Eine Schauspielerin im Rollstuhl, und drei weitere Schauspieler auf der Bühne

AUDIO: Was macht der „Draufsichtsrat“ am Schauspiel Hannover? (4 Min)

Stand: 12.04.2026 10:41 Uhr

Der „Draufsichtsrat“ lädt Kinder und Jugendliche ein, bei Produktionen mitzubestimmen. „Deutsch, Du Schuft!“ ist sein erstes Stück und verhandelt die Frage, wer eigentlich bestimmt, was richtiges Deutsch ist. Am Freitagabend hat es Premiere am Schauspiel Hannover gefeiert – ein Probenbesuch.

von Agnes Bührig

Vor einer orangefarbenen Kulisse aus Küchenzeile und Wohnzimmerwand manövriert Kübra Sekin ihren elektrischen Rollstuhl schnittig durch einen kleinen Raum. Zusammen mit weiteren drei Schauspielern begrüßt sie das junge Probenpublikum per Handschlag. Dann bewegen die vier ihre Handflächen vor dem Körper auf und ab, als würden sie jonglieren, und rufen dazu „Six-Seven“. Ein Ausdruck, den Jugendliche wie Schülerin Theresa nutzen. Als Teil des „Draufsichtsrats“ hat sie am Stück mitgearbeitet:

„Plan ist, dass wir immer Einfluss nehmen. Wir haben bestimmte Fragen gestellt bekommen, mit denen wir die Szenen, die wir gesehen haben, beobachten sollten oder Dinge, die uns eben besonders an dem Thema Sprache interessieren“, erzählt Theresa.

„Draufsichtsrat“ gibt Impulse für Theaterstücke

Die Schülerin ist mit anderen Menschen zwischen acht und 21 Jahren im „Draufsichtsrat“ für „Deutsch, Du Schuft!“. Als Mitbestimmungsbeirat hatten sie die Möglichkeit, Impulse zu geben, welche Facetten von Sprache das Theaterstück beleuchtet, wie es künstlerisch umgesetzt wird. Langfristig soll das Gremium zu mehr als nur einem Mitmach-Projekt werden und in die Strukturen des Schauspiels Hannover verankert werden, eine Art Aufsichtsrat werden.

„Es ist wichtig, Theater für junges Publikum zu machen – eigentlich total blöd, Theater für junges Publikum ohne die Meinung und Perspektiven von jungen Menschen zu machen. Deswegen glaube ich, dass es eine größere Verbindung gibt zwischen den Theaterschaffenden, den Kindern und Jugendlichen, die mit uns arbeiten, und dem Publikum. Und dass es neue Möglichkeiten eröffnet, sich zu begegnen und gehört zu werden als junge Person“, so Dramaturgin Kat Heß.

Der „Draufsichtsrat“ ist der Kinder- und Jugendaufsichtsrat des Jungen Schauspiel Hannover, der ab der Spielzeit 25/26 in Aktion tritt.

Schmatz-Verbot im Theater

Nun eine Aufgabe ans Probenpublikum: Was ist das Schönste an der deutschen Sprache? Komplexe Wörter zu bilden etwa! Dann noch das Wort „Verbot“ angehängt, schon wird eine Regel draus. Nächste Frage: Was geht im Theater nicht? Antwort: „essen und trinken“ und „schmatzen“. Daraus wird leicht „Ess- und Trink-Verbot“, „Schmatz-Verbot“.

In einem Chatverlauf ist der Satz "(...) und ich glaub er gibt uns ein side eye auf dem Bild" zu lesen

Die Boomer-Generation hatte nicht viel mehr als „cool“ und „geil“. Gefühlt ist Jugendsprache heute viel mehr in aller Munde. Aber ist das wirklich so?

Jugendsprache als Selbstermächtigung

Dann beginnt Schauspielerin Alrun Hofert auf Badisch zu schwätzen. Da verstehen nicht mehr alle alles. Bei der Jugendsprache sei es nicht anders, sagt Kat Heß:

In der Zusammenarbeit mit dem Draufsichtsrat ist mir aufgefallen, dass wir ‚Jugendsprache‘ als erwachsene Menschen total abtun. Darin gibt es ein Lexikon an Worten, die Erwachsene nicht verstehen. Stattdessen wird es als Nonsens oder als keine kluge Sprache abgetan. Dabei handelt es sich um eine eigene Sprache und auch eine Selbstermächtigung von Kindern, die sich somit auch abschotten können.

Dramaturgin Kat Heß

Etwa, weil Erwachsene in der Regel nicht wissen, was zum Beispiel „Six-Seven“ bei gleichzeitiger Jongliergeste bedeutet, nämlich: nichts. Denn Sprache ist auch ein Machtmittel, sagt Kat Heß. Wer sie versteht, ist dabei, wer nicht, außen vor. Um sich gegenseitig zu verstehen, könnten auch Erwachsene mehr Ausdrücke der Jugendsprache lernen. Wie wäre es beispielsweise mit „Horror-Hacks“? Bedeutung: die Stimme der eigenen Mutter hören, obwohl sie gar nicht da ist – ein Ausdruck, den der Draufsichtsrat für das Stück erfunden hat.

Zwei Männer und zwei Frauen stehen mit Sektgläsern in der Hand zuprostend auf einer Bühne.

Seit 15 Jahren tourt das Stück durch die Welt und bringt vor Ort Laien auf die Bühne. nun läuft es am Schauspiel Hannover.

Szene aus dem Theaterstück "Gewässer im Ziplock": Eine junge Frau sitzt mit verschränkten Armen auf der Bühne, während drei weitere Menschen in uniformähnlicher Kleidung im Hintergrund stehen

Lena Braschs Inszenierung erzählt vom Erwachsenwerden einer jungen Jüdin. Das Jugendstück verbindet Humor, Politik und Identitätssuche.

Eine Schauspielerin im Rollstuhl, und drei weitere Schauspieler auf der Bühne

Theater für Jugendliche: „Draufsichtsrat“ feiert ungewöhnliche Premiere

Gemeinsam mit jungen Menschen – das ist das Motto des „Draufsichtsrats“ in Hannover. „Deutsch, Du Schuft!“ ist erstmals über die Bühne gegangen.

Datum:
10.04.2026, 18:30 Uhr
15.04.2026, 18:30 Uhr
16.04.2026, 11:00 Uhr
26.04.2026, 16:00 Uhr
27.04.2026, 11:00 Uhr
05.05.2026, 18:30 Uhr
06.05.2026, 10:00 Uhr
Ort:

Schauspiel Hannover

Prinzenstraße 9

30159

Hannover

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