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Junger Weizen im polnischen Ilza. Das Land produziert viel Getreide. © NurPhoto/Imago
Polens Bäuerinnen und Bauern beklagen ihre miserable Lage in der Landwirtschaft. Sie nutzen ihren Einfluss und ihre Macht in der Regierung geschickt aus.
US-Präsident Donald Trump sagte Anfang 2025 einen Satz über den Ukraine-Krieg, der für massive Verstimmung in Europa sorgte: „Dieser Krieg ist für Europa wesentlich wichtiger als für uns, denn ein großer und schöner Ozean trennt uns davon.“ Die Aussage fiel nach dem ersten Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin. Damit stieß Trump nicht nur die europäischen Nato-Verbündeten und die ukrainische Führung vor den Kopf, sondern zeigte schon damals, dass er die gesamtwirtschaftlichen globalen Zusammenhänge nicht versteht.
Denn seine Bewertung, dass die USA nur ein relativ geringes Interesse an der Lösung des Ukraine-Konfliktes haben, stimmt inhaltlich nicht: Denn bei den beiden Kriegsgegnern handelt es sich um Big Player in der weltweiten Agrarindustrie. Russland und die Ukraine haben in den vergangenen Jahren zwischen einem Viertel bis einem Drittel zu den globalen Weizenexporten beigesteuert – abhängig davon, ob man die Tonnage oder den Wert des Verkaufs als Grundlage nimmt.
Ihr Anteil am international verzahnten Business ist so groß, dass der Westen davon abgesehen hat, die russische Agrarindustrie wegen des Ukraine-Krieges direkt mit Sanktionen zu belegen. Die Agrarpolitikerinnen und -politiker haben Angst, dass dadurch auf dem Weltmarkt die Preise in unkontrollierter Weise in Bewegung kommen. Der Krieg in der Ukraine betrifft so unmittelbar die weltweite Agrarindustrie und damit auch die Versorgung mit Brot. Und genau dies liegt auch im Interesse von Trump, der insbesondere die Belange der US-Farmerinnen und US-Farmer vertreten will.
Wie groß der Einfluss der polnischen Landwirtinnen und Landwirte auf den Ukraine-Krieg ist
Ein europäisches Land, das aufgrund seiner wirtschaftlichen Größe und Interessen über den militärischen Konflikt in der Ukraine mitentscheidet, ist Polen mit seiner starken Agrarindustrie. Die polnischen Bäuerinnen und Bauern dürften nach einem möglichen Ende des Krieges, das noch nicht abzusehen ist, in jedem Fall intervenieren und sagen, ob und wie die Ukraine in die EU dauerhaft eingebunden wird. Denn sie haben dieselben Interessen wie ihre osteuropäischen Nachbarn.
Die polnische Bauernpartei PSL hat eine relativ starke Position in der amtierenden Regierung. Dabei stellt sie neben dem Agrarminister auch den Verteidigungsminister und den stellvertretenden Premier. Diesen Einfluss der polnischen Landwirtinnen und Landwirte sehen viele internationale Beobachter weniger, weil sie sich überwiegend auf die Außenpolitik und das Militär konzentrieren.
„Wir haben Preise wie vor zwanzig Jahren, die Liquidität der Landwirte ist gefährdet, unsere Kosten steigen, und die Beschaffung bestimmter Materialien ist sehr teuer.“
Hintergrund: Polen produziert pro Jahr zwischen 35 und 36 Millionen Tonnen an Getreide, wovon rund die Hälfte auf die Herstellung von Weizen entfällt. Das Land gehört damit zu den drei größten Produzenten in der EU. Zum Vergleich: Frankreich kam 2025 mit 48 Millionen Tonnen auf den ersten Platz. Deutschland erreichte 2025 mit 40 Millionen Tonnen den zweiten Rang, und die gesamte EU stellte etwa 278 Millionen Tonnen her. „Polen ist eine große Nation wie Frankreich“, sagte Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) bei einem Besuch in Warschau einmal.
Doch jetzt droht durch Warschau eine Blockade der Integration der Ukraine in die EU. Denn den polnischen Bäuerinnen und Bauern geht es wirtschaftlich nicht gut. Eine weitere kostengünstige Konkurrenz aus dem Osten können sie derzeit nicht gebrauchen.
Polnische Landwirte blockieren mit ihren Traktoren im Jahr 2024 den Verkehr während eines landesweiten Protestes. (Archivbild) © Leszek Szymanski/dpa„So etwas hat es noch nie gegeben“: Situation der Landwirte in Polen
„In diesem Jahr ist die Lage der Landwirte sehr schlecht, so etwas hat es noch nie gegeben“, sagte Marian Sikora, ein Vertreter der Bäuerinnen und Bauern. „Wir haben Preise wie vor zwanzig Jahren, die Liquidität der Landwirte ist gefährdet, unsere Kosten steigen, und die Beschaffung bestimmter Materialien ist sehr teuer“, erklärte der Chef der Bauernvereinigung Federacja Branżowych Związków Producentów Rolnych (FBZPR). Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse seien sehr billig, und es gebe noch keinen Abnehmer. „Dies ist das Schlimmste“, warnte der Bauernvertreter.
Grundsätzlich kühlt sich gerade die Stimmung im Land gegenüber den ukrainischen Flüchtlingen ab. Der nationalkonservative Präsident Karol Nawrocki und die Regierung, die dem gegnerischen Lager angehört, haben auf Druck der Bevölkerung Anfang 2026 den Ukrainerinnen und Ukrainern Sozialleistungen gekürzt. „Stoppt die Ukrainisierung“, hat auch immer wieder Grzegorz Braun, der Vorsitzende der Partei Konfederacja Korony Polskiej (KKP), gefordert. Seine Partei befindet sich ganz am rechten Rand – und kann Wahlen mitentscheiden.
„Der Integrationsprozess muss gut vorbereitet und über die Zeit gestreckt werden, sodass die Sensibilität der einzelnen Agrarmärkte in den Mitgliedstaaten berücksichtigt wird“, trat auch der polnische Agrarminister Stefan Krajewski bei der Einbindung der Ukraine auf die Bremse. Es lohne sich daran zu erinnern, dass am 5. Juni 2025 die vollständige und einseitige Liberalisierung des Imports aus der Ukraine beendet wurde, die nach Ausbruch des Krieges im Juni 2022 eingeführt worden war. „Derzeit erfolgt der Handel wieder auf der Grundlage des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und der Ukraine“, sagte Krajewski.
Aus Sicht der polnischen Landwirtschaft sei entscheidend, dass die Ukraine – im Hinblick auf eine mögliche Mitgliedschaft – die EU-Standards für Produktion und Lebensmittelsicherheit vollständig umsetze. „Dies betrifft unter anderem die Kontrolle von Pestizidrückständen, Umweltanforderungen, Tierschutz sowie Regeln im Zusammenhang mit Klimaschutz und Arbeitnehmerrechten“, sagte der Politiker. Gleiche Standards seien die Grundlage für fairen Wettbewerb auf dem gemeinsamen Markt. (Von Sebastian Becker)