Man muss Jahrmärkte und ähnliche Veranstaltungen nicht mögen, um mit denjenigen zu leiden, die dort für Riesenräder, Fahrgeschäfte und Zuckerwatte sorgen. Was haben die Schausteller im Norden in den vergangenen Jahren nicht alles mitgemacht: Corona-Pandemie, Finanzkrise, Ukraine-Krieg samt wirtschaftlicher Talfahrt eines ganzen Landes und jetzt auch noch der Nahost-Konflikt, der erneut die Preise in die Höhe treibt. Natürlich kann man sagen: Die sollen mal nicht maulen, schließlich geht es allen anderen auch so. Gleichwohl haben die Schausteller kaum eine Lobby, wie etwa die Autofahrer oder die Gastronomen. Sie stehen weitgehend allein da mit ihren Problemen, die kaum einer vernimmt. Wenn wieder ein Fahrgeschäft vom Jahrmarkt verschwindet, eine Würstchenbude weniger da ist – wer kriegt das schon mit?
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Forderung liegt mehr als 40 Prozent über dem Durchschnitt
Jetzt schlagen die Schaustellerverbände Schleswig-Holsteins erneut Alarm. Grund dafür sind Forderungen der Stadt Kiel. Die Landeshauptstadt hat nämlich nach Angaben der Betroffenen so dermaßen an der Preisschraube für Stromanschlüsse gedreht, dass sich die Betriebe in ihrer Existenz bedroht sehen. 1000 Euro vorab – statt üblicherweise 150 bis 200 Euro – verlangen demnach die Stadtwerke Kiel neuerdings und anschließend 45 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: im Durchschnitt liegt der Strompreis (Stand: 10. April) bei 27,6 Cent pro Kilowattstunde, inklusive Steuern und Abgaben bei Neukunden, Bestandskunden zahlen durchschnittlich 31,2 Cent pro Kilowattstunde.
Ob der Preisaufschlag für die Schausteller gegenüber den Durschschnittshaushaltspreisen wegen zusätzlicher Kosten gerechtfertigt ist? Schwer zu sagen. Aber ein Aufschlag von mehr als 40 Prozent – das erscheint tatsächlich happig. Und es scheint auch so, als gehe es anders. So wie in der Schaustellerstadt Neumünster. Stadtsprecherin Lina Kotur: „Die Schausteller sind ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens in der Stadt und tragen wesentlich zur Attraktivität städtischer Veranstaltungen bei. Die Stromkosten rechnet die Stadt Neumünster den Schaustellern zum Selbstkostenpreis ab.“
Immaterielles Kulturerbe in Gefahr
In diesem Zusammenhang sei nicht nur an die vielen Familien erinnert, die mit ihren Kleinbetrieben für den Trubel auf Märkten und – Achtung – auf der Kieler Woche sorgen, sondern auch an das Schaustellergewerbe, das anerkanntes immaterielles Kulturgut ist. Dafür kann sich niemand etwas kaufen, aber abwürgen sollte man es tunlichst auch nicht.