Die Europäischen Tage des Kunsthandwerks laden jedes Jahr im Frühling dazu ein, hinter Türen zu schauen, die sonst verschlossen bleiben und eine dieser Türen führt zu einem besonderen Optikergeschäft, in die Brillenmodelei im Leipziger Westen.

In dem hellen Laden reiht sich Brille an Brille und mittendrin die Werkbank von Jana Hoffmann-Kirchner und ihrem Mann Malte Kirchner. Hier verpassen die beiden Optiker den Menschen nicht nur das perfekte Gestell für die Nase, hier riecht es auch ein wenig nach Geschichten. Denn die Brillenmodelei hat sich nicht nur auf individuelle Anfertigungen spezialisiert, sondern auf etwas, das in unserer Wegwerfgesellschaft fast magisch wirkt: Sie macht Uromas alte Brille wieder tragbar. Und damit haben die beiden eine Nische in der Optikerwelt besetzt, die nicht nur in Sachsen eine große Anhängerschaft besitzt.

Letzte Hoffnung Brillenmodelei

An eines dieser besonderen Brillengestelle kann sich Optikermeister Malte Kirchner noch gut erinnern. Ein Kunde brachte ihm eine aus den 1890er Jahren gefertigte Messingbrille aus China mit. Faltbar war sie mal und sollte es wieder werden. „Alle haben gesagt: ‚Nein, das machen wir nicht, ist uns zu heiß'“, erinnert sich Kirchner. „Wir haben es probiert und haben gesagt: ‚Es funktioniert.‘ Und jetzt ist der Kunde sehr glücklich.“

Wir haben es probiert und haben gesagt: ‚Es funktioniert.‘ Und jetzt ist der Kunde sehr glücklich.

Malte Kirchner
Brillenmodelei Leipzig

So werden in der Brillenmodelei aus Dachbodenfunden, verblassten Erbstücken oder aus der alten Lieblingsbrille wieder funktionale Accessoires. Fehlende Bügel werden ersetzt, Nasenstege rekonstruiert, Gläser geschliffen, winzige Schrauben verbaut, Gestelle poliert.

Nachhaltiges Handwerk statt Massenware

Fast jede alte Brille lasse sich so umarbeiten und bekomme damit ein zweites Leben, sagt Jana Hoffmann-Kirchner. Mit handwerklichem Können und den richtigen Materialien. Darauf legt die Optikermeisterin auch Wert bei der Bestellung von Neuware. Nur Gestelle aus Materialien, die nachhaltig und reparabel sind, landen in den Regalen. Gekauft wird bei kleineren Unternehmen und Manufakturen, möglichst aus der Region. Bestellt wird jeweils nur ein Modell. Geht das über die Ladentheke, gibt das Paar ein Versprechen ab. „Wenn jemand bei uns eine neue Brille kauft, dann gewähren wir, dass wir das Modell ein Jahre lang nicht in unserem Kiez verkaufen,“ sagt Jana Hoffmann-Kirchner, ein klares Statement gegen Massenware.

Wenn jemand bei uns eine neue Brille kauft, dann gewähren wir, dass wir das Modell ein Jahre lang nicht in unserem Kiez verkaufen.

Jana Hoffmann-Kirchner
Brillenmodelei Leipzig

Optiker – ein faszinierender Beruf mit vielen Facetten

Schaut man den beiden beim Arbeiten zu und hört wie sie über ihren Beruf sprechen, spürt man ihre Faszination für das Handwerk. Es vereine Medizin, Einzelhandel und Handwerk, sagt Malte Kirchner. Und Jana Hoffmann-Kirchner stellt fest, dass trotz der großen Konkurrenz von Filialen wie Apollo oder Online-Handel, die Menschen mit ihren defekten Brillen zu ihnen kommen, „weil hier echte Menschen in einer echten Werkstatt stehen“.

Die Leute kommen zu uns, weil hier echte Menschen in einer echten Werkstatt stehen.

Jana Hoffmann-Kirchner
Brillenmodelei Leipzig

Die Brillenmodelei zeigt, wie Handwerk Tradition und Moderne verbinden kann: nachhaltig, persönlich und mit großer Liebe zum Detail. Genau dafür stehen die Europäischen Tage des Kunsthandwerks – und genau deshalb lohnt sich ein Blick hinter manche Kulisse.

Europäische Tage des Kunsthandwerks
Die Europäischen Tage des Kunsthandwerks, kurz ETAK finden jedes Jahr zeitgleich Anfang April statt. Inzwischen nehmen 24 europäischen Ländern teil. In laden in diesem Jahr in zehn Bundesländer Ateliers und Werkstätten zum Schauen oder Mitmachen ein. Nach Angaben des sächsischen Wirtschaftsministerium nehmen im Freistaat rund 200 Betriebe teil. Damit ist Sachsen das teilnehmerstärkste Bundesland. In diesem Jahr finden die ETAK zum zwölften Mal statt.

Handwerkskammer Berlin