11.04.26 – Am vergangenen Osterwochenende waren die Kirchen der Region mal wieder voll – Familien kommen beim höchsten Fest des Christentums zusammen, gehen gemeinsam in die heilige Messe. Im restlichen Jahr wird es abseits der Hochfeste allerdings immer leerer in Deutschlands Gotteshäusern – nicht nur in der katholischen, sondern auch in der evangelischen Kirche. Doch woran liegt das? Ist der Glaube oder vielleicht doch nur die Kirche unattraktiver geworden?
Sowohl bei den Protestanten als auch bei den Katholiken stagnieren die Zahlen seit Jahren. Die Zahl der katholischen Kirchenmitglieder sank laut Angaben der Bischofskonferenz um etwa 550.000 auf 19,22 Millionen. Laut Statistik der EKD sank die Zahl der Mitglieder um 580.000 Protestanten auf etwa 17,4 Millionen. Ein Trend, der sich schon seit längerem abzeichnet. Auch die Statistik des Bistums Fulda zeigt, dass in Osthessen die Zahlen zurückgehen.
Die Mitgliederzahlen stagnieren seit Jahren. Als Quelle diente die Statistik der …Grafik: O|N
Scheitert die Kirche an der modernen Welt?
O|N-Volontär, Philipp Gerhard Foto: Victor Brühl
Seit einiger Zeit wird bei kirchlichen Institutionen ein Bestreben immer deutlicher: attraktiv für Jugendliche, cool, hip und modern zu werden. Leider scheinen all die Versuche, an Social-Media-Trends anzuknüpfen und eine junge Zielgruppe online für sich zu gewinnen, weitgehend ins Leere zu gehen. Liegt es eventuell an der Stigmatisierung, dass Kirche eher etwas für „alte Menschen“ ist, oder daran, dass krampfhaftes „Modern-sein-wollen“ in der Regel immer das Gegenteil bewirkt? Einen Zuwachs konnten weder die katholische noch die evangelische Kirche in den letzten Jahren verzeichnen.
Insbesondere in ländlichen Gegenden wie Osthessen wird vor allem bei Jugendlichen eines klar: Man fühlt sich mit der Kultur und auch dem Glauben in gewisser Weise verbunden. Das ganze Drumherum allerdings schreckt viele, bereits getaufte Katholiken und Protestanten ab. Zwar heiratet man später kirchlich und tauft wieder seine Kinder. Man findet zurück auf die Kirchenbank, wenn die eigenen Sprösslinge Kommunion, Firmung oder Konfirmation feiern. All das geschieht in vielen Fällen aber eher aus Gewohnheit und „weil es eben schon immer so war“. Eine Identifikation mit der Kirche fehlt also meist, obwohl ein Glaube an höhere Mächte doch recht verbreitet ist.
Symbolbild: O|N /Martin Engel
Dazu kommt, dass sich seit Jahren eine allgemeine Hoffnungslosigkeit in der Gesellschaft auszubreiten scheint. Kriege, Krisen und Naturkatastrophen lassen auch Menschen in nicht unmittelbar betroffenen und eher friedlichen Regionen wie Osthessen nicht kalt. Predigten von einer heilen Welt, die gerade durch den Glauben geschaffen werden könnte, wirken für viele, vor allem auch junge Menschen, realitätsfern und vor allem nicht lösungsorientiert. Viele Geistliche stoßen aus diesem Grund oft auf taube Ohren, die gar nicht mehr zuhören wollen und die alten Phrasen leid sind.
Kirchliche Institutionen leisten wichtige Beiträge – was, wenn aber die Mitglieder fehlen?

Archivfoto: O|N / Marvin Myketin
In vielen Diskussionen darüber, wie unzeitgemäß, veraltet und nicht mehr gesellschaftsfähig die Kirche doch angeblich sei – rückt allerdings insbesondere ein Aspekt in den Hintergrund: das ehrenamtliche Engagement. Kindergärten mit kirchlicher Trägerschaft machen ein Drittel aller Kitas aus. Die Caritas engagiert sich deutschlandweit und international für Bedürftige. Auch Johanniter sowie Malteser haben ihren Ursprung in der evangelischen und katholischen Kirche und leisten einen zentralen Beitrag für die medizinische Versorgung in Deutschland.
Mit sinkenden Mitgliederzahlen verschwinden über Jahre hinweg auch Freiwillige, die sich sozial engagieren, und finanzielle Mittel. Auch in kleineren Gemeinden und im ländlichen Raum könnte also irgendwann etwas Vertrautes fehlen, auch wenn kirchliche Institutionen natürlich nicht die einzigen sind, die sich ehrenamtlich einbringen. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass solche Ehrenämter immer unterstützenswert sind, ganz egal, ob man sich der Kirche zugehörig fühlt oder nicht.
Kann die Kirche sich noch selbst retten? Archivfoto: O|N
Die zentrale Frage lautet also: Wie kann die Kirche sich selbst retten? Ein erster Schritt könnte sein, sich nicht zu verstellen, sondern die eigenen Positionen zu reflektieren und auch Strukturen an die Moderne anzupassen. Auch die Arbeit auf sozialen Medien, die immer bedeutsamer wird, sollte neu gedacht werden. Vielleicht sollte man genau bei denjenigen nachfragen, was sie verbessern würden, die der Kirche eher nicht wohlgesonnen sind
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