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Durch die Schutznetze hindurch sucht ein Jäger den Himmel ab. Die Hündin Shelma ist nie fern. © Till Mayer
Hinter den Frontlinien der Ukraine holen Drohnenjäger die todbringenden russischen Fluggeräte vom Himmel. Ein gefährlicher Job. Aber einer, der Zeit lässt zum Nachdenken über den fernen Krieg im Iran.
Leere und Zerstörung: Gegenüber der Tankstelle stehen zwei ausgebrannte Pickups halb im Gebüsch. Die Tankstelle selbst ist eine Ruine. Im Asphalt klafft ein Krater. Über den demolierten Zapfsäulen wölbt sich nur noch ein Stahlgerippe. Darunter schwarz und glaslos der ehemalige Verkaufsraum. Eine Handvoll Soldaten ziehen auf der Straße daran vorbei. Drohnenjäger. Wie gepanzerte Ritter wirken sie mit ihren schusssicheren Westen, schweren Stiefeln und Helmen. Die Sturmgewehre mit aufgesetztem Zielfernrohr passen allerdings nicht so ins Bild.
Bange Momente während der Suche nach einer anfliegenden Drohne. Niemand rührt sich mehr. © Till Mayer
Für Ritter-Romantik ist das ohnehin kaum der richtige Ort. An der Seite ziehen sich Stacheldrahtrollen. Über den Köpfen spannt sich ein Tunnel aus Netzen. Bis zum Horizont. Immer wieder aufgerissen, wo es einen Einschlag gegeben hat. Die Jäger trotten durch eine Todeszone. Die erstreckt sich bis zu 20 Kilometer tief von den Verteidigungslinien entfernt ins Hinterland. „Grad“-Raketen schlagen hier ein, Gleitbomben und Artilleriegranaten. Und dazwischen surren Kamikaze-Drohnen umher, die Jagd auf alles machen, was sich bewegt.
Drohnenkampf
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Wochenende bestätigt, dass Spezialkräfte für Drohnenabwehr und elektronische Kriegsführung in den vergangenen Wochen in den Golfstaaten im Einsatz waren: „Wir haben dort sogar Drohnen abschießen können, die mit Düsentriebwerken ausgestattet waren (…) Wir haben bewiesen, dass das funktioniert“, zitierte ihn der „Kyiv Independent“. „Das war keine Trainingsmission. Das war Hilfe beim Aufbau eines modernen Luftverteidigungssystems.“
Gleichzeitig dient der Einsatz am Persischen Golf als Werbung für andere potenzielle Partner der von Putins Russland im nun zwölften Jahr bedrängten Ukraine. Das Fachmagazin „Foreign Policy“ notierte erst vorige Woche, dass Interessenten „Schlange stehen“ für Kooperationen mit den Ukrainern. Die Hilfe für den Golf hat nämlich den Beweis erbracht, dass die ukrainische Expertise nicht des geografischen Heimvorteils bedarf, sondern auf variablen Schlachtfeldern reüssiert.
Am Golf wurden zum Stichtag 9. April Abschussraten für iranische Geschosse und Geräte von 80 bis 90 Prozent verzeichnet, wie das Washingtoner Center for Strategic and International Studies zusammengetragen hat. FR
Vor allem Militärfahrzeuge sind die Ziele. Die transportieren Mannschaften und Material und kündigen sich mit aufheulenden Motoren an. Dann rasen sie über den Asphalt, als würden sie auf einer Startbahn abheben wollen. Mit vollem Tempo geht es Richtung Kostjantyniwka. Geschwindigkeit ist überlebenswichtig. Je schneller, desto schwieriger ist es für den russischen Drohnen-Piloten, sie zu treffen. So donnern die Wagen mit brutaler Beschleunigung Richtung der Verteidigungslinien. Kostjantyniwka ist eine Geisterstadt, mittlerweile größtenteils ein Ruinenfeld. Zusammengebrochene und ausgebrannte Wohnblocks reihen sich dort aneinander. Der Bahnhof nur noch Schutt. Selbst die Kirche gegenüber ist eine Ruine. In den Vororten, Richtung Osten, stehen schon die Russen.
An dem kleinen Jagdtrupp zischt ein Pick-up vorbei. Hinten sitzen Soldaten, Gewehre im Anschlag, um auf anfliegende Drohnen zu schießen. Die sollen ihnen die Kameraden auf dem Asphalt vom Hals halten und auch jene Drohnen eliminieren, die die feindlichen Piloten auf der Fahrbahn absetzen. Meist mit einer Panzerfaust-Granate bestückt, warten sie und steigen auf, wenn sich ein Fahrzeug nähert.
Ein Scanner spiegelt das Sichtfeld des Feindes
„Oder ein unvorsichtiger Zivilist“, murmelt einer der Soldaten ärgerlich. In der Ferne schiebt eine Frau ein Fahrrad längst der Straße durch ein halbzerstörtes Dorf. Zwischen Ruinen und Bäumen haben sich Soldaten verschanzt. Und just taucht eine Drohne in der Nähe auf. Die Einheit hat einen Scanner dabei, der ortet die Radiowellen des feindlichen Fluggeräts. Ist es nah genug, wird auf dem Monitor sichtbar, was der russische Drohnen-Pilot sieht. Ein gespenstisches Gefühl beschleicht einen, sieht man sich mit fremden Augen selbst. Und gefährlich ist das. Treffen die Soldaten die Drohne nicht, bleiben sie das Ziel.
Da und dort beginnen Gewehre zu knattern Richtung Himmel; ein hämmerndes Maschinengewehr kommt hinzu. Mittlerweile ist die Frau mit ihrem Rad auf rund 20 Meter heran. Die Schüsse fallen nun ohne Unterbrechung. Sie weiß offensichtlich nicht, was sie tun soll. So bleibt sie stehen. Ein Drohnenjäger schießt, ein anderer sucht eine neue Position und nimmt von dort das Feuer auf. Dann ist die Drohne abgeschossen. Die Jäger marschieren weiter. Vorbei an einer jungen Frau mit versteinertem Gesicht.
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Putin will ein Imperium schaffen
Nach einiger Zeit passieren die Drohnenjäger eine ehemalige Fabrik. Die Stimmung ist gut. Seit geraumer Zeit läuft eine Hündin mit. Die Soldaten kennen sie. Sie hat den wenig schmeichelhaften Namen Shelma bekommen. Sehr diplomatisch übersetzt heißt das so etwas wie „Schlingel“. Der Name kommt daher, weil das Tier sich gelegentlich etwas eigenartig verhält. So bei einem älteren Mann, der etwas wackelig auf seinem Rad des Weges kommt. Die Hündin kläfft und umrundet ihn. „Hör auf“, ruft schließlich Ruslan, einer der Drohnenjäger, und pfeift. Sogleich trottet die Hündin wieder neben den Soldaten her.
Ein Artillerieschlag rollt heran
Die loben die Treue des Tiers, das schon seit einigen Kilometern an ihrer Seite bleibt. Die Fabrik ist eine Ruine, wie auch die anderen Häuserblocks in der Umgebung. Dann schlägt plötzlich eine Artilleriegranate ein. Aber weit genug weg; es wird weiter gescherzt. Dann kracht es wieder. Näher. Dieses Mal so laut und nahe, dass die Soldaten zu laufen beginnen. Weg von der Straße in die nächste Ruine hinein. Das Mauerwerk bedeutet wenigstens Schutz vor Splittern. Der dritte Einschlag zerreißt die Luft mit lautem Knall. Dann wird es ruhig.
„Ein ganz normaler Tag“, lacht Ruslan. Vor den Trümmern stecken sie sich nach dem Schreck eine Zigarette an. Der Monitor zeigt keine Drohnen. Auf der Straße jagt wieder ein Wagen vorüber. „Wenn das mit dem Krieg gegen den Iran so weitergeht, kann es zu Benzin-Rationierungen kommen, hab’ ich gehört“, sagt Ruslan. Seitdem Ende Februar die Angriffe auf Teheran begannen, sind die Soldaten aufgefordert, zu sparen. „Aber wie? Wenn unsere Jungs langsamer fahren, kriegen sie einen Drohnentreffer“, wirft einer ein. Dann geht es um die steigenden Spritpreise im ganzen Land. „Schlimm ist das“, meint der 26-Jährige Ruslan und dreht nachdenklich an seinem Bart.
So ist der Krieg in einem anderen Erdteil im Donbass, mitten im Kampfgebiet, plötzlich das Hauptthema. Den Soldaten ist bewusst, dass es nicht nur um Ölpreise geht. Die USA ist kaum noch als Partner zu sehen. Trumps Wankelmut kommt Putin zugute. Vielleicht lässt der Amerikaner die Ukraine jetzt auch endgültig fallen. Russland ist der große Verdiener am Krieg gegen den Iran. Steigende Öl- und Gaspreise füllen die Kriegskasse des Aggressors wieder auf. In den internationalen Medien verschwindet der Krieg in der Ukraine aus den Schlagzeilen. Ruslans Kampf droht weltweit in Vergessenheit zu geraten.
Soldaten in Uniform sind im Dienst keine politischen Aussagen erlaubt. Sein Kamerad Sergej umgeht es geschickt: „Wir werden alles dafür tun, dass niemand die Ukraine vergisst“, sagt der Soldat.
Ruslan nickt nachdenklich. Dann erzählt er von einem russischen Drohnenangriff auf einen kleinen Evakuierungstransporter. „Zwei Seniorinnen hat es regelrecht die Köpfe abgerissen. Eine weitere hat verletzt überlebt. Wir haben sie aus dem Wagen geborgen“, erzählt der Bärtige und schüttelt ärgerlich den Kopf. „Die Russen halten sich nicht ans Völkerrecht, an die Genfer Konvention. Was geht in so einem Drohnen-Piloten vor, dass er Großmütterchen tötet?“ Und fügt hinzu: „Die Welt muss doch sehen, was hier geschieht.“
Doch die Welt steht Kopf. 200 ukrainische Drohnen-Spezialisten haben Saudi-Arabien, Jordanien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten bei der Abwehr der iranischen Shaheds geholfen. Die fehlen in der Heimat. Die Unterstützung wichtiger US-Verbündeter gilt als Geste gegenüber Washington. Kiew erhofft sich wiederum von den arabischen Staaten auch dringend benötigte „Patriot“-Raketen.
Die braucht es, um selbst ballistische Raketen abzufangen. In den ersten Tagen des Krieges gegen den Iran verschossen die angegriffenen Länder mehr als 300 Patriots. Oft holten sie damit nur billige Shahed-Drohnen vom Himmel – Massenware der Zerstörung. Die 300 Patriots sind mehr als das, was seit 2022 an die Ukraine geliefert wurde.
Mit Langstrecken-Drohnen und Raketen terrorisiert Russland die ganze Ukraine. Die Flak schützt, was Ruslan am wichtigsten ist: seine Frau und den kleinen Sohn bei Schytomyr. Die Ukraine hat nun schon vier Jahre durchgehalten. Die konstante Not hat erfinderisch gemacht. Der weltweite Spritmangel ist die jüngste Herausforderung. Ruslan möchte am liebsten gar nicht drüber nachdenken. Jeden Tag schießt er mindestens zwei Drohnen ab. „Das ist meine Aufgabe und alles, was ich jetzt tun kann.“