Berlin, Schönhauser Allee im Jahr 1988

Berlin, Schönhauser Allee im Jahr 1988

Foto: dpa/Reinhard Kaufhold

Fehlender bezahlbarer Wohnraum und ein Anstieg der Kaltmieten in Berlin um 70 Prozent in zehn Jahren – das berge Sprengstoff, bemerkt Bernt Roder, Leiter des Museums Pankow. Das Problem müsse gelöst werden. Wie es einem Museum zusteht, befasst sich ein gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für raumbezogene Sozialforschung ausgerichtetes Symposium in der Aula der Volkshochschule an der Prenzlauer Allee am Freitag mit historischen Ereignissen: mit dem Streit über Abriss oder Sanierung von Häusern in den 80er Jahren im Stadtbezirk Prenzlauer Berg am Beispiel der Rykestraße. Aber es könnten einige Schlussfolgerungen für die derzeitige Situation gezogen werden.

Am Vorabend des ausgebuchten Symposiums hält Kathrin Meißner einen ebenfalls sehr gut besuchten Vortrag über die Sanierung von Prenzlauer Berg in den Jahren 1971 bis 1989. Sie hat dazu ihre Dissertation geschrieben. Seinerzeit war Prenzlauer Berg noch ein eigener Stadtbezirk. Erst bei der Gebietsreform im Jahr 2001 wurde er mit Pankow und Weißensee zusammengelegt.

Kathrin Meißner beginnt ihren Vortrag mit Szenen aus dem 1980 publizierten Kinderbuch »Malle, Kalle und das alte neue Haus« von Horst Miethe: Das alte Haus soll modernisiert werden. Die Bewohner wünschen sich Badezimmer. Es fehlt Zement, der vom Parteisekretär erst organisiert werden muss. Am Ende wird alles gut. Es ist ein bisschen, wie die SED sich das wünschte mit ihrem 1973 beschlossenen Wohnungsbauprogramm. Es sollten bis 1990 in der DDR drei Millionen Quartiere entstehen, vor allem durch Neubau an den Stadträndern, aber auch durch die Rekonstruktion von Altbauten. Das Kinderbuch deutet jedoch auch die Probleme an, die dabei zu lösen waren.

Es gab die in der DDR allgegenwärtigen Materialengpässe. Es gab Zeitverzögerungen. Es gab auch Konflikte mit den Bewohnern der Altbauten – beispielsweise am Arnimplatz in Prenzlauer Berg. Hier sollten 15 Blöcke modernisiert werden und die Bewohner einstweilen in Ausweichquartiere umziehen. Doch da auch Grundrisse verändert und sehr kleine Wohnungen zusammengelegt werden sollten, durften nach Abschluss der Bauarbeiten nicht alle zurückkehren, die das wollten. Es war aber insbesondere Rentnern wichtig, im gewohnten Umfeld mit den altbekannten Nachbarn zu bleiben. Es wollten weniger Menschen in die eigentlich begehrten Neubauviertel von Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf umsiedeln als vorgesehen.

Senioren sorgten sich außerdem wegen höherer Mieten. Das hat Kathrin Meißner bei ihren Nachforschungen überrascht. Zwar sind heutzutage angekündigte Modernisierungen für Mieter eine existenzielle Bedrohung. Doch in der DDR waren die hinterher leicht angehobenen Mieten immer noch spottbillig im Vergleich zu den Löhnen. Die Renten allerdings waren keineswegs üppig.

Mitte der 70er Jahre lebten in Prenzlauer Berg rund 200 000 Menschen in 91 000 Wohnungen. Es war angedacht, die Zahl der Quartiere auf 58 000 zu reduzieren. Ein Drittel der Bevölkerung hätte wegziehen müssen. Bis 1987 war die Bevölkerungszahl tatsächlich auf 150 000 gesunken. Es gab aber 97 000 Wohnungen. Der Stadtbezirk hatte ab 1976 ein erstes Neubauviertel mit 3000 Wohnungen an der Greifswalder Straße erhalten, später auch noch die Hochhäuser im Ernst-Thälmann-Park, der an der Stelle eines abgerissenen Gaswerks angelegt wurde. Die Sprengung der denkmalwürdigen Gasometer sorgte 1984 für Kritik, die weit über oppositionelle Kirchenkreise hinausreichte.

Zwar spricht Meißner von »Machtasymmetrien« im autoritären Staat« und einseitiger Kommunikation. Sie berichtet aber auch von umfangreichen Haustürgesprächen, die der Modernisierung am Arnimplatz vorausgingen. Da äußerten die Anwohner durchaus ihre Wünsche und es wurde im weiteren Verlauf mit Kritik nicht hinterm Berg gehalten. Anderswo machten Hausgemeinschaften Eingaben, auch die oft sehr wirksamen Wahleingaben, bei denen gedroht wurde, nicht zur nächsten Wahl zu gehen, wenn Mängel nicht behoben würden. Da eine sehr hohe Wahlbeteiligung politisch erwünscht war, ließ sich mit solchen Androhungen etwas bewirken.

Die Gegend um den Arnimplatz war nach einem Magistratsbeschluss von 1972 zur unverzüglichen Modernisierung vorgesehen. Währenddessen sollten Gebiete im Süden des Stadtbezirks zunächst nur instand gehalten oder sogar für den Abriss vorbereitet werden. In den Mietskasernen aus der Gründerzeit mit engen Hinterhöfen waren insbesondere die Seitenflügel und Hinterhäuser in einem schlimmen Zustand. Bröckelnde Fassaden und undichte Dächer waren keine Seltenheit.

»Überwiegend handelt es sich um Mietskasernen, die, wenn sie überhaupt einen kulturhistorischen Wert haben, dann nur den des Belegs für eine Zeit und einen Geist, in denen sich der Klassencharakter der alten Gesellschaft … offenbarte.«

Günter Schabowski SED-Bezirkschef

Während dann zwischenzeitlich vom Abriss Abstand genommen wurde, der nur noch in Ausnahmefällen erfolgen sollte, gab es 1988 eine nochmalige Kurskorrektur. Es wurde erneut auf den Neubau gesetzt, um die Ziele des Wohnungsbauprogramms zu erreichen. Denn Rekonstruktionen hatten sich als kompliziert herausgestellt. Am Arnimplatz waren in den ersten drei Jahren lediglich 1500 von 4000 Wohnungen fertig geworden. Später ging es zwar schneller und am Arkonaplatz hatte sich gezeigt, dass eine Modernisierung auch kostengünstiger sein kann als ein Neubau. Günter Schabowski, Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, formulierte jedoch im März 1989: »Überwiegend handelt es sich um Mietskasernen, die, wenn sie überhaupt einen kulturhistorischen Wert haben, dann nur den des Belegs für eine Zeit und einen Geist, in denen sich der Klassencharakter der alten Gesellschaft … offenbarte.«

An der Oderberger Straße sollte es nun zum Abriss kommen. Als das Gerücht die Runde machte, formierte sich aber eine derart starke Gegenwehr, dass die Planer von diesem Vorhaben Abstand nahmen. In einem ähnlichen Fall in der Rykestraße wurde 1989 eine Kommission gebildet, in der die Bewohner mit ihren Gegenvorschlägen Gehör finden sollten, wie Meißner berichtet.

In der Diskussion nach ihrem Vortrag meldet sich ein Mann und fragt, ob es mehr als 35 Jahre nach der Wende nicht an der Zeit sei, sich von den Denkmustern des Kalten Kriegs zu befreien. Streit um den Abriss von Altbauten habe es doch nicht nur in der sicherlich autoritär regierten DDR gegeben, sondern parallel auch im demokratischen Westberlin.

Dort mündeten die Auseinandersetzungen von Bevölkerung, Politik und Investoren in massive Zusammenstöße mit der Polizei. Schließlich hatten die Maikrawalle der 80er Jahre in Kreuzberg einen Ursprung in der Wut über die Abrisspläne im Stadtbezirk, die am Kottbusser Tor schon in die Tat umgesetzt waren. Dagegen richteten sich Hausbesetzungen, die auch Instandbesetzungen genannt wurden, weil die Besetzer gezielt vernachlässigter Immobilien mit ihren bescheidenen Mitteln versuchten, Dächer und andere Dinge zu reparieren.