019, kamen bereits so viele Buchungen zusammen, dass sie ihre Stelle bei der Versicherung kündigen konnte.

Am Mikrofon lebt Sarah Richter auf. Foto: privat/Sarah Richter

Vor allem in der Hauptsaison, die bald wieder startet, sind die Wochenenden schon recht stressig, räumt die 32-Jährige ein. Aber die Dankbarkeit der Paare und die gute Stimmung bei ihren Auftritten machen ihre Arbeit erfüllend, sagt sie. Auch die Freiheiten und die Flexibilität, die sie jetzt hat, genieße sie.

Freunden und Bekannten zuliebe willigte sie nach einiger Zeit ein, auch bei Trauerfeiern zu singen. Vor dieser Aufgabe hatte sie zu Beginn großen Respekt. Inzwischen schätzt sie es, mit ihrem Gesang auch Trost und Kraft vermitteln zu dürfen.

Ein musikalisches Doppelleben

Ein komplettes Kontrastprogramm sind dagegen die Konzerte mit der Partyband Die Grafenberger, die sie augenzwinkernd als ihr „musikalisches Doppelleben“ bezeichnet. Beim Frühlingsfest wird sie zum Beispiel demnächst als Frontfrau volkstümliche Lieder, Rock und Pop beim Wasenwirt singen. Rund 80 Mal ist sie mit der Band im Jahr insgesamt unterwegs. Die Auftritte vor großem Publikum sorgen bei Sarah Richter immer wieder für ein überwältigendes Gefühl.

Doch nach den Sternen möchte die 32-Jährige nicht greifen. Eine Karriere als Popstar, ein eigenes Album oder zu großer Berühmtheit gelangen, das sei nichts für sie. „Ich bin glücklich so, wie alles gerade ist“, betont sie. Was sie jetzt lebe, sei schon ein wahrgewordener Traum. Ihr sei es sogar lieber, beim Gassigehen mit dem Hund nicht erkannt zu werden. Deshalb hat Sarah Richter ihre Bewerbung für ein Castingformat im Fernsehen wieder zurückgezogen. „Ich habe gemerkt, dass ich das nicht will.“